ZENTRALSCHWEIZ: Kleine Spitäler ziehen Gebärende an

Die Spitäler in Stans und Sarnen betreuen nicht nur einheimische Frauen, sie umwerben gezielt auch Luzernerinnen. Der Plan geht auf: Mehr als jede dritte Gebärende reist über die Kantonsgrenze nach Stans.

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Chefärztin der Gynäkologie Brigitte Weber mit der neugeborenen Elina im Kantonsspital Sarnen. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Chefärztin der Gynäkologie Brigitte Weber mit der neugeborenen Elina im Kantonsspital Sarnen. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Flurina Valsecchi

«Wir fühlten uns von der ersten Besichtigung an im Spital Stans willkommen. Die Grösse der Geburts- und Wochenbettabteilung ist überschaubar, und wir erlebten eine persönliche und herzliche Betreuung», sagt Stefanie Prinz-Heer aus Kriens, die 2013 ihren Sohn Linus in Stans geboren hat. «Wir machten auch vom Beleghebammen-System Gebrauch. So konnten wir die von uns gewählte Hebamme quasi ins Spital ‹mitnehmen›. Sie betreute uns vor, während und nach der Geburt.»

Ein Blick in die Statistik bestätigt die Aussagen dieser beiden jungen Mütter: Die Zahl der Geburten im Luzerner Kantonsspital am Hauptstandort Luzern ist in den letzten Jahren relativ konstant (siehe Tabelle). Die Hirslanden-Klinik St. Anna in Luzern verlor sogar 56 Geburten gegenüber dem Vorjahr 2013, Grund sei die Fluktuation bei den Belegärzten. Die Gewinner dagegen sind die kleinen Spitäler in unserer Region:

  • Im Obwaldner Kantonsspital in Sarnen zählte man 48 Geburten mehr eine Zunahme von 19,8 Prozent .
  • Im Nidwaldner Kantonsspital in Stans waren es 54 zusätzliche Geburten (ein Plus von 11,5 Prozent ).
  • Im Luzerner Kantonsspital am Standort Wolhusen zählte man 50 Geburten mehr als im Vorjahr 2013, das ist ein Zuwachs von 11,2 Prozent .
  • Die Hirslanden - A ndreasklinik in Chamverzeichnete einen Zuwachs von 5,5 Prozent .
  • Im Luzerner Kantonsspital in Sursee betrugdie Steigerung 2,3 Prozent .

Stans punktet mit Einzelzimmern

Recherchen unserer Zeitung zeigen, dass nicht nur die Nid- und Obwaldnerinnen besonders gebärfreudig waren und so für diesen Geburtenanstieg in Stans und Sarnen sorgten, sondern dass auch viele Frauen aus anderen Kantonen extra zur Geburt angereist sind. Interessant ist die Situation in Stans: Hier kamen im letzten Jahr 308 einheimische Frauen und 209 Frauen aus anderen Kantonen zum Gebären. Das heisst: Mehr als jede dritte Frau stammte nicht aus Nidwalden. Der eindeutig grösste Anteil der ausserkantonalen Frauen kommt laut Direktor Urs Baumberger aus Luzern und Obwalden.

Seit der neuen Spitalfinanzierung gilt auch für werdende Mütter die freie Spitalwahl. Davon wollen die kleineren Spitäler nun profitieren. Das Kantonsspital Nidwalden in Stans hat vor vier Jahren unter jungen Eltern eine grosse Bedürfnisanalyse durchgeführt. «Aus diesen Erkenntnissen heraus haben wir verschiedene Massnahmen umgesetzt», sagt Spitaldirektor Baumberger auf Anfrage.

So wird heute allen Frauen, unabhängig von der Versicherungsart, ein Einzelzimmer zur Verfügung gestellt. Verschiedene Geburtsmodelle stehen zur Auswahl, dazu gehören möglichst natürliche Geburten wie in Geburtshäusern. Sogar eine Geburt in problematischer Steisslage ist in Stans grundsätzlich machbar, in vielen anderen Spitälern ist dies ein eindeutiger Fall für einen Kaiserschnitt. Eng zusammengearbeitet wird mit einem Netz von Beleghebammen. Die Gebärsäle wurden umfassend renoviert.

Feng-Shui in Sarnen

In Sarnen gelang es dem Spital, die Geburtenzahl zu steigern, indem man dafür sorgte, dass die einheimischen Frauen nicht mehr in auswärtige Spitäler abwanderten. So kamen 2014 260 Obwaldnerinnen, 20 Bernerinnen und 10 aus anderen Kantonen auch aus Luzern – zur Geburt nach Sarnen. Hauptgrund ist ein neuer Bettentrakt, der im vergangenen Jahr eröffnet worden ist. Der höchste Ausbaustandard in diesem Gebäude habe die Frauenklinik. Direktor Daniel Lüscher erklärt: «Wir haben die modernste Infrastruktur und alle Räume sind nach Feng-Shui-Empfehlungen eingerichtet.» Auch in Sarnen werden Beleghebammen zugelassen, nicht immer, aber meistens stehe ein Einzelzimmer zur Verfügung. «Wir leben unser Credo der individuellen Betreuung», sagt Lüscher.

Auch Wolhusen und Sursee haben das Angebot in den letzten Jahren stetig erweitert und wurden so für schwangere Frauen in ihrer Region attraktiv. In Luzern reagiert man hingegen gelassen.

Luzern: Kinderspital als Trumpf

Markus Hodel, Co-Chefarzt der Neuen Frauenklinik am Luzerner Kantonsspital, will nichts davon wissen, dass ihm die kleinen Spitäler die Kundinnen abwerben. Er sieht die Situation positiv: «Die Frauen im Raum Luzern haben eine echte Wahl, sie können sich zwischen verschiedenen Angeboten in unmittelbarer Nähe entscheiden.» Er verweist unter anderem auf die Luzerner-Nidwaldner Spitalregion (Lunis), wo man gezielt auch zusammenarbeitet.

Der grosse Trumpf des Luzerner Kantonsspitals am Standort Luzern ist laut Hodel das Kinderspital und somit die Neonatologie, die sich gleich neben der Frauenklinik befindet. «Kommt es zu irgendwelchen Problemen, können wir die beste medizinische Versorgung gewährleisten, und dabei müssen Mutter und Kind nicht voneinander getrennt werden», sagt Hodel.

Man wolle sich aber nicht nur auf schwierige Fälle spezialisieren, betont Co-Chefarzt Hodel. Auch ganz normale Geburten wolle man weiterhin betreuen. Deshalb hat Hodel seit vergangenem April eine Beleghebamme engagiert, zwei weitere sollen noch dazukommen. Im Vergleich zu Stans steht man in diesem Bereich noch ganz am Anfang. Hört man sich unter werdenden Müttern um, fallen immer wieder dieselben Vorbehalte gegenüber dem Luzerner Kantonsspital. So bestehe das Risiko, dass man mit Wehen wegen Überbelegung an die beiden Standorte Sursee oder Wolhusen weiterverwiesen werde. Und der Wunsch nach einem Familienzimmer könne nicht erfüllt werden. Hodel nimmt dazu Stellung: «In den letzten zwei Jahren gab es keine einzige Überweisung in ein anderes Spital. Das ist ein falscher Ruf, der noch immer nachhallt.» Seit den Kapazitätsengpässen 2010 habe man viel dazugelernt. Und das Familienzimmer könne zu mindestens 80 Prozent der Fälle garantiert werden.

Sarnen macht Werbung in Luzern

Klar ist, dass sich Paare heute die Wahl des Spitals genau überlegen. Sie reisen von einem Informationsabend zum nächsten. Neunmal im Jahr wird beispielsweise ein solcher Anlass in Luzern veranstaltet, über 150 Personen nehmen jeweils teil. Hodel sagt: «Die Geburtshilfe ist zweifellos ein grosser Markt.» Und von einem wachsenden «Informationsbedürfnis» redet Baumberger. Lüscher fügt an: «Paare vergleichen die Angebote in der ganzen Zentralschweiz genau.» Kein Wunder, sind die Aufritte aller Spitäler in den letzten Jahren stark professionalisiert worden.

Gleichzeitig aber stellt Baumberger klar: «Reich werden wir mit den Geburten nicht.» Damit eine Gebärabteilung wirtschaftlich rentiert, sind in der Regel rund 600 Geburten pro Jahr nötig. Für den Notfall müssen immer alle Experten (Gynäkologie, Anästhesie, Operationssaal usw.) bereit sein. Das ist teuer.

Deshalb wollen die kleinen Spitäler weiter zulegen: «Wir möchten in Richtung 600 Geburten gehen», sagt Baumberger in Stans. Und Lüscher weitet bewusst sein Einzugsgebiet aus, damit er im Kantonsspital Obwalden die Geburtenzahl steigern kann. «Wir bewerben auch den südlichen Teil von Luzern und die Berner Gemeinden hinter dem Brünig.» In diesen Gebieten verschickt das Spital zweimal im Jahr in alle Haushaltungen das sogenannte «Medimagazin». Darin ist auch die Obwaldner Frauenklinik immer wieder ein Thema. Auch in Luzern will man weiter wachsen, Hodel möchte am Luzerner Kantonsspital in den nächsten Jahren die 2000er-Grenze überschreiten.

Wichtig für gutes Image des Spitals

Nun wird auch klar, weshalb so viel in die Geburtenabteilung investiert wird, sie ist sozusagen die Visitenkarte eines Spitals. «Die Geburten sind für uns sehr wichtig, sie haben eine unglaublich positive Wirkung auf das Image des Spitals», sagt Lüscher. «Hier können wir eine emotionale Bindung herstellen, die sich auf die ganze Familie und den Bekanntenkreis auswirkt.» Auch Baumberger bestätigt: «Geburten sind ein freudiges Ereignis, das ist für ein Spital das beste Marketing.»