ZENTRALSCHWEIZ: «Angst ist in meinem Job fehl am Platz»

Seit 20 Jahren gibt es eine einheitliche Notfallnummer. Doch noch immer ist die 144 nicht in allen Köpfen verankert, sagt die Leiterin des Sanitätsnotrufs.

Interview Christian Hodel Interview Christian Hodel
Drucken
Teilen
Michael Walz (rechts) mit seinem Kollegen Michael Hediger im Ambulanzwagen. (Bild Pius Amrein)

Michael Walz (rechts) mit seinem Kollegen Michael Hediger im Ambulanzwagen. (Bild Pius Amrein)

Iris Weber, Sie entscheiden innert Sekunden, ob ein Einsatzwagen losgeschickt wird oder nicht. Keine Angst, Fehler zu machen?

Iris Weber*: Mein Job ist es, Notfallmeldungen entgegenzunehmen und gegebenenfalls den zuständigen Rettungsdienst aufzubieten. Angst ist dabei fehl am Platz. Man muss die Ruhe bewahren.

Wie schaffen Sie das?

Weber: In der Sanitätsnotrufzentrale arbeiten ausschliesslich diplomierte Rettungssanitäter HF, die im medizinischen Bereich und in der professionellen Gesprächsführung geschult sind und wissen, wie mit Extremsituationen umzugehen ist. Ein wichtiger Punkt in meiner Arbeit ist es, die Anrufer zu beruhigen und detaillierte Angaben zu erfragen. Dabei unterstützt uns eine moderne Software. Wir können Stichworte in ein Computerprogramm eintippen. Am Bildschirm erscheinen dann wichtige Fragen, die uns bei der Gesprächsführung unterstützen.

Zum Beispiel?

Weber: Spricht ein Anrufer von einer Vergiftung, ist es wichtig nachzufragen, zu welchem Zeitpunkt eine wie hohe Dosis eines toxischen Stoffes eingenommen worden ist. Die Software weist auf solche Fragen hin.

Was sind die Schwierigkeiten in Ihrem Job?

Weber: Uns fehlen am Telefon die Bilder. Fragen wir nicht präzise, entstehen Missverständnisse. Ein Beispiel: Ich instruierte gerade einen neuen Mitarbeiter, als ein Notruf einging. Eine Bauersfrau sagte, ihr Mann sei heruntergefallen. Die Ambulanz solle kommen. Was denken Sie, was ist passiert?

Der Bauer fiel von einem Baum.

Weber: Das habe ich auch gedacht. Der Mitarbeiter wiederum glaubte, der Bauer sei vom Heuboden gestürzt. Damit sich der Rettungsdienst auf die Situation einstellen kann, ist es zentral, exakte Angaben zum Unfallhergang zu ermitteln. Letztlich war der Bauer nämlich in ein Silo gefallen, was ein anderes Aufgebotsdispositiv verlangt.

Welches Ereignis geht Ihnen nicht mehr aus dem Kopf?

Weber: An Heiligabend kam ein Anruf, dass ein Mann bewusstlos sei. Er wurde an diesem Tag gerade pensioniert und hatte auch noch Geburtstag. Leider kam für ihn jede Hilfe zu spät. Solche Geschichten kann man nicht so schnell vergessen.

Wie stark ist die Belastung – hat man genügend Kapazitäten?

Weber: Im Kanton Luzern ist das Rettungsmittelangebot sehr schlank.

Iris Weber (53) ist Leiterin des Sanitätsnotrufs 144 Zentralschweiz am Luzerner Kantonsspital. Die Zentrale koordiniert die Notrufe für die angeschlossenen Innerschweizer Kantone und bietet den zuständigen Rettungsdienst sowie Notärzte auf. (Bild: pd)

Iris Weber (53) ist Leiterin des Sanitätsnotrufs 144 Zentralschweiz am Luzerner Kantonsspital. Die Zentrale koordiniert die Notrufe für die angeschlossenen Innerschweizer Kantone und bietet den zuständigen Rettungsdienst sowie Notärzte auf. (Bild: pd)

Man hat also zu wenig Mittel?

Weber: Im Rettungswesen gibt es Spitzenzeiten, an denen es zu vielen Einsätzen gleichzeitig kommt, und umgekehrt. Zentral ist, dass der Sanitätsnotruf 144 in diesen Fällen die Rettungsdienste der gesamten Zentralschweiz aufbieten und somit die medizinische Notfallversorgung gewährleisten kann.

Wie viele Leute stehen jeden Tag im Einsatz?

Weber: In der Zentrale sind rund um die Uhr mindestens zwei Personen im Einsatz. Und ein Team des Rettungsdienstes besteht immer aus zwei Rettungssanitätern und allenfalls einem Notarzt. In unserem Gebiet – Luzern, Zug, Uri, Nidwalden, Obwalden und im Bezirk Küssnacht am Rigi – stehen zu Spitzenzeiten 22 Fahrzeuge bereit, verteilt auf zehn Standorte.

Wie ist die Auslastung?

Weber: Das ist ganz unterschiedlich. Tagsüber unter der Woche ist mehr los, weil dann auch die meisten Verlegungstransporte stattfinden, die auch der Rettungsdienst macht. An den Wochenenden und den Abenden gibt es mehr Notfälle. Wir spüren, wenn das Wetter umschlägt. Dann passieren mehr Arbeits- und Verkehrsunfälle.

Was sind die häufigsten Gründe, warum die 144 gewählt wird?

Weber: Ein Grossteil der Anrufer informiert uns über Unfälle, Herzinfarkte, Hirnschläge oder Kreislaufkollapse. Aber es rufen auch Personen an, die gerade bei einer Frau stehen, die gebärt. Dann geben wir dem Anrufer Anweisungen, was zu tun ist.

Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Weber: Vor 20 Jahren gab es keine einheitliche Notfallnummer für medizinische Notfälle. Man wandte sich direkt an die Polizei oder ans Spital. Es brauchte eine Zeit, bis sich die 144 durchgesetzt hat. Auch heute ist es nach wie vor wichtig, die 144 immer wieder aufs Neue im Gedächtnis der Bevölkerung zu verankern.

Inwiefern?

Weber: In einer Ausnahmesituation sind drei Ziffern schnell vergessen. Wichtig ist zu wissen, dass man die 144 auch wählen darf, wenn man sich unsicher ist, ob es sich nun wirklich um einen medizinischen Notfall handelt oder nicht. Wir klären die Situation und verweisen an die richtige Stelle.

Was müssen die Anrufer beachten?

Weber: Als Erstes fragen wir nach der Adresse. Auch bei einem Wanderunfall irgendwo im Gebirge ist es wichtig, dass der Anrufer den Standort wenn immer möglich exakt mitteilen kann. Ansonsten soll sich der Anrufer von uns leiten lassen. Wir übernehmen die Gesprächsführung.

«Jeder Handgriff muss sitzen, sonst bist du verloren»

Rettungssanitäter«Das ist der schönste Beruf und ganz und gar nicht – wie die Leute denken – traurig und stressig», sagt Michael Walz, Rettungssanitäter am Luzerner Kantonsspital Luzern. Er war schon auf über 20 000 Einsätzen dabei. «Der Beruf ist dynamisch und abwechslungsreich», erklärt der 45-Jährige. Vernetztes Denken und auch in schwierigen Situationen Ruhe bewahren seien zentrale Kompetenzen, über die man als Rettungssanitäter verfügen muss, sagt er weiter. Dennoch: Ist die Arbeit wirklich nicht Hektik pur?

Bis 30 km/h zu schnell erlaubt

«Nein, alle Abläufe sind konditioniert.» Jeder Arbeitsschritt werde immer wieder trainiert, deshalb komme bei ihnen kein Stress auf. «Jeder Handgriff muss sitzen, tut er das nicht, bist du verloren», sagt Walz. Die Rettungssanitäter können fast im Schlaf die Medikamente aus der richtigen Schublade nehmen. Bei den vielen Schubfächern sicher keine einfache Angelegenheit. Diese Arbeitsvorgänge werden bereits in der Ausbildung immer wieder geübt, denn es handelt sich um standardisierte Prozesse. Eine geregelte Aufgabe ist es auch, das Ambulanzfahrzeug nach dem Einsatz mit dem nötigen Material zu bestücken. «Dies wird immer gleich nach der Rückkehr getan. Eine Person füllt den Bestand auf, eine Zweitperson kontrolliert», sagt Walz.

Dennoch: Es gibt sicher Situationen, die Stress hervorrufen? «Was Stress auslösen kann, ist die Navigation zum Einsatzort.» Man kenne schliesslich nicht alle Strassen auswendig. Klar, sie hätten bestes Kartenwerk, dennoch sei das Anfahren der Unfallstelle nicht immer einfach, erklärt er. Wo steht das Haus? Wie kommen wir am besten dahin? Diese Fragen gingen einem da durch den Kopf. Zusätzlich könne Hektik durch den Verkehr aufkommen. Autos, die falsch stehen, behindern die zügige Fahrt. Bis zu maximal 30 Kilometer über die vorgeschriebene Tempolimite darf der Rettungswagen fahren. Müssen Rettungssanitäter eine spezielle Fahrprüfung absolvieren? «Alle, die bei uns hinter dem Steuer sitzen, brauchen die C1-Prüfung.» Die C1-Prü-fung erlaubt das Fahren von Motorfahrzeugen mit einem Gesamtgewicht von mehr als 3,5 bis zu 7,5 Tonnen.

Ruhe bewahren

Können auch Angehörige oder Patienten selber eine mühsame oder gar hektische Situation hervorrufen? «Viele Menschen, ob Patienten oder Angehörige, sind mit ihrer Situation überfordert. Sie wissen nicht, wie sie handeln sollen – manchmal können sie aufgrund des Krankheitsbildes ihr Handeln auch nicht mehr bewusst steuern.» In solchen Situationen sei es wichtig, dass die Sanitäter das Ganze ruhig angehen und vor allem auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingehen, so Michael Walz.

Bei jedem Einsatz sind mindestens zwei Sanitäter dabei. Je nach Bedarf und Notfallmeldung auch ein Notarzt. «Wenn beim Sanitätsnotruf 144 ein Anruf eingeht, wird genau nachgefragt. Nennt die Person Stichworte wie ‹bewusstlos› oder ‹Sturz aus drei Metern Höhe› wird ein Notarzt die Sanitäter unterstützen.» Offene Brüche, viel Blut – gewiss kein schöner Anblick. Wie können solche Erlebnisse verarbeitet werden? «Ich muss sagen, bisher hat mich kein einziger Fall beschäftigt, da habe ich grosses Glück.» In seiner Freizeit ist Michael Walz Hobbykoch und treibt gerne Sport. Freizeitbeschäftigungen braucht es zum Ausgleich, zum Abschalten. Die Teambesprechung nach erfolgter Arbeit trage ebenfalls dazu bei, das Erlebte zu verarbeiten.

Gelegentlich auch Begleiter

In den mehr als 25 Jahren Tätigkeit, die Michael Walz beim Rettungsdienst verbracht hat, erlebte er Momente, die ihm speziell in Erinnerung geblieben sind. Zum Beispiel, wenn er zu einer älteren Person gerufen werde, bei der man wisse, dass sie nicht wieder in ihr trautes Heim zurückkehren, sondern in ein Alters- oder Pflegeheim überwiesen werde. Dann würden sie sich Zeit nehmen, mit der Person Abschied zu nehmen. «Wir machen einen letzten Rundgang durch die Wohnung oder hören mit ihnen nochmals das Lieblingslied. Auch schon hat ein Mitarbeiter des Rettungsdienstes auf dem Klavier ein Lied gespielt», erzählt er lächelnd. «Diese letzten paar Minuten im eigenen Zuhause mitzugestalten, finde ich extrem schön.»

Yasmin Kunz