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ZENTRALSCHWEIZ: Wenn unter Zwang getraut wird

Täglich werden Migranten gegen ihren Willen verheiratet. Betroffen sind laut einer Fachstelle immer mehr Männer – wie der 22-jährige Turgut*.
Christian Hodel
Nicht immer erfolgt eine Eheschliessung aus Liebe und unter freiem Willen: Häufig werden Zwangsheiraten in der Ferienzeit im Heimatland von Migranten geschlossen. (Symbolbild Keystone/Divyakant Solanki)

Nicht immer erfolgt eine Eheschliessung aus Liebe und unter freiem Willen: Häufig werden Zwangsheiraten in der Ferienzeit im Heimatland von Migranten geschlossen. (Symbolbild Keystone/Divyakant Solanki)

Christian Hodel

Das erste Mal sah er sie drei Tage vor der Hochzeit. Er dachte, es sei ein Scherz, als seine Eltern in einem kleinen Dorf in der Türkei den Festtermin bekannt gaben. Die Familie hat alles organisiert. Das Lokal, das Essen, die Braut. Als er realisierte, was mit ihm geschieht, war Turgut* (22) schon getraut.

Jede Woche bis zu fünf Meldungen

Viele Verwandte sind zur Feier gekommen. Alle gegen einen, die Familie gegen Turgut. Was soll er tun in dieser Situation – gut 3500 Kilometer von seinem Wohnort in der Zentralschweiz entfernt? «Viele Betroffene lassen eine solche traditionelle Hochzeit in der Heimat über sich ergehen», sagt Anu Sivaganesan, Juristin aus dem Kanton Zug und Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat.ch. Zu gross sei der Druck der Familie, sich in diesem Moment zu wehren.

Seit 2005 gibt es die Fachstelle, 1031 Fälle wurden behandelt. «Derzeit gehen jede Woche bis zu fünf Meldungen von Zwangsheiraten bei uns ein», sagt Sivaganesan. Während der Sommermonate seien es bis zu neun – weil Eltern ihre Töchter und Söhne häufig in der Ferienzeit im Heimatland liieren lassen.

«Junge Männer stehen unter Druck»

Laut Sivaganesan suchen derzeit immer mehr Männer Hilfe – auch aus der Zentralschweiz. Fast ein Fünftel der Anfragen bei der Beratungsstelle stammt von Männern, bei den albanisch Sprechenden ist es gar ein Drittel. «Zwangsheirat wird leider oftmals nur als Frauenproblem angeschaut. Aber auch junge Männer stehen mächtig unter Druck», sagt Sivaganesan. Das Problem ist nur: Im absoluten Härtefall, wenn sich die Betroffenen wehren und darum Repressalien befürchten müssen, fehlt es in der Schweiz an sicheren Unterbringungsmöglichkeiten. «Für Mädchen und Frauen gibt es Mädchen- und Frauenhäuser. Aber Männerhäuser sind in der Schweiz selten.» Eines der wenigen ist der «Zwüschehalt» in Brugg.

Wie viele Männer und Frauen in der Zentralschweiz und der ganzen Schweiz von Zwangsheirat betroffen sind, ist unklar. «Die Dunkelziffer dürfte massiv höher liegen als unsere Zahlen», sagt Sivaganesan. «Viele nehmen stillschweigend eine solche Heirat hin und ordnen sich dem Willen der Familie unter, weil sie sich vor den negativen Konsequenzen fürchten.»

Noch ist Trauung nicht rechtens

Nicht so Turgut. Er will nach seiner traditionell durchgeführten Hochzeit in der Türkei nun Schlimmeres verhindern. Noch ist Turguts Trauung nicht rechtens, noch ist die Frau nicht als Familiennachzug in die Schweiz gekommen. «Wir sind daran, dass Turgut in kleinen Schritten wagt, sich der Familie zu widersetzen, um eine zivile Trauung abzuwenden», sagt Sivaganesan.

Der Grund für Turguts Hochzeit ist eine andere Frau. Turgut hat in der Zentralschweiz eine Freundin. Zwar gegen den Willen der Eltern, aber eine, die er liebt. Ein paar Monate, nachdem die Familie von der Liaison erfuhr, sass Turgut im Flugzeug in die Türkei. Die Rede war von 17 Tagen Ferien im Heimatland mit der ganzen Familie – am elften Tag wurde Turgut verheiratet.

Mit dem Heimatland solidarisieren

«Das ist ein typischer Fall von Zwangsheirat», sagt Sivaganesan. «Die Schwester hat Turgut bei den Eltern angeschwärzt, weil sie fürchtete, dass ihr Bruder die Familienehre zerstöre und sie darum später selbst keinen Mann finden würde.» Andere Opfer berichten wiederum, dass ihre Eltern sich mit dem Heimatland solidarisch zeigen wollen und darum für sie einen Landsmann oder eine Landsfrau suchen, der oder die dann als Familiennachzug in die Schweiz reisen kann. Ein weiterer Grund für Zwangshochzeiten sei, dass eine Heirat als «Bändigung angesehen wird», sagt Sivaganesan. Manche Migranten hätten Mühe damit, dass sich ihre Kinder an einem westlichen Lebensstil orientieren. «Macht ein Junge etwa zu viel Party oder geht die Tochter eine voreheliche Beziehung ein, wird häufig eine Hochzeit ins Auge gefasst, um den Kindern Einhalt zu gebieten.» In vielen Kulturen würden Hochzeiten zudem als Bindung von zwei Familien angeschaut. «Patriarchalische und traditionelle Strukturen, die zu Zwangsheiraten führen können, sind schwer zu durchbrechen.»

Immer mehr Eritreer und Äthiopier

Die Betroffenen kommen laut einer Studie des Bundes häufig vom Balkan, von der Türkei oder Sri Lanka. «In den vergangenen Monaten haben aber auch Meldungen von Personen aus Äthiopien oder Eritrea deutlich zugenommen», sagt Sivaganesan und will betont haben: «Zwangsheirat ist keine Frage einer bestimmten Religion oder der Herkunft. Sie kommt in vielen Kulturkreisen vor.»

In rund 70 Prozent der Fälle könne die Beratungsstelle helfen. «Die Lösung ist immer ein Kompromiss.» Dieser kann etwa wie folgt aussehen: Der Sohn darf eine andere Frau heiraten, die er wirklich liebt. Damit die Familienehre aber nicht zu fest verletzt wird, muss er den Wohnort der Eltern verlassen und in einen anderen Kanton ziehen. Ob es auch für Turgut eine Lösung gibt, ist ungewiss. Sivaganesan sagt: «Im Moment versuchen wir, Zeit zu gewinnen. Erste Gespräche, die er mit seiner Mutter geführt hat, verliefen gut.»

* Name geändert

Seit zwei Jahren ein Verbrechen

Unter einer Zwangsheirat versteht man eine Trauung, die gegen den Willen der Braut oder des Bräutigams stattfindet, wobei diese negative Konsequenzen bis hin zu Gewalt zu befürchten haben, wenn sie sich widersetzen.

Seit Juli 2013 können unter Zwang geschlossene Ehen in der Schweiz auf unbefristete Zeit angefochten werden. Eine solche Ehe gilt seither als «Verbrechen» und nicht bloss als «Vergehen». Wer jemanden durch Gewalt oder Androhung ernstlicher Nachteile zu einer Ehe nötigt, kann mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.

Ehepartner wird bestimmt

Eine arrangierte Heirat liegt dann vor, wenn der künftige Ehepartner von Dritten bestimmt wird – oftmals von den Eltern. Für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist dies die gängige Form der Eheschliessung. Im Normalfall dürfen die Beteiligten die vorgeschlagene Partnerin oder den Partner ablehnen, ohne negative Folgen zu befürchten. «In der Praxis ist es nicht immer einfach, die beiden Heiratsformen zu unterscheiden, da die Grenzen verschwommen sind», sagt Anu Sivaganesan, Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat.ch.

Einen aktuellen Fall von Zwangsheirat gibt es im Kanton Obwalden. Das Kantonsgericht hat im März die Heirat einer 20-jährigen Kosovarin mit einem 24-jährigen Landsmann für ungültig erklärt. Sie kam als Familiennachzug in die Schweiz. Obwohl das Gesetz in einem solchen Fall einen weiteren Aufenthalt zulässt, will das Obwaldner Migrationsamt der Frau die Aufenthaltsbewilligung nicht verlängern. Bei der Rückkehr in die Heimat würde für die Frau keine Gefährdung vorliegen, so die Begründung. Eine Beschwerde gegen den Entscheid ist hängig, wie die Anwältin der Betroffenen bestätigt.

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