ZUG: «Ein Gefühl der Freiheit»

Die Schweiz ist klein, Berlin ist gross und günstig. Das gefällt auch immer mehr Zugern, die sich dort eine Wohnung leisten und regelmässig Metropolenluft schnuppern.

Wolfgang Holz
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Hier wohnt Max Gisler: (Bild: PD/Thomas Wolf, www.foto-tw.de)

Hier wohnt Max Gisler: (Bild: PD/Thomas Wolf, www.foto-tw.de)

Ich geniesse es, in Berlin zu wohnen. Wenn ich im Zug von Walchwil nach Berlin zurückreise, schaue ich immer, dass ich bei Einbruch der Dämmerung dort ankomme. Mir gefallen die Lichter der Grossstadt. Dann bringe ich den Koffer in die Wohnung und gehe noch in die eine oder andere Bar.» Die Sätze von Schriftsteller Thomas Hürlimann über die deutsche Hauptstadt lesen sich wie eine Liebeserklärung. Dass Künstler wie Hürlimann oder wie der einstige Unterägerer Albert Merz – Letzterer gestaltete die Fassade der Ägerihalle – schon seit Jahrzehnten in Berlin leben, ist nichts Neues.

Überraschend ist dagegen, dass es auch manche andere Zuger an die Spree zieht. Diese kaufen sich dort ein Haus oder eine Wohnung, verbringen in der 3,5-Millionen-Einwohner-Metropole regelmässig ihre Freizeit und fühlen sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes wie zu Hause. Der Zuger Armin Oswald ist beispielsweise einer jener neuen Berliner Eidgenossen auf Zeit. «Ich weile acht bis zehnmal pro Jahr wochenweise in Berlin – in der Wohnung in Friedrichshain», sagt der 70-Jährige.

35 Quadratmeter-Wohnung

Zusammen mit vier anderen Schweizern kaufte er vor sieben Jahren in Friedrichshain, im Osten der Stadt, ein vierstöckiges Haus – «ein klassisches Gründerzeit-Arbeiterhaus». Das Mietshaus sei kein Renditeobjekt, denn in den Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen leben 16 Parteien – zu Preisen, die für Zuger Verhältnisse geradezu paradiesisch klingen. «Eine 55-Quadratmeter-Wohnung kostet etwa 290 Euro Mietzins», so der Zuger Architekt. Er selbst hat mit seiner Frau ebenfalls eine 35 Quadratmeter grosse Ein-Zimmer-Wohnung bezogen und diese umbauen lassen.

Wenn sich Oswald in der Boxhagener Strasse 110 aufhält, kümmere er sich zuerst um das Haus und um die Mieter und verhandelt mit Handwerkern, bevor er die Grossstadtluft geniesst. «Ich habe eine spezielle Beziehung zu Berlin», schwärmt der Zuger. Ihn faszinieren die historischen Brüche, die die Stadt durchlebte. Deshalb geht der Architekt immer wieder einfach durch Berlin spazieren, um die verschiedensten Baustile zu begutachten. Er sei viel mit dem Velo unterwegs: «Ich bin auch schon zweimal mit dem Velo von Berlin an die Ostsee gefahren.»

Viele Stammlokale

In der Metropole besucht er gerne die vielen Museen – wie den Gropius-Bau. Er geht gerne frühstücken auf den Alexanderplatz, er hat abends seine Stammlokale, wo er gerne hingeht: ins «Umspannwerk» etwa, ins «Il ritrovo», «wo es die tollen Pizzas gibt», ins «Richard» oder ins Café Sybille, das es schon zu DDR-Zeiten an der legendären Karl-Marx-Allee gegeben habe. «Schade ist allerdings, dass man sich in Berlin nicht wie in Zug schon morgens um sechs ins Café setzen kann», sagt Oswald. Meistens reise er allein nach Berlin, wo er es überhaupt nicht hektisch findet. «Es läuft hier einfach enorm viel.» Sogar die Lokalpolitik verfolgt der passionierte Zeitungsleser mit grossem Interesse: «Wenn der Senat etwas beschliesst, gilt das am nächsten Tag – da ist unsere direkte Demokratie gemächlicher.» Nur der Himmel über Berlin überrascht ihn hin und wieder unangenehm. «Das Wetter ist hier absolut unberechenbar, und es ist immer ein Problem, welche Schuhe man mitnehmen soll.»

«Man darf hier so sein, wie man ist»

Manche Zuger haben den Absprung von der Heimat längst vollzogen. Immerhin leben inzwischen mehr als 4000 Schweizer ständig in Berlin. Sie bilden mittlerweile eine der grössten Gruppen der Auslandsschweizer – nur in New York und in Paris sind es noch mehr. «Schweizern gefällt es hier, weil Berlin progressiv ist, liberal, unkonventionell und billig», umreisst Teresa Farkas die Liebe der Eidgenossen zu Berlin. Die 48-jährige Architektin wuchs in Zug auf, wo auch noch ihre Verwandten wohnen. Nun lebt sie ständig in der deutschen Hauptstadt. Ebenso wie Solveig Berg. Die 37-Jährige stammt aus Oberwil, wo sie in den Ferien ihre Eltern besucht. Sie lebt inzwischen seit 11 Jahren in Berlin und arbeitet als Schauspielerin. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich nebenher als Assistentin in der Abteilung Politik und Medien an der Schweizer Botschaft. «Die Weite, die Offenheit, das Multikulti fasziniert viele Schweizer. Man darf hier so sein, wie man ist.»

Dieses «Gefühl der Freiheit» ist auch einer der Gründe, warum sich Max Gisler und seine Ehefrau Doro in Kreuzberg 2006 eine Wohnung leisteten. «Für damals teure Euro kauften wir eigentlich eine Ruine in der Willibald-Alexis-Strasse», berichtet der pensionierte, frühere Generalsekretär der kantonalen Baudirektion. Die 68 Quadratmeter grosse Hochparterre-Wohnung, Baujahr 1890, habe man dann mit einem polnischen Unternehmer renovieren lassen. «Dieser riet uns, die Schlösser nach getaner Arbeit auszutauschen.»

Nun können sich die Zuger über eine schöne Wohnung freuen – zumal das traditionelle Hinterhaus nicht mehr steht, und der Blick vom Balkon nach hinten in einen grünen Innenhof mit grossen Bäumen schweift. «Meine Frau, die Deutsche ist, hat Verwandte in Treuenbrietzen in Brandenburg, die wir schon zu DDR-Zeiten besucht haben», erklärt der 66-Jährige den persönlichen Bezug zu Berlin. Auch habe er schon öfter in Kreuzberg bei früheren Aufenthalten in Ferienwohnungen gewohnt. «Da dachten wir uns, wir könnten ja auch mal was kaufen», sagt Gisler.

Flugtickets bis Herbst vorgebucht

Mittlerweile verbringen die Gislers monatlich ein verlängertes Wochenende in Berlin in ihrer Wohnung – jeweils von Donnerstag bis Sonntag. Die Flugtickets von Zürich nach Tegel seien bereits bis September vorgebucht. Wenn die Steinhauser dann in Berlin landen, haben sie ein reichhaltiges Programm vor sich. «Wir gehen dann zumeist am gleichen Abend noch ins «Kollo» oder in den «Heidelberger Krug», wo wir uns mit Freunden und Bekannten treffen», so Gisler. Auch im Theater – Volksbühne, Deutsches Theater – sind sie viel. Ausflüge mit dem Velo zum Tempelhofer Feld, an die Spree oder an die Seen im Westen der Metropole machen sie auch. Gekocht wird oft «zu Hause» in den eigenen vier Wänden. «Wir geniessen neben dem grossen Kulturangebot die Weite in Berlin, den weiten Himmel, das tiefe Umland und den Blick, der nicht durch Berge verstellt ist», skizziert der Rechtsanwalt seine Liebe zur Stadt. «Wir könnten uns vorstellen, ganz nach Berlin zu ziehen – auf jeden Fall wollen wir künftig öfter auch mal länger bleiben.»

Offensichtlich ist Berlin nicht nur für jüngere Leute die «hippste» Stadt in Europa und eine attraktive «Location», sondern auch für Senioren, die sich noch jung fühlen. Auch Adrian Hürlimann, Präsident der Literarischen Gesellschaft Zug hat in Berlin eine Wohnung. «Aus Zug muss man manchmal flüchten», bekennt der Zuger Kinobesitzer. Er geht drei-, viermal pro Jahr nach Berlin. Das sei eine faszinierende Grossstadt im Umbruch. «So etwas gibt es in der Schweiz nicht», sagt Hürlimann. Und hat gleich noch einen Sightseeing-Tipp für die Zuger Stadtbildkommission parat: «Wenn man nach Kreuzberg geht, sieht man, wie dort im Gegensatz zur Zuger Innenstadt das Leben pulsiert – das muss man sich mal anschauen.»