Zensurklappe am Kinoprojektor

Das Kino wurde im Kanton Schwyz lange in eine sündhafte Ecke gedrängt. Filme gefährdeten die Sittlichkeit, wurde erklärt.

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Das war einmal: verblichener Schriftzug am früheren Kino an der Suststrasse in Brunnen. (Bild: Bert Schnüriger/Neue SZ)

Das war einmal: verblichener Schriftzug am früheren Kino an der Suststrasse in Brunnen. (Bild: Bert Schnüriger/Neue SZ)

Zeigte eine Filmszene zu viel Haut oder galt als erotisch, hatte der Operateur im Kino eine Klappe zu betätigen. Sie verdunkelte im Saal für das Publikum die Leinwand für kurze Zeit. War die «heisse» Szene vorbei, durften die Kinobesucher die Bilder wieder sehen. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts kam es im Kanton Schwyz immer wieder zur Betätigung der Zensurklappe auf behördliches Geheiss.

Filmzensurkommission

Hinter all dem stand eine kantonale Filmzensurkommission. Sie war 1931 vom Regierungsrat eingesetzt worden, bestand aus fünf bis sieben Personen und wurde vom Vorsteher des kantonalen Polizeidepartements präsidiert. Die Kommission hatte den Auftrag, einen ganzen Film oder Teile davon zu verbieten, sofern sie geeignet waren, «die Sittlichkeit zu gefährden, das sittliche und religiöse Empfinden zu verletzen, zu Verbrechen anzureizen oder eine verrohende Wirkung auszuüben». Der Historiker Kari Kälin, der als Journalist bei dieser Zeitung arbeitet, schreibt darüber in der soeben erschienenen «Geschichte des Kantons Schwyz». Eine regierungsrätliche Verordnung hatte schon ab 1912 den Besuch der Kinematografentheater geregelt. Schulpflichtige Kinder bis zur Altersgrenze von 16 Jahren durften nicht ins Kino. 1926 wurde die Verordnung verschärft, Filme durfte man sich jetzt im Kanton Schwyz erst ab 18 Jahren anschauen.

«Verbrecherfilme»

Eine wichtige Rolle spielte auch die damalige katholische Lebenswelt. Sie versuchte, die Jugend zu schützen. Der kantonale Schulinspektor, damals immer ein geistlicher Herr, appellierte an die Lehrerschaft, «das verbotene Rauchen, das Maskengehen, den Wirtschaftsbesuch, den wahllosen Kino- und Theaterbesuch zu tadeln und zu bestrafen». Und das kantonale Schutzaufsichtsamt geisselte 1929 in mehreren Zeitungen «die furchtbare Verderblichkeit einer ungesunden Kinoromantik, gewisser Schauerromane und vor allem dieser Verbrecherfilme».

Anzeige wegen «Bäckerei Zürrer»

Autor Kari Kälin beschreibt mehrere Fälle, über die man in der heutigen Zeit den Kopf schüttelt. So rügte 1950 das Pfarramt Arth die Theatergesellschaft Arth, weil Jugendliche ab 12 Jahren zu einem «Film ohne jeden Bildungs- und Erziehungswert» eingeladen wurden, «wo von schönen Frauen und Mädels die Rede ist, die die ersten Stürme der Liebe erleben». Der Kinoleiter erklärte damals allerdings, da habe es sich um ein Versehen gehandelt, die Beschwerde wurde abgeschrieben.

1958 kam es erneut zu einer Strafanzeige gegen den Präsidenten der Arther Theatergesellschaft, diesmal vom Jugendrichter. Im Theater Arth war der Schweizer Film «Bäckerei Zürrer» gezeigt worden. Und laut Polizeirapport hatten Vierzehnjährige Einlass zu diesem Film gefunden.

Lockerung ab 1961

«Noch 1960 durfte man im Kanton erst ab 18 Jahren über ‹HD Läppli› lachen», schreibt Kari Kälin in seinem Kapitel über die Schwyzer Kinos. Erst im Dezember 1961 lockerte der Kantonsrat die Vorschriften im Kinowesen. Und in der Zwischenzeit ist auch die damalige Zensurkommission längst abgeschafft worden.

Das Kino als Vergnügungsoption hatte im Kanton Schwyz nie eine überragende Bedeutung. Allerdings wurden schon 1926 im Kanton fünf Kinos gezählt: zwei in Siebnen und je eines in Brunnen, Einsiedeln und Goldau. Vielmehr sollten es nie werden. Denn aufgrund der internationalen Regelungen beim Filmverleih war es für kleine Landkinos oft schwierig, grosse und bekannte Filme überhaupt abspielen zu können. Wenn überhaupt, waren sie in den Landkinos erst zu sehen, wenn sie zuvor schon wochenlang in den Städten über die Leinwand geflimmert waren. Das Schwyzer Publikum schaute sich darum mit zunehmender Mobilität die Kassenmagneten und die neusten Streifen in Kinos in den umliegenden Städten an.

Kinoschliessungen

So ist es nicht verwunderlich, dass Kinos wie jenes an der Hirschistrasse in Schwyz oder das Kino Helvetia in Brunnen schon vor vielen Jahren schliessen mussten. Ein ganzjähriges und professionell betriebenes Kino läuft derzeit nur noch in Einsiedeln in der Cineboxx und im Schwyzer Mythen-Forum. Und in den Theaterhäusern von Muotathal und Arth werden noch Filme gezeigt, wenn der Theaterbetrieb ruht.

Bert Schnüriger