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WOHLEN: Morsche Knochen – frische Geister

Zu seinem 30-Jahr-Jubiläum inszeniert der Verein Kultur im Sternensaal die Eigenproduktion «Morsch», ein Fassadentheater, das am Wochenende Premiere feierte. Autor und Regisseur ist Adrian Meyer.
Cornelia Bisch
Achtung, die beiden verschrobenen Altrocker Willi und Wanda haben ihre Ohren überall.

Achtung, die beiden verschrobenen Altrocker Willi und Wanda haben ihre Ohren überall.

«Jetzt wemmer’s no einisch wösse!» Sechs Althippies aus der Besetzerszene der 1970er-Jahre werfen sich in ihre Jugendkluft und besetzen ein baufälliges Kulturgebäude – den Sternensaal der Zukunft –, das abgerissen und durch eine moderne Wohnanlage oder ein Hospiz für gehobene Ansprüche ersetzt werden soll. Doch es geht nicht mehr so leicht wie früher, das Gedächtnis lahmt, der Rücken zwickt, die Knochen sind ebenso morsch wie das Gebäude. Aber man hält durch. Der Lokalsender Tele F berichtet nach dem Motto «News vor em Hus», sodass die Geschichte bald höhere Wellen wirft, als es dem Gemeinderat lieb ist, der seinerseits ein paar Leichen im Keller hat. Gut, dass die beiden betagten Musiker Willi und Wanda noch im alten Gemäuer hausen. Hinter deren schrulliger Art liegt ein wacher Geist stets auf der Lauer. Schliesslich bringt ein Überraschungsgast die eingeschworene Besetzergemeinschaft in Bedrängnis, indem er die grossen Fragen zu Leben und Sterben, verpassten Chancen und dem Wert des Alters aufwirft.

Es sind knappe, berührende Dialoge. Einfache, ehrliche Worte und Gesten, dazwischen Dutzende kleiner Schlupflöcher, durch die der blanke Schalk aufblitzt, etwas verschämt bisweilen, wie ein versehentlich entfahrener Furz.

Menschen wie du und ich

Dem Autor und Regisseur Adrian Meyer gelingt es, in seinem Schauspiel ernste Themen auf ­ so leichte, gutmütig-humorvolle Weise zu verpacken, dass sie dem Zuschauer nie schwer im Magen liegen, ihn aber tief berühren. Er darf oft schmunzeln, nicht zuletzt über sich selbst. Denn eine der so treffend gezeichneten Charaktere ähnelt einem bestimmt. Sei es das mit den Jahren etwas spiessig gewordene Besetzerehepaar, das erst mal die Bude ordentlich durchputzt und sich vor allem den kulinarischen Genüssen widmet, oder sei es dessen weltenbummlerisches Gegenstück, kinderlos und ausgeflippt. Dann die selbst ernannte Rädelsführerin, die sich stets an vorderster Front für die gute Sache einsetzt, oder aber der sorglose Lebenskünstler, der ebenso sang- und klanglos abtritt, wie er gelebt hat. Wunderbar auch die beiden Phrasen dreschenden Lokalpolitiker, berechenbar und selbstverliebt, aber nicht wirklich unsympathisch, menschlich eben.

Eigenproduktionen des Vereins Kultur im Sternensaal werden immer mit einem professionellen Kreativteam und einem Laienensemble realisiert. Die Jubiläumsinszenierung «Morsch» profitiert erstmals von der Mitwirkung des Filmemachers Titus Bütler. Im Rahmen der Tele-F-Sendungen zeigt ein Grossbildschirm an der Gebäudefassade Liveübertragungen, Dokumentaraufnahmen aus dem Gebäudeinneren sowie aufgezeichnete Strasseninterviews. Die Film­sequenzen werden teilweise von den Schauspielern kommentiert. So entstehen interessante, sich überschneidende Zeitbeziehungen auf mehreren Schauplätzen. Die letzte Filmsequenz schliesst mit einem tröstlichen Blick in die Zukunft und einer stimmigen Flower-Power-Collage auf der gesamten Gebäudefassade.

Für die Aufführungen wird Strasse gesperrt

Die Kulisse von Stefan Hegi besteht aus einem schlichten Gerüst, das bis zum ersten Ober­geschoss reicht, sowie einem ­breiten Dach-Stützwinkel. Die reduzierten Formen stehen in attraktivem Widerspruch zur Farbe, einem schrillen Pink. Das Publikum sitzt wettergeschützt auf einer geräumigen Tribüne gegenüber der Fassade. Nach langwierigen Verhandlungen gelang es dem Verein, die Strasse während der Aufführungen sperren zu lassen, sodass keinerlei Verkehrslärm das Schauspiel stört und die fahrbaren Requisiten, darunter ein grasgrüner Oldtimer-VW-Bus sowie der Motoguzzi-Club samt Kluft und schwerem Geschütz, ungehindert auf den Kiesplatz rollen können. Licht, Sounddesign, Musik und Kostüme bekommen ebenfalls Bestnoten. Sämtliche Stimmen sind diskret verstärkt und sehr gut verständlich. Die Kostümverantwortliche Bernadette Meier verpasst der Besetzertruppe den adäquaten ausgeflippten Hippie-Look und hüllt deren Kontrahenten in scharfem Kontrast dazu in Füdlibürger-Klamotten. «Morsch» ist eine süffige, witzige, tiefgründige Inszenierung, die man auf keinen Fall verpassen sollte.

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch

Hinweis

www.morsch.ch

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