ZENTRALSCHWEIZ: Terrorangst hält Touristen aus China fern

Der Tourismus in der Region muss derzeit vor allem auf Gäste aus China verzichten. Ein Grund liegt knapp 500 Kilometer entfernt und vier Monate zurück.

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Die Pariser Anschläge von 2015 haben Auswirkungen auf den Tourismus in der Zentralschweiz. Vor allem die Zahl chinesischer Gäste hat sich reduziert (Symbolbild). (Bild Pius Amrein)

Die Pariser Anschläge von 2015 haben Auswirkungen auf den Tourismus in der Zentralschweiz. Vor allem die Zahl chinesischer Gäste hat sich reduziert (Symbolbild). (Bild Pius Amrein)

Alexander von Däniken

Panik macht sich in der regionalen Tourismusbranche zwar nicht breit – eine Verunsicherung ist aber spürbar. Grund sind deutlich weniger Buchungen von asiatischen Reisegruppen, vor allem aus China. Als Grund vermuten Insider, die anonym bleiben wollen, Nachwirkungen der Attentate vom 13. November letzten Jahres im knapp 500 Kilometer entfernten Paris (siehe Box). Zwar sei es durchaus ein saisonales Phänomen, dass Chinesen während des Winters weniger nach Luzern reisen. «Aber der drastische Einbruch deutet stark auf die Angst von chinesischen Veranstaltern vor weiteren Anschlägen islamistischer Terroristen in Europa hin», erklärt ein Branchenkenner gegenüber unserer Zeitung. Ein anderer Tourismusdienstleister beklagt für Januar und Februar Umsatzeinbussen um bis zu 25 Prozent. Er führt neben den Attentaten auch das zunehmend schlechte Image der Schweiz als Hochpreisdestination ins Feld.

Tatsächlich ist die Zahl der Logiernächte in der Region Luzern-Vierwaldstättersee im Januar 2016 gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,6 Prozent auf 189 485 gesunken. Dies zeigen aktuellste Zahlen des Bundesamts für Statistik. Allein in der Stadt Luzern wurde ein Minus von 2,9 Prozent auf 56 069 Logiernächte verzeichnet. Die Zahl der Gäste aus China (ohne Hongkong) in der Stadt Luzern ist im letzten Jahr von 4702 auf 3772 gesunken. Und der kumulierte Ausblick aufs ganze Jahr 2016 lässt gegenüber 2015 einen weiteren Rückgang auf 3448 Logiernächte vermuten.

«Monopol»: Einzelne Stornierungen

Brigitte Heller, Direktorin des Hotels Monopol, bestätigt zwar, dass es einzelne Stornierungen von asiatischen Reiseveranstaltern gibt und dass diese im Zusammenhang mit dem Attentat vom letzten November stehen könnten. «Allerdings hält sich das im Rahmen, und es hat schon öfter kleine Stornierungsphasen gegeben, je nach Wirtschaftslage im Herkunftsland.» Heller betont, dass die Situation derzeit nicht gravierend sei, fügt aber an: «Jeder weitere Anschlag irgendwo in Europa ist für den Tourismus nicht förderlich.»

Generell hält die «Monopol»-Direktorin fest, dass der Januar weder für Luzern noch für China ein Reisemonat ist. «Unsere Hochsaison beginnt im Mai.» Darum müssten auch subjektive Eindrücke, in der Stadt gebe es weniger Touristen, relativiert werden. Zudem habe die Tourismusregion Luzern den Vorteil, dass hier Gäste aus der ganzen Welt übernachten. «Gerade traditionelle Winterdestinationen haben wegen des starken Frankens mit dem Kernmarkt Europa derzeit stark zu kämpfen. Ein solches Klumpenrisiko haben wir weniger.»

SGV: Chinesen halten sich zurück

Bei der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) fällt ein direkter Vergleich mit dem Vorjahreswinter schwer, wie Marketingleiter Werner Lüönd sagt. «Trotzdem stellen wir aktuell eine Zurückhaltung von Gästen aus China fest.» Dass die Attentate von Paris dabei eine Rolle spielen, hält ­Lüönd für wahrscheinlich. Zumal Paris von hier aus zwar weit weg erscheine, von China aus aber nicht. Auch ein anderer Faktor spiele eine Rolle: «Die seit letztem Herbst gültigen neuen Visa-Bestimmungen erschweren die Einreise in die Schweiz.» Zudem gab es in China bis vor kurzem nur an drei Orten die Möglichkeit, ein Visum zu beantragen. Seit Ende Januar gibt es drei zusätzliche Zentren; weitere dürften noch folgen.

Bucherer: Weniger Gäste

Stark auf Gäste aus China ausgerichtet ist das Stadtluzerner Bijouterie- und Uhrenunternehmen Bucherer. Marketingdirektor Jörg Baumann: «Es hat weniger Gäste als im Vorjahr. Auch wegen der Attentate in Paris.» Der zweite Grund seien die Visa-Bestimmungen, die einen biometrischen Pass verlangen, und gleichzeitig die noch zu geringe Anzahl an Visa-Zentren in China. Gegenmassnahmen habe man noch nicht ergreifen müssen. «Nach heutigem Wissensstand erwarten wir, dass sich die Situation im Verlauf des Jahres normalisieren wird.» Ein Touristenmagnet, vor allem bei Gästen aus China, sind auch die Rigi-Bahnen. Direktor Peter Pfenniger: «Im Vergleich zum Vorjahr haben wir im Januar und Februar rund 30 Prozent weniger Gäste aus Asien verzeichnet.» Das sei zwar unangenehm, aber im Verhältnis zum gesamten Umsatz nicht dramatisch. Auch Pfenniger nennt die Angst vor dem Terrorismus und die Wirtschaftslage in China als mögliche Gründe.

Engelberg: Boom bei Indern hält an

Neben chinesischen Touristen ist die Tourismusregion Engelberg vor allem bei Gästen aus Indien beliebt. Tourismusdirektor Frédéric Füssenich stellt derzeit grosse Unterschiede fest: «Während die Nachfrage von Touristen aus Indien ungebremst hoch ist, stellen wir bei Gästen aus China einen ungewöhnlichen Rückgang fest.» Auch Füssenich führt dies auf die Anschläge von Paris, die Wirtschaft in China und die Visa-Hürden zurück. «Bei der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens mit China hätte die Schweiz durchaus eigene Wege einschlagen können, um den Chinesen eine erleichterte Einreise zu ermöglichen.» Nun müsse beobachtet werden, wie sich die Lage entwickle. Der Tourismus sei ein sehr volatiler Markt, was sich auch bei Sars und der Vogelgrippe gezeigt habe. «Andererseits erholen sich die Märkte auch schnell wieder.»

Tourismus: Europa wieder stabil

Sibylle Gerardi, Leiterin Kommunikation von Luzern Tourismus, relativiert den Rückgang von Logiernächten asiatischer Gäste: «Im Vergleich zu den Rückgängen aus Europa in den letzten Monaten per Ende 2015 von 12,7 Prozent ist dies wenig. Im Januar hingegen haben sich die Zahlen aus Europa erfreulicherweise etwas stabilisiert.»

Dass Touristen aus China fernbleiben, hat laut Gerardi vor allem mit den Terroranschlägen in Paris, die chinesische Gruppen von Europareisen abgehalten hat, aber auch mit den Visa-Bestimmungen zu tun. Denn: «Andere Gäste aus dem asiatischen Raum – zum Beispiel aus der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong, die ebenfalls häufig in Gruppen reisen – haben vermehrt in Luzern übernachtet.» Die Vergangenheit hat aber auch gezeigt, dass die Situation sich nach derartigen Anschlägen bald wieder normalisiert, sofern es keine weiteren Terrorakte gibt. Einen möglichen Zusammenhang zwischen den Attentaten von Paris und dem Rückgang asiatischer Touristen in der Region bestätigt auf Anfrage Jürg Stettler, Vizedirektor des Instituts für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern: «Der Zusammenhang ist tatsächlich zu vermuten. Vor allem weil die Mehrheit der Gäste in unserer Region Gruppenreisende sind, die ein Europaprogramm absolvieren.» Paris sei noch immer eine wichtige Destination für Touristen aus Fernost. Das hat der chinesische Direktor des Hotels Jungfrau in Interlaken, Xiangdong Zhao, auch gegenüber der «Berner Zeitung» bestätigt. Demnach werde in China von der «goldenen Linie» gesprochen, die meist in neun Tagen absolviert wird: Mailand–Interlaken–Luzern–Paris. «Die goldene Linie bleibt unschlagbar», erklärte Xiangdong.

Preis: Für Chinesen kaum ein Thema

Die Attentate von Paris sind laut Stettler aber nicht der einzige mögliche Grund. «China-Kenner berichten, dass die europäische Flüchtlingskrise aufmerksam verfolgt wird.» Aber auch in China selbst gebe es Probleme; die Wirtschaft entwickle sich dort nicht mehr so rasant, die Börsenkurse würden viele Chinesen verunsichern. Das sind alles Einflüsse von ausserhalb. Aber was ist mit der kürzlich publik gewordenen Meldung, Zürich sei die weltweit zweitteuerste Stadt? Hat auch der teure Franken einen Einfluss? Stettler glaubt nicht, dass sich die Chinesen davon beirren lassen: «80 Prozent des Tourismus in der Region laufen über das Gruppengeschäft, und die Reisegruppen zahlen auch in der Schweiz mit Euro. Da sie meist ein bis zwei Tage in der Schweiz sind, fällt das im Verhältnis zur ganzen Reise nur wenig ins Gewicht.» Und die noch kleine Gruppe von Individualreisenden sei generell bereit, mehr Geld auszugeben.

Potenzial: In China ist weiter riesig

Trotz der Umstände in Europa, die dem Tourismus zusetzen, glaubt Stettler, dass die Region Luzern-Vierwaldstättersee auch weiter zunehmende Übernachtungszahlen verzeichnet – vorausgesetzt, es gebe keine weiteren Anschläge, die Flüchtlingskrise spitze sich nicht weiter zu und die Wirtschaft in China erhole sich. Gerade dieses Land habe noch ein hohes Potenzial: «Erst 5 Prozent aller Chinesen haben einen Reisepass. China registriert rund 3,4 Milliarden Reisen, davon die meisten im eigenen Land. Wenn die Zentralschweiz und die Schweiz ihr Angebot pflegen und ausbauen, kann der Tourismus allein vom riesigen Potenzial aus Asien profitieren.»

130 Menschen getötet

Die Attentate waren koordiniert und islamistisch motiviert: Am 13. November letzten Jahres fand an fünf Orten in und um Paris eine Angriffsserie statt, zu der sich später der IS bekannte. 
Die Attacken richteten sich gegen die Zuschauer eines Fussballspiels im Stade de France, gegen die Besucher eines Rockkonzerts im Bataclan-Theater sowie gegen die Gäste zahlreicher Bars, Cafés und Restaurants. Es handelte sich um mehrere Schusswaffenattentate, ein Massaker mit Geiselnahme sowie sechs Explosionen, die von Selbstmordattentätern mit Sprengstoffwesten ausgelöst wurden. 

Hartes Jahr für Paris

Es wurden 130 Menschen getötet und 352 verletzt, davon 97 schwer. Ausserdem starben sieben der Attentäter in unmittelbarem Zusammenhang mit ihren Attacken. 
Der mutmassliche Planer der Anschläge starb wenige Tage später bei einer Razzia der französischen Sicherheitskräfte in einem Pariser Vorort.

Im gleichen Jahr, am 7. Januar, stürmten zwei maskierte Täter in die Redaktionsräume des Satiremagazins «Charlie Hebdo» in Paris und töteten elf Personen, verletzten mehrere Anwesende und brachten auf ihrer Flucht einen weiteren Polizisten um. Zwei Tage später erschossen Sicherheitskräfte die beiden Täter, die sich zuvor zu el Kaida im Jemen bekannten. 

Am 8. Januar wurde im Süden von Paris eine Polizistin von einem weiteren schwerbewaffneten Täter erschossen. Dieser überfiel am Tag darauf den Supermarkt Hyper Cacher für koschere Waren im Pariser Osten, tötete vier Menschen und nahm weitere als Geiseln. Der Täter bekannte sich telefonisch zum Islamischen Staat und erklärte, sein Vorgehen stehe in Verbindung mit dem Anschlag auf «Charlie Hebdo». Er wurde bei der Erstürmung des Supermarktes durch die Sicherheitskräfte erschossen.