ZENTRALSCHWEIZ: «Wir haben definitiv zu viele tödliche Gleitschirmunfälle»

In nur neun Tagen gabs in der Zentralschweiz einen toten und zwei schwer verletzte Gleitschirmpiloten. Liegt das am schlechten Sommer?

Sarah Weissmann
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Das Brunni-Gebiet in Engelberg ist ein beliebtes Ziel für Gleitschirm­piloten. Hier wurde im Juni die Schweizer Meister­schaft ausge­tragen. (Bild: Keystone/Sigi Tischler)

Das Brunni-Gebiet in Engelberg ist ein beliebtes Ziel für Gleitschirm­piloten. Hier wurde im Juni die Schweizer Meister­schaft ausge­tragen. (Bild: Keystone/Sigi Tischler)

In der Zentralschweiz ist es in diesem Jahr bereits zu mehreren Gleitschirmunfällen gekommen. Zwei davon endeten tödlich (siehe Kasten). Bei weiteren Unfällen wurden die Piloten teilweise schwer verletzt. Verlässliche Zahlen dazu sind nicht erhältlich, weil Unfälle ohne Todesfolge in der Schweiz nicht meldepflichtig sind. Insgesamt verzeichnet der Schweizerische Hängegleiter-Verband (SHV) in der Schweiz dieses Jahr bisher neun tödliche Unfälle. Zum Vergleich: 2013 waren es acht tödliche Unfälle, 2012 deren sieben.

Verband verhandelt mit Bund

Christian Boppart, Direktor des SHV, sagt: «Wir haben definitiv zu viele tödliche Unfälle, denn jeder einzelne ist einer zu viel.» Um die Zahl zu minimieren, lanciere der Verband regelmässig Sensibilisierungskampagnen und investiere in die Verbesserung der Ausbildung. Zudem wolle der SHV mehr zur Unfalluntersuchung beitragen: «Offiziell sind wir dafür nicht verantwortlich, sondern die Staatsanwaltschaft des jeweiligen Kantons. Wir wollen aber aus jedem Unglück unsere Lehre ziehen können und sind deshalb mit dem Bund in Verhandlungen», sagt Boppart. Es sei jedoch noch zu früh, um zu sagen, was genau verbessert werden könnte.

Im Zweifel nicht fliegen

Gleich zwei schwere Unfälle haben sich in den letzten zwei Wochen in der Zentralschweiz ereignet. Othmar Leuppi von der Euroflugschule Engelberg AG erklärt, dass wegen des schlechten Sommers zurzeit deutlich mehr Gleitschirmflieger unterwegs sind: «Je mehr Leute den Sport ausüben, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Unfällen kommt.» Bei den Unfällen in der Vergangenheit handle es sich um eine Reihe unglücklicher Zufälle, sagt Leuppi. Dieser Meinung ist auch Franz Tanner von der Flugschule Emmetten und Titlis. Tanner erklärt, dass jeder Gleitschirmflieger im Besitz eines Brevets sein muss, um überhaupt fliegen zu dürfen. «Um die Prüfungsurkunde zu erhalten, müssen die Schüler einer Flugschule mindestens 50 Höhenflüge sowie eine Theorieprüfung absolvieren.» Fluglehrer Tanner verfügt mit über 10 000 Flügen über reiche Erfahrung als Gleitschirmpilot. Um Unfällen vorzubeugen empfiehlt er: «Wenn die Wetterverhältnisse nicht stimmen, man sich körperlich oder psychisch nicht fit fühlt oder sonstige Zweifel aufkommen, sollte man besser nicht fliegen.»

Für Ausländer schwierig

Die Gründe für solche Unfälle sind laut Boppart immer sehr unterschiedlich. An Pfingsten ist im Gebiet Engelberg ein deutscher Pilot tödlich verunglückt. Boppart erklärt, dass man im Frühling anspruchsvollere Verhältnisse zum Fliegen habe, als das beispielsweise im Herbst der Fall sei. «Die Luft ist in dieser Jahreszeit stark thermisch. Ausserdem hatten wir zuvor eine lange Schlechtwetterperiode, was dazu führen kann, dass die Piloten beim ersten Flug überfordert sind.» Wieso genau es zu dem tragischen Tandemunfall vorletztes Wochenende kam, könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschliessend sagen.

Doch Boppart betont: «Unter den neun tödlich Verunglückten waren vier Gleitschirmflieger aus dem Ausland. Diese Piloten kommen aus Flachländern und kennen die Umgebung nicht. Die ungewohnten und neuen Verhältnisse sind eine Herausforderung und können eine Schwierigkeit darstellen.»

Zahlreiche Unfälle in diesem Jahr

Die Suva zählt das Gleitschirmfliegen nicht zu den Risikosportarten. Dennoch kommt es regelmässig zu Unfällen:

27. Oktober 2014: Ein 29-jähriger Gleitschirmschüler stürzt im Gebiet Holz in Engelberg ab und wird schwer verletzt. Er hatte bereits 30 Schulungsflüge hinter sich. Am selben Tag bleibt ein anderer Pilot im Gebiet Tümpfeli in Engelberg an einem Baum hängen. Er kann unverletzt befreit werden.
18. Oktober 2014: Bei einem Tandemflug im Gebiet Fluebrig im Kanton Schwyz geraten zwei 61-jährige Zürcher in Schwierigkeiten. Sie prallen so hart gegen eine Felswand, dass der Passagier noch auf der Unfallstelle stirbt. Der Pilot zieht sich schwere Fuss- und Armverletzungen zu.
8. Juni 2014: Ein deutscher Gleitschirmpilot (38) stürzt im Brunni-Gebiet in Engelberg ab und kann nur noch tot geborgen werden. Sein Schirm war seitlich eingeklappt.
17. März 2014: Der Gleitschirm eines 74-jährigen Piloten verfängt sich in Wolfenschiessen in den Drahtseilen einer Transportseilbahn. Mit viel Glück kann er sich selber befreien.
23. Februar 2014: Ein 30-Jähriger prallt beim Landemanöver in Schattdorf in ein Stalldach. Der Urner zieht sich verschiedene Brüche zu.