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WILDTIERE: «Der Wolf ist nicht gefährlicher als andere Wildtiere»

In der Zentralschweiz könnte sich schon bald ein Wolfsrudel bilden, sagt der Luzerner Jagd­verwalter. Und es dürfte nicht das einzige bleiben.
Interview Eva Novak Interview Eva Novak
Ein Wolf im Gebiet Les Diablerets. Im Kanton Luzern hat er in diesem Jahr bislang sechs Schafe gerissen. (Bild: Keystone/Schmid Maxime)

Ein Wolf im Gebiet Les Diablerets. Im Kanton Luzern hat er in diesem Jahr bislang sechs Schafe gerissen. (Bild: Keystone/Schmid Maxime)

Das erste Schweizer Wolfsrudel hat die beachtliche Grösse von zehn Tieren erreicht. Sind zehn Wölfe auf einem Haufen in freier Wildbahn für den Luzerner Jagdverwalter erfreulich oder Grund zur Sorge?

Otto Holzgang: Es zeigt, dass der Wolf in der Schweiz einen Lebensraum finden und sich erfolgreich fortpflanzen kann. Die Wildbestände sind gut genug, vor allem hat es genügend Rothirsche. Das ist erfreulich.

Das Rudel vom Calanda durchstreift zurzeit ein Gebiet von 150 Quadratkilometern. Macht es hin und wieder auch einen Abstecher in die Zentralschweiz?

Holzgang: Das ganze Rudel nicht. Einzelne Tiere aber können sehr wohl auch in der Zentralschweiz auftauchen. Hundert Kilometer sind für einen Wolf keine Distanz.

Die Einzeltiere können sich zu neuen Rudeln zusammenschliessen. Wie lange wird es dauern, bis es auch in unserer Region ein Rudel geben wird?

Holzgang: Das kann schon bald der Fall sein, aber auch noch Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern. Bisher waren fast alle Wölfe in der Schweiz Männchen. Schneller würde es deshalb gehen, wenn es unter den Jungtieren vom Calanda auch Weibchen hätte, damit sich Paare bilden können.

Wie viele Wölfe haben Platz in der Zentralschweiz?

Holzgang: Angesichts der Grösse des Gebiets muss man davon ausgehen, dass mehrere Wolfsrudel in der Zentralschweiz vorkommen könnten.

Wie viele denn?

Holzgang: Das kann ich nicht sagen. Entscheidend ist letztlich das Nahrungsangebot, also wie viel Wild sich in der Region aufhält. Und ob es Wurfhöhlen gibt, in denen die Wölfe ihre Jungen aufziehen können. Die ökologische Tragfähigkeit – also die Zahl der Wölfe, die ohne menschliche Eingriffe in der Region überleben könnte – wäre sicher wesentlich höher als die gesellschaftlich akzeptierte Anzahl von Wolfsrudeln.

Wie schätzen Sie die gesellschaftliche Akzeptanz des Wolfs ein?

Holzgang: Man muss unterscheiden zwischen den Direktbetroffenen und dem Rest der Bevölkerung. Für Direktbetroffene bedeutet die Präsenz eines Wolfs in der Regel nicht nur Mehraufwand, sondern verursacht auch Ängste um die Nutztiere. Es gibt also nebst der wirtschaftlichen auch eine emotionale Komponente. Das führt natürlich dazu, dass die Akzeptanz wesentlich geringer ist als in der übrigen Bevölkerung.

Was unternehmen Sie, um die Akzeptanz zu erhöhen?

Holzgang: Wir unterstützen die Tierhalter einerseits beim Herdenschutz mit Hunden und Einzäunungen. Anderseits wickeln wir die Schadenfälle rasch und kulant ab. Und wir setzen auf eine offene und rasche Information: Wenn es irgendwo Risse oder andere Hinweise auf den Wolf gibt, leiten wir das sofort weiter. Heimlichtuerei wäre eindeutig kontraproduktiv.

Wie genau wickeln Sie die Schadenfälle ab?

Holzgang: Wir schicken einen Spezialisten vor Ort, der schaut, ob es sich wirklich um einen Wolfsriss handelt. Wenn er das vor Ort entscheiden kann, gilt sein Urteil. Nur wenn er unsicher ist – und das sind die Ausnahmen – arbeiten wir mit genetischen Proben oder schicken das tote Nutztier nach Bern. Dieses Vorgehen gibt den Tierhaltern, die den Schaden haben, meist schon vor Ort Klarheit darüber, ob es eine Entschädigung gibt oder nicht.

Und mehr Geld, als das Schaf sonst einbringen würde, wie Kritiker sagen?

Holzgang: Wir vergolden einen Wolfsriss nicht, es soll aber eine wirkliche Entschädigung sein. Wir richten uns dabei nach der Einschätztabelle des Schweizerischen Schafzuchtverbandes. Der Ansatz mag zwar eher hoch erscheinen. Ich gehe aber davon aus, dass ein verantwortungsbewusster Schafhalter seine Tiere deswegen nicht solchem Stress aussetzen würde.

Wer muss stärker um seine Tiere fürchten: Schafzüchter oder Mutterkuhhalter?

Holzgang: Ganz klar die Schafzüchter. Mutterkühe und Kälber sind in der Regel gut eingezäunt, was schon einen gewissen Schutz bietet. Ausserdem sind Mutterkühe sehr aggressiv und wehrhaft, was für den Wolf ein grösseres Risiko darstellt. Wenn sich ein Wolf eine Verletzung einfängt, bedeutet das meist seinen Tod.

Wie gut ist Luzern zurzeit beim Herdenschutz aufgestellt?

Holzgang: Gut. Weil wir nicht jede Herde schützen können, haben wir mit jenen angefangen, die besonders gefährdet sind. So konnten wir relativ schnell einen funktionierenden Herdenschutz aufbauen – auch dank der Tierhalter, die sehen, dass es ihren Tieren zuliebe geschieht.

Was ist mit der nicht direkt betroffenen Bevölkerung?

Holzgang: Wir informieren sie über den Wolf und seine Biologie – und verschweigen dabei auch die möglichen Konflikte nicht. Beim Wolf tritt der Zwiespalt zwischen Faszination und Furcht besonders deutlich in Erscheinung. Das Märchen vom bösen Wolf scheint beim Mensch tief verwurzelt.

Ist die Furcht wirklich unbegründet, oder gibt es eine kritische Grösse – eine Anzahl Wölfe, ab welcher dem Menschen Gefahr droht?

Holzgang: Der Wolf ist in Europa nicht gefährlicher als andere Wildtiere auch, unabhängig von der Anzahl. In Europa und Nordamerika kam es extrem selten zu Übergriffen von Wölfen auf Menschen und meist unter sehr speziellen Umständen: Ein einzelner Wolf kann ebenso wie ein Fuchs gefährlich werden, wenn er Tollwut hat. Die Schweiz ist aber tollwutfrei. Ausserdem spielt das menschliche Verhalten eine Rolle. In die Enge getriebene Tiere können gefährlich werden, sei es Dachs oder Wolf. Auch verletzte Tiere können Menschen angreifen, wie man das beispielsweise vom Wildschwein kennt. Ein wichtiger Punkt ist, dass Wölfe scheu bleiben und auf keinen Fall angefüttert werden. Wenn zudem künftig ab und zu legal ein Wolf geschossen wird, behält er seine Scheu vor dem Menschen und hält sich von ihm fern.

Steigt mit der Grösse der Wolfsrudel die Wahrscheinlichkeit für Schäden?

Holzgang: Das ist alles andere als sicher. Auch vor einem einzelnen Wolf müssen die Schafherden gut geschützt werden.

Sie haben keine besonderen Vorkehrungen im Hinblick auf ein Wolfsrudel getroffen?

Holzgang: Beim Herdenschutz braucht es keine grundlegende Änderung. Wo er verstärkt werden muss, hängt davon ab, wo sich das Rudel niederlässt – denn ein Rudel ist stationärer als ein Einzeltier. Wenn mehr Wölfe da sind, werden wir vermutlich auch für das Monitoring mehr Zeit und Geld brauchen, damit wir wissen, wo sich die Wölfe aufhalten und wie viele Junge das Rudel aufzieht.

Das heisst, dass Sie ein solches Rudel viel Zeit kosten wird?

Holzgang: Wahrscheinlich nur im ersten Jahr, anschliessend wird es sich auf höherem Niveau als jetzt wieder einspielen. Als der Wolf 2009 erstmals bei uns auftauchte, mussten wir 740 Stunden investieren. Jetzt sind es ein paar Tage. Wie viele genau, hängt unter anderem von der Anzahl Risse ab.

Nimmt die Anzahl Risse zu oder ab?

Holzgang: Im ersten Jahr der Wolfspräsenz, also 2009, wurden aufgrund des fehlenden Herdenschutzes 47 Schafe gerissen und entschädigt. In den folgenden Jahren konnte die Zahl dank dem Herdenschutz stark gesenkt werden: 2010 riss der Wolf vier Schafe. 2011 waren es zwölf Schafe und eine Ziege, 2012 acht Schafe und vier Ziegen. Und heuer sind es bisher sechs Schafe.

Seit anderthalb Jahren erlaubt die Jagdverordnung, Wölfe abzuschiessen, wenn sie zu viel Wild reissen. Wann genau können oder sollen Sie zum Gewehr greifen?

Holzgang: Das ist noch nicht klar, die Richtlinie ist beim Bund in Ausarbeitung. Ein Abschuss soll nur möglich sein, wenn der Wolf im betreffenden Gebiet flächendeckend vorkommt. Ausserdem muss man seinetwegen eine hohe Einbusse in der Nutzung der Jagdregale nachweisen können. Das heisst zum Beispiel, dass Jagdreviere nicht mehr verpachtet werden können oder dass wesentlich weniger Tiere geschossen werden, wobei man dies ursächlich auf den Wolf – und nicht etwa auf einen strengen Winter – zurückführen können muss. Das sind schon hohe Hürden.

Sie sind selber auch Jäger. Können Sie sich vorstellen, dass der Wolf dereinst wieder in der Zentralschweiz gejagt und geschossen wird?

Holzgang: Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass der Wolf überhaupt wieder ein Thema wird in der Schweiz? Insofern kann ich mir das durchaus vorstellen. Es wäre auch für die Zukunft des Wolfes in unserem Land gut. Denn ein gelegentlicher Abschuss hält ihn wie erwähnt scheu und sorgt dafür, dass sich der Wolf nicht an den Menschen gewöhnt.

Hinweis

Der Wildbiologe Otto Holzgang (47) leitet seit zwei Jahren die Abteilung Natur, Jagd und Fischerei des Kantons Luzern.

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