Die Seelsorger im SPZ Nottwil halten Krisen mit ihren Patienten aus: «Wir befinden uns gegenwärtig in einer Karfreitagssituation»

Ursula Walti und Stephan Lauper sind Seelsorger im SPZ Nottwil. Sie betreuen zusammen rund 160 Patienten.

Roger Rüegger
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Die Seelsorge des SPZ: Ursula Walti und ihr Kollege Stephan Lauper.

Die Seelsorge des SPZ: Ursula Walti und ihr Kollege Stephan Lauper.

Bild: Jakob Ineichen (Nottwil, 1. April 2020)

Die Seelsorge im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) Nottwil steht sinnbildlich für die Situation auf unserem Planeten. Eine Welt, die von Hektik, Kostenoptimierung und Wettbewerb dominiert wurde, ist durch ein Virus ausgebremst worden.

Es eilt nicht mehr allerorts, man besinnt sich, sucht eher ein Gespräch, schreibt Freunden und Bekannten, einfach so. Man hat Zeit. Schon sind wir im Kerngeschäft der reformierten Pfarrerin Ursula Walti (56) und ihrem katholischen Kollegen Stephan Lauper (59). Die Theologen begleiten als Seelsorgeteam rund 160 Patientinnen und Patienten im SPZ. Viele sind durch einen Unfall oder aufgrund einer Krankheit eingeschränkt und daher langsamer unterwegs als zuvor.

Es ist eine hohe Verletzlichkeit zu spüren

Sie begleiten Leute, wenn diese nicht weiterwissen oder jemanden benötigen, der ihnen Aufmerksamkeit schenkt, zuhört und mit ihnen redet. Walti und Lauper besuchen Patienten in der Klinik spontan in den Zimmern oder nach Terminen. Ihre Arbeit ist beliebt. «Es ist eine hohe Verletzlichkeit zu spüren. Viele Patienten sind lange in der Klinik. Durch solche Begleitungen entstehen Prozesse, wir erleben die intensiv», sagt Walti.

Zeit sei das konkrete Gut, das sie den Leuten bieten können. «Im Gesundheitswesen, wo alles verordnet ist und abgerechnet werden muss, ist das kostbar. Wir können mit unserer Zeit nach bestem Wissen und Gewissen umgehen und sie den Patienten zur Verfügung stellen», beschreibt Lauper die Aufgabe, die er und Walti in einem Pensum von je 70 Prozent ausüben. Die Pfarrerin und zweifache Mutter ergänzt:

«Wir müssen weder Diagnosen stellen, noch Rapporte ausfüllen, wir dürfen einfach nur für die Leute da sein.»

Sie strahlt bei diesen Worten und betont, dass Patienten bei der Seelsorge keine Leistung erbringen müssen. Im Gegensatz zum Alltag in der Klinik, wo von ihnen Fortschritte und Resultate gefordert werde. «Sie müssen im Pflegebereich, bei der Rehabilitation und medizinisch Ziele erreichen. Bei uns sind sie frei und zu nichts verpflichtet. Wir besuchen sie, stellen uns und unsere Arbeit vor und überlassen ihnen die Entscheidung», sagt Walti. Einige seien offen, andere würden keinen Bedarf sehen.

Oft komme es aber zu einem Gespräch. «Man redet über das, was den Patienten im Augenblick beschäftigt. Vielleicht über Persönliches, oder die Patienten erzählen aus ihrem Leben. Das Gespräch muss sich nicht um Gott oder Spiritualität drehen, vielmals handelt es schlicht vom konkreten Leben. Natürlich geht es auch um Hoffnungen, Enttäuschungen, Perspektiven und Ängste.

Denn die Patienten haben hier viel Zeit, um über ihre Lebenssituation nachzudenken. Da können Gefühle aufkommen, als wäre man in einem Hamsterrad gefangen. Es dreht sich, doch bewegt sich nichts vorwärts. Manchmal fällt mir zur Situation des Patienten auch ein Gedicht oder eine biblische Geschichte ein, die neue Horizonte öffnet», beschreibt Walti.

Gespräche zwischen Seelsorgern und Patienten würden sich häufig intensivieren, wenn man sich näher kenne. Sie erzählt von einem Patienten, der sich zuerst nicht mitteilen wollte, nun aber sein Leben vor ihr ausbreitet. Die Themen würden plötzlich in einen grösseren Zusammenhang gestellt. Will heissen, die Frage nach Spiritualität und Religiosität stellt sich bei den meisten Leuten irgendwann doch. Walti: «Viele hadern mit Gott oder mit dem Schicksal – oder mit sich selbst. Ihre Lebens- und Gesundheitskrise entwickelt sich oft zu einer Glaubenskrise. Die Leute zweifeln, ob wirklich einer da ist, der es gut mit ihnen meint.»

Solche Zweifel dürften sein, die Seelsorger würden aber an dieser Hoffnung festhalten, auch stellvertretend für den Patienten. Gemeinsam mit ihm würden sie sich auf die Suche machen, um einen Weg zurück ins Leben zu finden. Dabei würde manchmal ein Licht aus dem Nichts am Horizont scheinen. «Wenn Patienten Anteilnahme von Freunden und Bekannten erleben, die sie nie erwartet hätten, oder wenn sich Angestellte der Klinik innig um sie kümmern, dann kann das auch ein Weg sein, wie Gott sich zeigt», erklärt Walti.

Auch das Wiedererlangen kleinster körperlicher Fähigkeiten könne Kraft und Motivation auslösen. Lauper schildert, wie eine suizidgefährdete Person ohne ersichtlichen Grund die Krise überwunden und neue Lebensfreude geschöpft hat. «Getragen wird unsere Arbeit von unserer Überzeugung, dass ein grösserer Sinn dahinterliegt. In der christlichen Tradition sagt man dazu Gott. Das muss für den Patienten nicht dieselbe Gewichtigkeit haben. Meine Überzeugung ist, dass alles, was vorfällt, mit der Kraft zu tun hat, die das Leben zusammenhält. Wir sind nicht alleine.»

Die Seelsorger blühen in ihrer Arbeit auf, obwohl nicht an jedem Tag die Sonne scheint, wie Ursula Walti festhält:

«Manchmal scheint es, dass sich ein Fenster zum Himmel geöffnet hat.»

«Dann gibt es Momente, in denen man hilflos zur Kenntnis nehmen muss, dass dem Patienten der Boden unter den Füssen weggezogen wurde und er in ein Loch gefallen ist, und man sich fragt, ob er es schafft. Wir halten auch solche Krisen mit ihm aus und bleiben an seiner Seite.»

Die Seelsorger des SPZ Ursula Walti und Stephan Lauper betreuen zusammen rund 160 Patienten.

Die Seelsorger des SPZ Ursula Walti und Stephan Lauper betreuen zusammen rund 160 Patienten. 

Bild: Jakob Ineichen (Nottwil, 1. April 2020)

Es liegt auf der Hand, dass einige Patienten während ihres Klinikaufenthalts die Seelsorge nutzen, im Alltag jedoch nie eine Kirche besuchen würden. Lauper lächelt: «Ich lege immer dar, wer ich bin, wenn ich Patienten besuche.» Dennoch habe ihm kürzlich einer gesagt, es sei ihm nicht bewusst gewesen sei, dass er ein Seelsorger sei.

Das Feuer für ihren Beruf ist den Seelsorgern anzumerken. Das Gespräch führten wir in einer Kapelle nahe dem SPZ, weil Fremden der Zutritt zur Klinik derzeit untersagt ist. Das ist schade, weil die beiden uns gerne den interreligiösen Raum der Stille gezeigt hätten, wo katholische, reformierte und ökumenische Gottesdienste gefeiert werden.

Auf die Frage, ob der Karfreitag nicht stattfinde in der Klinik, antwortet Walti.

«Karfreitag wird dieses Jahr intensiv wahrgenommen von den Leuten, weil wir uns gegenwärtig weltweit in einer Karfreitagssituation befinden. Wir haben mehr als genug zu tun.»

Selten habe man Unsicherheit, Leid und Schmerz in dieser Intensität wie jetzt erlebt. Auch die Endlichkeit sei angesichts der Aktualität ein Thema, dem man sich nicht entziehen könne und auch nicht wolle. «Auferstehung heisst, dass das Leben stärker ist als der Tod. Hier und heute», so Walti.