Wende in den 1960er-Jahren

Schwyz wuchs jahrhundertelang langsamer als andere Kantone. In den 1960er-Jahren aber wurde dies plötzlich ganz anders.

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Luftaufnahme von Freienbach aus dem Jahr 1962 mit neuen Einfamilienhäusern im Vordergrund. (Bild: Historischer Verein Kanton Schwyz)

Luftaufnahme von Freienbach aus dem Jahr 1962 mit neuen Einfamilienhäusern im Vordergrund. (Bild: Historischer Verein Kanton Schwyz)

In diesem Sommer wird die Schweiz bei der Einwohnerzahl die 8-Millionen-Marke überschreiten. Gleichzeitig überschreitet auch der Kanton Schwyz eine Schwelle: jene von 150'000 Einwohnern. Möglich wird dieser Schritt im Kanton vor allem wegen seines überdurchschnittlichen Bevölkerungswachstums in den letzten etwa 60 Jahren.

Schwyz hinkte hintennach

Noch 1799 wohnten auf dem Schwyzer Kantonsgebiet nur gerade 34'000 Menschen, in der ganzen Schweiz waren es damals 1,66 Millionen. «Die Einwohnerzahl der Schweiz hat sich seither um den Faktor 4,8 erhöht, derjenige des Kantons Schwyz um den Faktor 4,3», schreibt Martin Schuler in der «Geschichte des Kantons Schwyz». Schuler ist Geograf und Professor an der ETH Lausanne. Der Lausanner Professor mit Schwyzer Wurzeln hat für die soeben erschienene Kantonsgeschichte die Schwyzer Bevölkerungsentwicklung untersucht.

Langsamer gewachsen

Im Vergleich zur ganzen Schweiz wuchs die Bevölkerung des Kantons Schwyz also zwischen der Französischen Revolution bis zur zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts langsamer an (siehe Box). Noch 1799 machten die Einwohner des Kantons Schwyz 2,01 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus. Weil die übrige Schweiz aber schneller wuchs als der Kanton Schwyz, machten 1960 die Schwyzer nur noch 1,44 Prozent der Schweizer aus.

Dann aber kam die Wende. «Gegen 1960 setzte in den am besten erschlossenen Gemeinden, besonders in Wollerau, ein Zuzug von Auswärtigen ein, von denen viele ihren Arbeitsplatz beibehielten», schreibt Schuler. Im Kanton Schwyz setzte das Arbeitspendeln ein. «Und seither ist Schwyz einer der am stärksten wachsenden Kantone der Schweiz.»

Das Arbeitspendeln dehnte sich bis 1980 auf alle Gemeinden des Kantons aus. Im Jahr 2000 pendelten aus den drei Gemeinden der Höfe nahezu die Hälfte der Erwerbstätigen in ausserkantonale Gemeinden, in Wollerau sogar 55 Prozent. Küssnacht und Arth haben heute eine Pendlerquote von über 40 Prozent, beim Bezirk March ist es mehr als ein Drittel.

Pendler-Einfamilienhäuschen

Eine der vielen Illustrationen der siebenbändigen Kantonsgeschichte zeigt das damalige Bauerndorf Freienbach im Jahr 1962. Wo sich heute längst eine städtisch anmutende Besiedlung breitmacht und alles überbaut ist, lagen 1962 noch Wiesen mit Obstbäumen. Zu sehen ist auf dem Bild aber auch ein erstes Einfamilienhausquartier für Neuzuzüger. Hier siedelten sich die ersten Pendler an. Sie leiteten einen Bauboom ein, der bis heute anhält.

Die Kunsthistorikerin Anja Buschow Oechslin beschreibt ebenfalls in der Kantonsgeschichte, wie dies ablief: «Die grösseren, schon im 19. Jahrhundert gewachsenen Orte wie Schwyz, Einsiedeln oder Küssnacht konnten trotz zahlreicher Ersatzneubauten ihre Ortskerne bewahren. Um sie herum breiten sich heute ölfleckenartig Einfamilienhauskolonien, Terrassensiedlungen und Industrie- und Gewerbezonen aus.» Im ehemaligen Armutsbezirk Höfe habe sich der Bauboom besonders krass ausgewirkt, so Buschow Oechslin.

Kein Bauernkanton mehr

Noch 1910 machten die damals noch 8900 Schwyzer Bauern 33 Prozent der im Kanton Beschäftigten aus. Mit dem Bauboom ab den 1960er-Jahren ging die Landwirtschaft zurück. Bis 2000 sank der Anteil der bäuerlichen Erwerbstätigen im Kanton auf heute nur noch 4,1 Prozent und damit sogar leicht unter das schweizerische Mittel von 4,5 Prozent. Die Gemeindebehörden wurden von der Entwicklung überrollt. Der Kanton Schwyz veränderte sich seit 1960 so stark wie wohl noch nie zuvor in seiner Geschichte. Er wandelte sich vom Agrar- zum Gewerbe- und Dienstleistungskanton.

Bert Schnüriger