ZENTRALSCHWEIZ: Bischöfliche Studie stellt Landeskirchen erneut in Frage

Weniger Macht für Kirchgemeinden: Die Bischöfe präsentieren heute eine neue Studie – die Kantone sind unbeeindruckt.

Christian Hodel
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Der Luzerner Felix Gmür, Bischof des Bistums Basel, an der diesjährigen Bauernwallfahrt bei der Kapelle Stettenbach in Grosswangen. Die Schweizer Bischöfe definieren die Rolle der kantonalen Landeskirchen in einer wissenschaftlichen Studie. (Archivbild Philipp Schmidli)

Der Luzerner Felix Gmür, Bischof des Bistums Basel, an der diesjährigen Bauernwallfahrt bei der Kapelle Stettenbach in Grosswangen. Die Schweizer Bischöfe definieren die Rolle der kantonalen Landeskirchen in einer wissenschaftlichen Studie. (Archivbild Philipp Schmidli)

Ein Angriff auf die Souveränität. Ein Affront. Ein Diktat von oben. So beschreiben Kirchenvertreter aus der Zentralschweiz das «Vademecum» – ein im August 2013 von der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) veröffentlichtes Papier, das die Rolle der Kirchgemeinden und der Landeskirchen arg in Frage stellt.

Nun legen die Bischöfe mit einer Studie in Buchform nach, die heute an der Universität Fribourg präsentiert wird. Walter Müller, Informationsbeauftragter der SBK, sagt: «Das Buch publiziert die Arbeiten der von der Bischofskonferenz eingesetzten Expertenkommission Kirche–Staat auf wissenschaftliche Weise.» Das «Vademecum» basiere auf den Arbeiten, die nun unter dem Titel «Staatskirchenrechtliche Körperschaften im Dienst an der Sendung der Katholischen Kirche in der Schweiz» zusammengefasst sind.

Landeskirchen nur «helfend»

Die Studie behandelt ein Spektrum an Themen – von Fragen zur Pfarrwahl bis zu rechtlichen Grundfragen. Das Kernstück des Buches, das «Vademecum», hält unter anderem fest:

  • In der römisch-katholischen Kirche dürfen alleindie Bischöfe,Priester sowie Laien mit bischöflichem Auftrag die Leitungsvollmacht wahrnehmen.
  • Den staatskirchlichen Organisationen, wie den Kantonalkirchen oder Kirchgemeinden, soll nur ein helfender Charakter zukommen.
  • Körperschaften wie Kirchgemeinden würden nicht zur offiziellen Kirche gehören. Dies, weil Kirchgemeinden und die Landeskirchen, anders als im Ausland, staatskirchenrechtliche Institutionen und folglich demokratisch organisiert sind.

Renata Asal-Steger, Vizepräsidentin des Synodalrates der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern, sagt: «Die Veröffentlichung des ‹Vademecum› und vor allem dessen unglückliche Kommunikation haben den Synodalrat überrascht und irritiert.» In der Folge habe dieser mit Bischof Felix das Gespräch gesucht. «Dabei wurde deutlich, dass dieses Dokument für den Bischof von Basel den Stellenwert einer Diskussionsgrundlage hat.» Man erwarte auch nach der Präsentation der Studie «keine wesentlichen Veränderungen für das gute Verhältnis zu unserem Diözesanbischof».

Basel und Chur widersprechen sich

Auf das «gute Verhältnis» weist auch das Bistum Basel hin, zu dem neben Luzern auch der Kanton Zug gehört. «Es widerspräche unserer guten Kultur, wenn das Bistum oder die staatskirchenrechtlichen Gremien vorgeben würden, was im Dialog gemeinsam erarbeitet wird. Es ändert sich also vorerst nichts», teilt Marco von Arx, Sekretär der Abteilung Kommunikation, schriftlich mit.

Andere Töne schlägt hingegen das Bistum Chur an – zu dem die Kantone Nidwalden, Obwalden, Uri und Schwyz zählen. Laut Mediensprecher Giuseppe Gracia spreche das «Vademecum» eine deutliche Sprache. «Es gibt nur eine Kirche, mit einer Leitung – nämlich der Bischöfe – und daneben eine staatskirchenrechtliche Hilfsstruktur zur Finanzierung kirchlicher Aufgaben.» Für Gracia ist darum klar: «Die Publikationen sind die Arbeitsgrundlage, welche die Bischöfe zur Umsetzung verabschiedet haben. Die Bischöfe gehen nicht mehr hinter das ‹Vademecum› zurück.»

Sind die im «Vademecum» gestellten Forderungen also nun doch verbindlich, anders als etwa vom Bistum Basel dargestellt? Die Bischofskonferenz äussert sich vor der Buchvernissage nicht dazu und verweist auf die jüngst versandte Mitteilung: «Die Bischöfe haben die Fachkommission nicht eingesetzt, um das Verhältnis von Kirche und Staat grundsätzlich neu zu ordnen oder gar einen Systemwechsel anzustreben.» Es gehe «um eine Weiterentwicklung, damit es den Herausforderungen durch die raschen und tief greifenden Änderungen sowohl in Staat und Gesellschaft als auch in der Kirche besser entspricht». Weil dies nur im Dialog geschehen könne, kämen bei der Buchpräsentation alle Seiten zu Wort: Bischöfe, Experten, staatskirchenrechtliche Körperschaften – und auch Rom, mit Kardinal Francesco Coccopalmerio, dem Präsidenten des Päpstlichen Rats für die Interpretation von Gesetzestexten.

Schwyzer lassen Bistum links liegen

Als nicht verbindlich begutachtet man die Papiere bei der Schwyzer Kantonalkirche. «Das ‹Vademecum› enthält keine brennenden Fragen, welche das Kirchenvolk beschäftigt», sagt Werner Inder­bitzin, Präsident des Kirchenvorstands der Römisch-katholischen Kantonalkirche Schwyz. «Die ganze Angelegenheit beurteile ich mehr als eine akademische Übung.» Die Kantonalkirche in Schwyz befolgt die Vademecum-Richtlinien nicht: Derzeit wird in Schwyz die Verfassung überarbeitet – Körperschaften und ähnliche im «Vademecum» geforderte Begriffe fehlen dort. Und: In Schwyz will man «sogar die Wahl von Laientheologen einführen, gegen die klare Vorgabe des ‹Vademecums›», sagt Gracia. Hier zeige sich die «völlige Reformunwilligkeit der Schwyzer Körperschaft».

Die Schwyzer Kirchenvertreter scheinen unbeeindruckt. Inderbitzin: «Das Vademecum wird keine rechtlichen Veränderungen auslösen. Die Kirche muss sich mit den über Jahrhunderte geschaffenen basisdemokratischen Strukturen weiterhin arrangieren.» Daran ändern auch Studien und Dokumente nichts.

Das Vademecum der Schweizer Bischöfe im Wortlaut unter www.luzernerzeitung.ch/bonus