ZENTRALSCHWEIZ: Wird in den Skigebieten getrickst?

Ein Experte hat nachgemessen: Am Titlis sind die Pisten kürzer als offiziell gemeldet. Die Bergbahnen wehren sich und fordern einheitliche Regeln. Vorbild könnte Nordamerika sein.

Matthias Stadler
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Skifahrer auf einer frisch präparierten Piste im Skigebiet Engelberg-Titlis. (Archivbild Neue LZ)

Skifahrer auf einer frisch präparierten Piste im Skigebiet Engelberg-Titlis. (Archivbild Neue LZ)

Matthias Stadler

Der Schneesport kommt wegen des durchzogenen Winters nicht recht auf Touren. So verzeichnen die Zentralschweizer Skigebiete nach der Hälfte der Saison 5,1 Prozent weniger Gäste als im Vorjahr und einen Umsatzrückgang von 8,2 Prozent. Bereits das Vorjahr war deutlich unterdurchschnittlich. Da kommen weitere Negativmeldungen natürlich ungelegen. Doch diese sind nicht einer allfälligen Warmfront verschuldet, sondern geografischer Natur.

Titlis: 38 oder 82 Pistenkilometer?

Der deutsche Kartograf und Journalist Christoph Schrahe misst weltweit Skigebiete und vergleicht die Messungen mit den offiziellen Angaben der Bergbahnen. Die 13 Skigebiete etwa, die zum Zentralschweizer Tarifverbund Schneepass gehören, weisen 532 Kilometer aus (siehe Tabelle).

Nach Schrahes aktuellestem Bericht 2015/16 schneiden die Titlis-Bergbahnen besonders schlecht ab. Das Skigebiet wirbt mit 82 Pistenkilometern, Schrahe kommt mit seiner GPS-Messung jedoch auf nur 38 Kilometer. Somit liegt das Gebiet auf Platz zwei seiner Liste der grössten Schummler weltweit. Den unrühmlichen ersten Platz belegt das Bündner Skigebiet Corvatsch-Furtschellas mit 120 angegebenen statt 42 Pistenkilometern, wie die «Südostschweiz» berichtet. Die Bronzemedaille erhält das französische Gebiet Isola 2000 an der Grenze zu Italien: Es wirbt mit 120 Kilometern anstatt deren 56. Laut Schrahes Erhebungen geben nur 18 Prozent der Skigebiete korrekte Pistenlängen an, knapp ein Drittel «korrigiert» die realen Verhältnisse um 10 bis 30 Prozent.

Direkte Linie oder Kurven?

Zur Erklärung: Christoph Schrahe misst jeweils die Länge der Pistenmitte, also quasi die direkte Linie eines Abfahrers. Heisst: Die Breite einer Piste spielt keine Rolle. Diese Methode wird von verschiedenen Skigebieten bemängelt, da die Pistenbreite sowie gross gefahrene Kurven und Carvingschwünge nicht berücksichtigt würden.

Peter Reinle, Marketingleiter Titlis-Bergbahnen, kritisiert die Angaben des Kartografen: «Die von Schrahe gemessene Pistenlänge von 38 Kilometern in Engelberg-Titlis ist schlicht und einfach falsch, denn er hat nicht die ganze Destination berücksichtigt, auf die sich die veröffentlichten 82 Kilometer beziehen.» Diese Pistenlänge sei nach der branchenüblichen Methode anhand der gefahrenen Strecke gemessen worden. «Messen wir die schräge Länge, also die Schussfahrt gerade runter, kommt man in Engelberg auf 55 Kilometer.» Er fügt an, dass beispielsweise das österreichisch-schweizerische Skigebiet Ischgl/Samnaun mit 238 Kilometern werbe, die schräge Länge würde aber 173 Kilometer betragen.

Seilbahnverband bestätigt Methode

Christoph Schrahe gibt auf Anfrage an, dass er die Titlis-Strecken gemäss offiziellem Pistenplan abgefahren sei. Kommt hinzu: Seine Messmethode stimmt zum grössten Teil überein mit den Empfehlungen des Verbands der Seilbahnen Schweiz, was Andreas Keller, Leiter Kommunikation des Verbands, bestätigt. Dabei handelt es sich um den Dachverband für grosse und mittelgrosse Seilbahnunternehmen, auch die Titlis-Bergbahnen gehören dem Verband an. Diese Empfehlungen wiederum stehen im Einklang mit jenen des deutschen sowie des österreichischen Verbands der Seilbahnen.

Eine faule Ausrede also? Titlis-Marketingleiter Peter Reinle verneint. «Die Vermessung des Skigebiets ist komplex. So haben wir beispielsweise im März normalerweise mehr Schnee als im Januar und können somit auch noch weitere Zusatzpisten öffnen. Soll man diese auch in die Angaben einfliessen lassen?» Reinle kritisiert, dass die vom Dachverband empfohlene Methode nicht zwingend ist. «Solange es keine verbindlichen Regeln gibt, können immer verschiedene Messmethoden angewandt werden.» Er fordert klare Vorgaben, damit sich alle Skigebiete daran halten. «Empfehlungen reichen nicht. Denn niemand passt die Länge des Skigebiets freiwillig nach unten an.»

Andreas Keller vom Verband Seilbahnen Schweiz widerspricht: «Unser Verband hat hier keine Weisungsbefugnis gegenüber seinen Mitgliedern. Da es nach Ansicht des Vorstands jedoch sinnvoll ist, dass es zumindest eine Richtschnur gibt, hat der Verband bereits 2013 eine international abgestimmte Empfehlung herausgegeben. Die Unternehmen sind aber frei zu entscheiden, ob sie sich an der Empfehlung orientieren oder nicht.» Falls die Seilbahnunternehmen verbindliche Vorgaben wünschten, wäre dies nur über eine Anpassung der Verbandsstatuten und mit entsprechendem Mehrheitsbeschluss der Generalversammlung möglich, erklärt Keller.

Kritik am Kritiker

Die Kritik von Nachmesser Christoph Schrahe geht an einigen Branchenvertretern nicht spurlos vorbei. So würde Schrahe versuchen, ein von ihm erfundenes Zertifikat für teures Geld zu verkaufen. Tatsächlich hat Schrahe ein solches Gütesiegel ins Leben gerufen, einige Skigebiete im Alpenraum haben es bereits erworben, in der Schweiz aber bleibt der Durchbruch noch aus. «Solche Leute gibt es in der Branche immer mehr», regt sich ein Kenner auf, der ungenannt bleiben möchte. Sie würden teure Zertifikate anbieten und hoffen, dass schlechte Publizität die Skigebiete zum Kauf dieser Zertifikate bewegt.

Klar ist aber auch: «Für die überwiegende Mehrheit der Wintersportler ist die Grösse eines Skigebietes das wichtigste Entscheidungskriterium bei der Wahl ihres Zieles», hält Schrahe mit Verweis auf Umfrageergebnisse fest.

Mythenregion gibt korrekt an

Der Kritik zum Trotz: Es gibt auch Skigebiete, die die Pistenlänge laut Christoph Schrahe korrekt angeben. In der Zentralschweiz würde die Mythenregion zusammen mit dem Hoch-Ybrig die Pistenlängen – insgesamt knapp 100 Kilometer – korrekt angeben.

Karl Lustenberger, Geschäftsführer der Sörenberg-Bergbahnen, verfolgt die Debatte um Pistenlängen ebenfalls: «Es ist fast nicht möglich, dass wir in der Schweiz ein einheitliches System mit einheitlichen Regeln einführen.» Dies hänge damit zusammen, dass jedes Skigebiet eine andere geschichtliche Entwicklung hinter sich habe. So hätten bei kleinen Skigebieten früher häufig mehrere Gesellschaften die Skilifte betrieben und ihre Pisten einzeln vermessen, obwohl viele Pisten von mehreren Gesellschaften geführt worden seien. So sei später bei Fusionen dann häufig zweimal dieselbe Piste berechnet und so das Gebiet künstlich grösser gemacht worden.

Nordamerikaner messen die Fläche

Doch worauf soll sich ein Skifahrer nun verlassen? Eine Möglichkeit zeigen die nordamerikanischen Skiorte und vermehrt auch österreichische auf, wie Lustenberger erklärt. Anstatt der Pistenlänge geben sie die Fläche an. Somit ist ein Vergleich leicht herzustellen, und allfälliger Trickserei wird ein Riegel geschoben, da die Fläche ganz klar feststellbar ist. Lustenberger: «Für mich wäre diese Berechnung sympathisch, denn sie ist für den Gast die ehrlichste.»

«Die Fläche sagt eigentlich mehr aus als die Länge», findet denn auch Andreas Keller vom Seilbahn-Verband. In Europa sei das aber nicht praktikabel, da die Leute hier seit Jahrzehnten Längenangaben gewohnt seien und sich deshalb schlechter vorstellen könnten, wie gross beispielsweise fünf Hektaren Skifläche sind. In Nordamerika sei das geläufiger.

Pistenkilometer Zentralschweizer Skigebiet

Andermatt-Sedrun: 120
Engelberg Titlis: 82
Meiringen-Hasliberg: 60
Sörenberg: 53
Mythenregion SZ: 50
Klewenalp-Stockhütte: 40
Stoos: 35
Melchsee-Frutt: 32
Mörlialp: 14
Sattel-Hochstuckli: 14
Brunni Engelberg: 12
Marbachegg: 10
Rigi: 10

Quelle: www.schneepasszentralschweiz.ch
Der Tarifverbund Schneepass Zentralschweiz ist ein Angebot in den aufgeführten 13 Skigebiete in der Region.