ZENTRALSCHWEIZ: Organspende: Langes Warten auf die Rettung

Die Warteliste für Menschen, die auf ein Organ angewiesen sind, wird immer länger. Grund dafür ist nicht zuletzt die Religion – aber nicht nur.

Sarah Weissmann
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Im Operationssaal des Kinderspitals Zürich wird ein Spenderherz aus der Kühlbox genommen, um danach einem Kleinkind transplantiert zu werden. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Im Operationssaal des Kinderspitals Zürich wird ein Spenderherz aus der Kühlbox genommen, um danach einem Kleinkind transplantiert zu werden. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Die zehnjährige Carina Bürgisser aus Oberägeri ist seit Juli des letzten Jahres auf einer Warteliste. Sie hofft, dass bald wieder ein gesundes Herz in ihrer Brust schlägt. Eine wegen Knochenkrebs erfolgte Chemotherapie hat ihr Herz derart geschwächt, dass man ihr ein künstliches Herz einsetzen musste (siehe grosser Kasten).

Derzeit warten 105 Zentralschweizer auf ein passendes Spenderorgan (siehe Tabelle). 1370 Menschen sind es in der ganzen Schweiz. Aber nur gerade 117 Spender wurden letztes Jahr gezählt, was 14,4 Spender pro Million Einwohner entspricht. Erhoben werden die Zahlen von Swisstransplant, der nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation. «Die Schweiz liegt mit ihrer Organspenderate immer noch im unteren Drittel Europas», erklärt Direktor Franz Immer.

Transplantation ist einzige Option

Auch Markus T.* (48) wartet auf eine Organspende. Seine Leber ist stark geschädigt. «Meine Gallenwege sind chronisch entzündet, was zu einer Verengung führt.» Dadurch könne die Gallenflüssigkeit nicht mehr abfliessen, wodurch sie sich in die Leber zurückstaut. «2001 erhielt ich die Diagnose. Aber ich ignorierte das lange.» Erst als 2005 weitere Symptome dazukamen, musste er sich mit der Krankheit auseinandersetzen. «Ich konnte sie zwar nicht mehr ignorieren, aber eine Transplantation kam für mich nicht in Frage.» Doch als sich T.s Gesundheitszustand vor einem Jahr weiter verschlechterte, wurde ihm klar: «Meine einzige Option ist eine Lebertransplantation.» Seit Frühling letzten Jahres ist T. auf der Warteliste.

Jährlich sterben 100 Wartende

Allerdings gibt es laut Franz Immer in der Schweiz eine hohe Ablehnung gegenüber Organspenden. Jährlich sterben deshalb rund 100 Menschen. «Weniger als 5 Prozent unserer Spender tragen eine Organspendekarte auf sich», sagt Franz Immer. Auf dieser Karte oder der entsprechenden Smartphone-App gibt der Besitzer an, ob er im Fall eines Hirntodes seine Organe zur Spende freigibt oder nicht. Damit nimmt er seinen Angehörigen eine schwierige Entscheidung ab (siehe rechte Box).

Auch T. gibt zu: «Vor meiner Krankheit habe ich mich überhaupt nicht mit dem Thema Organspende auseinandergesetzt. Es hat mich zu wenig interessiert.» Doch jetzt ist er einer von 105 Zentralschweizern auf der Warteliste. Seine Botschaft: «Jeder soll sich möglichst rasch mit dem Thema auseinandersetzen und eine Spenderkarte ausfüllen. Auch, um die Angehörigen zu entlasten.»

Angehörige sind oft dagegen

Gerade für Angehörige kann ein solcher Entscheid extrem belastend werden. Mit diesem Thema wird die Präsidentin der Schweizer Patientenstelle, Erika Ziltner, immer wieder konfrontiert. Ihr letzter Fall betraf die ethische Ebene: «Angehörige mussten schnell entscheiden, ob sie die Organe einer geliebten, aber für hirntot erklärten Person freigeben wollen.» Meist fällt der Entscheid negativ aus.

Doch auch wenn Menschen noch selber in der Lage sind zu entscheiden, ob man nach dem Tod etwa die Lunge, die Nieren oder das Herz freigibt, entscheiden sich viele Schweizer dagegen. Warum? «Einerseits gibt es Leute, die denken, man müsse mit dem Körper auskommen, den man habe. Würden diese Organe nicht mehr funktionieren, dann sei das Schicksal. Andererseits spielt auch die Religion eine zentrale Rolle», erklärt Ziltener. Voraussetzung für eine Transplantation ist nicht nur ein geeignetes Organ, sondern auch die Übereinstimmung der Blutgruppe, der Grösse und des Alters.

«Ich kann noch sehr alt werden»

Markus T.s Immunsystem ist inzwischen stark geschwächt, doch ihm gibt die Hoffnung Kraft: «Für mich ist klar, dass ich keine lebensverlängernden Massnahmen will. Aber mit einer neuen Leber kann ich noch sehr alt werden, und ich bin dankbar, dass ich diese Option überhaupt habe.»

* Name der Redaktion bekannt.


«Wir hoffen jeden Tag darauf»

rgr. Bis im Herbst 2011 war Carina Bürgisser ein lebensfrohes Mädchen, das gerne herumtollte und das Meer liebte. Dann kam die Diagnose: Knochenkrebs am Schienbeinknochen. Dieser wurde entfernt und durch einen Spendenknochen ersetzt. «Weil solche Tumore oft aggressiv sind, entschloss man sich für eine Chemotherapie», sagt Mutter Beatrice Bürgisser gegenüber unserer Zeitung.

Erstes Kind mit solchem Kunstherz

Die Chemotherapie war erfolgreich, schwächte jedoch das Herz. «Die einzige Lösung für Carina war ein tragbares Kunstherz», bestätigt die Mutter einen Bericht in der «Zuger Presse». Carina war das erste Kind der Schweiz, bei dem eine solches eingesetzt wurde. Das bedeutete, dass sie fortan ein Täschchen mit einer Batterie mit sich führen musste. Bald erholte sich ihr Herz, die Ärzte entfernten das künstliche Organ im Februar 2013. Nur zwei Wochen später erkrankte Carina jedoch an einem Virus, musste wegen der schlechten Herzfunktion ins Spital.

Nun wartet Carina auf ein Spenderherz. «Wir hoffen jeden Tag darauf, dass das Telefon klingelt und man uns sagt, dass sich ein Herz gefunden hat», sagt Carinas Mutter. Die Wartezeit auf ein Spenderherz dauert für Kinder im Durchschnitt ein Jahr. Gegen ein fremdes Herz wehrte sich das Mädchen zuerst. «Sie will nicht, dass ein anderes Kind stirbt», sagt seine Mutter. Inzwischen hat es akzeptiert, dass der Tod eines Menschen immer auch eine Chance für einen anderen sein kann.

Jeder sollte seinen Willen festhalten

saw. Im Durchschnitt sind 2014 laut Swisstransplant bis zu zwei Menschen pro Woche verstorben, die vergeblich auf ein Organ gewartet hatten. Das Ziel der Stiftung ist es, dass jeder seinen Willen zum Thema Organspende äussert. Dabei spielt es keine Rolle, ob man zur Organspende bereit ist oder nicht. Entscheidend ist, dass im Fall eines Hirntodes die schwierige Entscheidung nicht bei den Angehörigen liegt und die Ärzte rasch handeln können.

Wer seinen festhalten will, hat drei Optionen. Swisstransplant empfiehlt, alle drei zu nutzen:

  • Organspendekarte ausfüllen und immer bei sich tragen.
  • Elektronische Spendekarte auf der Smartphone-App «Echo112» ausfüllen.
  • Angehörige informieren.

Weitere Infos sowie Spendekarten sind unter www.swisstransplant.org erhältlich. Auch in den meisten Arztpraxen und Spitälern können Spendekarten kostenlos bezogen werden.

Sarah Weissmann

Bild: Neue LZ

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