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WELTREPORTER: «Er glaubte, jedes Wort aus seinem Mund sei Gold»

Che Guevera, Michail Gorbatschow, Willy Brandt oder der König von Kambodscha – er hat sie alle getroffen: Pierre Simonitsch (80), UNO-Korrespondent unserer Zeitung, erzählt aus seinem abenteuerlichen Leben.
Turi Bucher
Pierre Simonitsch (links) mit Norodom Sihanuk, dem früheren König von Kambodscha. (Bild: PD)

Pierre Simonitsch (links) mit Norodom Sihanuk, dem früheren König von Kambodscha. (Bild: PD)

Interview: Turi Bucher

arthur.bucher@luzernerzeitung.ch

Pierre Simonitsch, Sie leben seit Jahrzehnten als Österreicher in Genf. Wo und wie sind Sie aufgewachsen ?

Geboren bin ich 1937 in Wien. Ich stamme aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Ich war also erst zweijährig, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Wir mussten jeden Tag in den Luftschutzkeller. Mein Vater ist im Krieg gefallen. Wenn es etwas gibt, was der Krieg mir eingeimpft hat, dann ist es das: den Hass auf den Nationalsozialismus und auf den Faschismus. Der ist mir bis heute geblieben.

Wie sind Sie zum Journalistenberuf gekommen?

Ich konnte in Wien eine Schriftsetzerlehre absolvieren. Das war für mich das höchste aller Gefühle. Danach besuchte ich die gra­fische Hochschule. 1957 verliess ich Wien. Für den «France Observateur», heute L’Obs genannt, konnte ich als Journalist die ersten Artikel schreiben. Es war eine Zeit, als die Zeitungen noch viel Geld hatten … und es auch ausgaben. Ich bin als Journalist rund um die Welt gereist.

Und Sie sind in Genf sesshaft geworden.

Ja. Ich bin seit den 60er-Jahren in Genf wohnhaft. Dort habe ich als 27-Jähriger im Verlaufe der UNO-Welthandelskonferenz Che Guevara interviewt.

Das können nicht viele Journalisten von sich behaupten.

Che Guevara hatte sich eben erst mit Fidel Castro zerstritten und war zum kubanischen Industrieminister runtergestuft worden. Che war damals noch kein grosser Name im Westen, er wurde ja erst nach seinem Tod zur Ikone. Aber er trat schon damals mit der berühmten Béret-Mütze und dem Kommandantenstern auf.

Wie war die Begegnung mit Che?

Er sprach perfekt Französisch, und wir trafen uns vier-, fünfmal in einem Genfer Café zum Frühstück. Er war ein ziemlicher Kontrollfreak. Er brachte auf meinen Manuskripten zahlreiche Änderungen an, reklamierte auch bei den Fragen und meinte, ich hätte diese oder jene Frage damals doch anders gestellt. Ja, er formulierte selbst meine Fragen um. Am Schluss unterschrieb er das Interview mit Che. Das habe ich natürlich bis heute aufbewahrt. Che Guevara hatte Charisma, war sympathisch und lächelte immer. Politisch war er aber auch doktrinär, unflexibel und radikal.

Später haben Sie auch die Gräueltaten des Roten-Khmer-Führers Pol Pot in Kambodscha hautnah miterlebt. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit in Südostasien?

Ich war erschüttert, als ich dieses Bild der Zerstörung in Phnom Penh sah. Überall gab es diese schrecklichen Hügel. Mit Leichen aufgetürmte Hügel.

Konnten Sie auch mit Pol Pot sprechen?

Ich habe alle Führer der Roten Khmer interviewt, ausser Pol Pot selber, der versteckte sich im Dschungel. Dafür konnte ich in Genf Norodom Sihanuk, den ehemaligen König von Kambodscha, treffen. Die Interviewanfrage kam sogar von ihm selber. Er führte praktisch einen Monolog, so dass ich hinterher künstliche Fragen in den Text schieben musste. Sihanuk glaubte, jedes Wort aus seinem Mund sei Gold.

Anfang der 90er-Jahre waren Sie in der damaligen Sowjetunion …

… und habe den Zusammenbruch der kommunistischen Welt erlebt. Die Panzerdivisionen fuhren in Moskau ein, alle Strassen waren kaputt. Während Michail Gorbatschow am Schwarzen Meer in den Ferien weilte, vermochte Boris Jelzin einen Putsch niederzuschlagen, und schwang sich dabei zum Präsidenten auf. Im sogenannten «Hungerwinter» von 1990 auf 1991 assen die Russen verfaulte Kartoffeln und Kraut. Die ausländischen Diplomaten und Journalisten durften gegen Vorweisen von Devisen und des Passes besseres Essen in einem finnischen Laden kaufen.

Welches war Ihre gefährlichste Reportage?

In den 70er-Jahren reiste ich zu einer Gipfelkonferenz nach Jamaika. Sie war politisch nicht von grosser Bedeutung. Aber als ich das Flughafengelände verliess, brach gerade der Bürgerkrieg aus. Ich stand in Kingston mitten im Kugelhagel, wurde auch von den Einheimischen massiv drangsaliert. 1976 erlebte ich den Bürgerkrieg in Nicaragua hautnah mit. Ich fuhr mit dem Auto mitten in eine Strassenschlacht hinein. Ich wurde von General Somozas Leuten gefangen genommen und auf dem Polizeiposten eingesperrt. Als sich die Kämpfer wieder in die Schlacht stürzten, sass ich ganz allein da und bemerkte, dass die Tür der Gefängniszelle gar nicht verriegelt war. Ich schlich zu meinem Auto und fuhr zu meiner Basis nach Managua zurück.

Das alles klingt ziemlich abenteuerlich …

… in Kambodscha war ich mit viet­namesischen Truppen auf dem Mekong unterwegs. Die Ufer waren von den Roten Khmer besetzt. Mir wurde ein Gewehr zur Selbstverteidigung in die Hände gedrückt. Es war das einzige Mal, dass ich eine Waffe auf mir trug. Ich musste sie nicht ­benutzen. 1982 war ich in Beirut im Herzen des Bürgerkriegs. Die Kämpfer sassen vor den Cafés auf ihren Schemeln und schossen von Zeit zu Zeit einfach so mit ihren Kalaschnikows in die Luft. Als österreichischer Reporter war ich unantastbar, weil Kurt Waldheim zu dieser Zeit UNO-Generalsekretär war.

Ihre eindrücklichste Begegnung mit einem Politiker?

Die grossen Politiker, die ich traf, betrachtete ich nicht als Berühmtheiten, sondern als normale Menschen. Man muss sich das vorstellen: Damals konnte man als Journalist noch in den Kreml reinlaufen und persönlich mit Gorbatschow sprechen. Ich habe die Regierenden der Welt noch persönlich mit all ihren guten und dunklen Seiten kennen gelernt. Einen möchte ich doch hervorheben: den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt. Ich habe Ende der 60er-Jahre in einem Genfer Restaurant den ganzen Abend mit ihm diskutiert. Brandt war ein Mann mit politischer Weitsicht.

Wie hat sich die Schweiz in den vergangenen Jahren auf der internationalen Polit­bühne verändert?

Die Schweiz hat lange Zeit eine politisch aktive Rolle gespielt und viele wichtige Themen mit angestossen. Mittlerweile ist die Rolle der Schweiz unhörbar geworden. Auf dem internationalen Parkett ist es ein wenig hoffnungslos geworden – nicht nur für die Schweiz, für viele andere Kleinstaaten. Die grossen Länder – die USA, China, Russland – beherrschen die Politik.

Welche Themen werden in naher Zukunft die internationale Politik dominieren?

Ich bin kein Prophet. Politische Themen kommen und gehen. Die Umweltproblematik ist da. Die Herausforderung der Islamisten ebenso. Ein grosses Problem ist: Was wird mit Afrika? Der Weltfrieden hängt ab von den USA, den Russen und den Chinesen, die sich auf ein Zusammenleben einigen müssen. Ein weiteres grosses Thema ist das Auseinanderklaffen der Reichtums- beziehungsweise Armutsschere.

Zum Schluss dürfen Sie Donald Trump noch einen Ratschlag geben.

Nun, ich hatte schon bei der Begegnung mit Ronald Reagan den Eindruck, der Mann wisse nicht, von was er rede. Reagan hatte als Schauspieler einfach gelernt, das auswendig zu sprechen, was andere ihm vorsetzten. Ich würde Trump empfehlen, die Politik, die Barack Obama in Gang gebracht hat, weiterzuführen. Das wird er natürlich nie tun, Trump hasst die Politik Obamas.

Pierre Simonitsch (rechts) als Kriegsberichterstatter bewaffnet auf dem Mekong unterwegs. (Bild: PD)

Pierre Simonitsch (rechts) als Kriegsberichterstatter bewaffnet auf dem Mekong unterwegs. (Bild: PD)

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