ZENTRALSCHWEIZ: Hitzesommer: Mehr Bergunfälle

Die Zahl der Bergtoten dürfte laut dem Schweizer Alpen-Club heuer wieder steigen. Am meisten gefährdet sind ältere Berggänger.

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So schön – so gefährlich: Ein Berggänger balanciert über den Südwestgrat des Brünnelistocks oberhalb von Innerthal im Kanton Schwyz. (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

So schön – so gefährlich: Ein Berggänger balanciert über den Südwestgrat des Brünnelistocks oberhalb von Innerthal im Kanton Schwyz. (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

Yasmin Kunz

Der heisse und schöne Sommer bescherte den Bergbahnen Rekordzahlen bei den Fahrgästen (Ausgabe vom 17. August). Doch der «Supersommer» hat auch Schattenseiten:

  • Gestern Dienstag wurde ein 71-jähriger Berggänger an der Rigi Hochflue tot geborgen. Gemäss Kantonspolizei Schwyz war seit Sonntagabend intensiv nach dem Zuger gesucht worden. Der Mann hatte das Gleichgewicht verloren und stürzte in der Folge 150 Meter in sehr steilem Gelände ab.
  • Letzten Sonntag stürzte eine 58-jährige Zugerin beim Abstieg vom Kleinen Mythen ab und zog sich dabei tödliche Verletzungen zu. Die Frau hatte gemäss Polizei keinen offiziellen, aber dennoch häufig benutzten Bergweg benutzt.
  • Am 14. Juli rutschte ein 66-jähriger Mann auf am Grossen Mythen aus. Trotz sofortiger medizinischer Hilfe erlag er kurze Zeit später den Verletzungen.
  • Am 25. Juni ist ein 70-jähriger Zürcher im Gebiet Oberbauen bei Isenthal tödlich verunglückt. Er war 200 bis 300 Meter in die Tiefe gestürzt.

Fast 300 Rega-Einsätze mehr

Bei Unfällen im Gebirge kommt oft die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega zum Einsatz. Landesweit waren die Rega-Helikopter in der Zeitspanne vom 1. Juni bis zum 23. August rund 2494 Mal im Einsatz. Im Vorjahr bewältigte die Rega im gleichen Zeitraum 2220 Einsätze. Die Einsatztätigkeit der Rega sei immer gewissen Schwankungen ausgesetzt, sagt Sprecherin Ariane Lendenmann: «Das Wetter hat direkten Einfluss auf die Freizeit- und Reisetätigkeit der Schweizer Bevölkerung und somit auch auf die Anzahl Rettungseinsätze der Rega.» Allein aus diesen Zahlen lasse sich keine Tendenz ableiten, sagt sie. Der Sommer 2014 war indes eher kalt und regnerisch. Demzufolge waren auch weniger Wanderer unterwegs. Dass das Wetter die Notfallbilanz widerspiegelt, bestätigt auch Ueli Mosimann, Verantwortlicher für die Sicherheit im Bergsport beim Schweizer Alpen-Club (SAC): «Je schöner das Wetter, desto mehr Menschen verbringen ihre Freizeit in den Bergen – sei es beim Biken, Wandern oder Gleitschirm­fliegen – und umso mehr Unfälle ­passieren.»

Wandersaison bis September

2014 sind in den Schweizer Bergen gemäss SAC-Statistik 162 Menschen ums Leben gekommen, 12 mehr als im Vorjahr. Auch die Zahlen der Todesfälle in den verschiedenen Regionen unterliegen Schwankungen. Im Jahr 2013 sind in der Zentralschweiz 13 Personen in den Bergen gestorben. Ein Jahr zuvor waren es 12. Im klassischen Bergsport hingegen (Hochtouren, Klettern, Skitouren, Bergwandern) nahm die Zahl der Todesfälle letztes Jahr ab. Schweizweit zählte der SAC 96 tödliche Bergunfälle, 11 Prozent weniger als im Vorjahr (siehe Tabelle). Mosimann vom SAC vermutet, dass es heuer zu mehr tödlichen Bergunfällen gekommen ist als letztes Jahr. Da die Wandersaison aber noch bis sicher zum September dauert, liegen noch keine konkreten Zahlen vor.

Meistens zwischen 50 und 60

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die meisten Verunglückten zwischen 50 und 60 Jahre alt sind. Im letzten Jahr gehörten 38 von 96 tödlich Verunfallten dieser Alterskategorie an. SAC-Experte Ueli Mosimann: «In diesem Alterssegment sind besonders viele in den Bergen unterwegs. Das schlägt sich auch in den Unfallzahlen nieder.» Zudem sei man in diesem Alter etwas eingeschränkter als in jungen Jahren. Er erklärt: «Die Reaktionsfähigkeit lässt ab 60 klar nach. Stolpere ich mit 30 Jahren über einen Stein, kann ich mich rechtzeitig auffangen. Mit 60 brauche ich eventuell eine halbe Sekunde mehr – das kann schon zu spät sein.» Rolf Moning von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) stimmt dem zu und ergänzt: «Leider passen insbesondere ältere Personen ihre Touren zuweilen nicht an ihre verminderte Leistungsfähigkeit an.»

Ein Sturz in den Bergen ist gemäss SAC denn mit rund zwei Dritteln auch die häufigste Todesursache. Weitere Todesfälle ereigneten sich wegen Lawinen, Spalteneinbruch, Wechtenabbruch, Steinschlag oder Erschöpfung.

Wanderer sind bei Unfällen oft nicht auf der offiziellen Route unterwegs. Mosimann sagt dazu: «Es ist nicht a priori gefährlicher, sich auf unmarkierten Wegen aufzuhalten.» Doch seien diese wirklich nur für erfahrene Berggänger sinnvoll. «Inoffizielle Routen sind nicht beschriftet und haben exponierte Stellen, die nicht gesichert sind.»

Sicherheitsregeln

Die Kampagne «Bergwandern – aber sicher», die von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU), Schweizer Wanderwege, Seilbahnen Schweiz und der Versicherung Atupri getragen wird, hat den Bergwandercheck «PEAK» mit Tipps fzusammengestellt.

  • P – Planung: Was habe ich vor? Planen Sie die Route, den Zeitbedarf und prüfen Sie Weg- und Wetterverhältnisse.
  • E – Einschätzung: Ist diese Wanderung für mich geeignet? Wählen Sie einen Ihren aktuellen Fähigkeiten entsprechenden Wanderweg (gelb oder weiss-rot-weiss). Schwierige Touren sollten Sie nicht alleine unternehmen.
  • A – Ausrüstung: Habe ich das Richtige dabei? Tragen Sie feste Wanderschuhe mit Profilsohlen. Nehmen Sie Sonnen- und Regenschutz sowie warme Kleidung mit.
  • K – Kontrolle: Bin ich noch gut unterwegs? Trinken, essen und ruhen Sie regelmässig. Beachten Sie zudem die Zeitplanung und Wetterentwicklung. Verlassen Sie die markierten Wege nicht.
Tödliche Bergunfälle in der Zentralschweiz (Bild: Quelle: SAC)

Tödliche Bergunfälle in der Zentralschweiz (Bild: Quelle: SAC)