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100. GEBURTSTAG: Martha Hübscher kochte Froschschenkel für Henri Guisan

Martha Hübscher wird am Montag 100 Jahre alt. Die gebürtige Urnerin hat eine Menge geleistet in ihrem Leben. In ihren Welschlandjahren kam sie mit Schweizer Berühmtheiten in Kontakt.
Raphael Biermayr
Martha Hübscher sitzt in Urner Tracht im Garten der Familie. (Bild: Werner Schelbert (Neuheim, 18. August 2017))

Martha Hübscher sitzt in Urner Tracht im Garten der Familie. (Bild: Werner Schelbert (Neuheim, 18. August 2017))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Gesundheit, das ist klar. Aber hat eine bald 100-jährige Person auch materielle Wünsche zum Geburtstag? «Nein, ich bin wunschlos glücklich», sagt Martha Hübscher, ohne eine Sekunde zu überlegen. Sie weiss nicht einmal mehr, wann sie sich zuletzt etwas gewünscht hat, was man erstehen kann. Aber sie weiss noch, was sie als knapp 18-Jährige im Jahr 1935 von ihrem Lohn kaufte, den sie als Hausmädchen in Vevey verdiente: eine Bluse für 95 Rappen in der neu eröffneten EPA. «Die habe ich viele Jahre lang getragen», sagt Hübscher. Die Wegwerfmentalität hatte sich noch nicht entwickelt, man konnte sie sich schlichtweg nicht leisten: Hübscher verdiente im ersten Jahr 5 Franken pro Monat.

Diese Zeitreise findet in der gepflegten Gemütlichkeit des Gartens ihrer Familie in Neuheim statt. Martha, wie man sie im Dorf nur nennt, wohnt seit genau 40 Jahren im Haus, zu dem dieser Garten gehört, heute in einer separaten 2-Zimmer-Wohnung. Ihr Sohn Willy (63) und ihre Schwiegertochter Beatrice wohnen Tür an Tür und kümmern sich um sie.

Am kommenden Montag wird ein Zelt aufgestellt, um den dreistelligen Geburtstag der nach eigenen Angaben ältesten Neuheimerin mit vielen Gästen zu feiern. Die Jubilarin freut sich auf das Fest, «aber die Zahl bedeutet mir ehrlich gesagt nicht so viel». Hier spricht die Gelassenheit aus einer Frau, die jahrzehntelang krampfte und einige schwierige Situationen gemeistert hat. Nur zwei Monate nachdem sie mit ihrem Mann nach Neuheim gezogen war, starb jener. «Im ersten Moment wollte ich damals auch gehen», sagt sie mit fester Stimme. Aber das kam nicht in Frage. Das Leben ging weiter, und Martha Hübscher stellte sich den Herausforderungen. Ihr Sohn Willy war 24 Jahre alt und arbeitete an der ETH. Er nahm seine Mutter jeden Tag mit dem Auto nach Zürich, wo die frühere Serviceangestellte die Drogerie leitete, die ihr Mann und sie aufgebaut hatten. Abends holte Willy sie nach Ladenschluss wieder ab.

Vom Weiler in die Stadt und wieder ins Dorf

Zürich war auch lang das Zuhause von Martha Hübscher. Der Kon­trast der Grossstadt zum Ort, in dem sie aufgewachsen ist, war noch grösser als jener zu Neuheim: Im Urner Weiler Ried bei Amsteg gab es wenig Häuser und kaum Anschluss an den Fortschritt. «Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Siebenjährige das erste Mal einen Schalter betätigte und Licht von der Decke kam. Ich war voller Freude und total fasziniert – Strom hatten wir zuvor nicht gehabt.» Als die Familie später über das einzige Telefon im Ort verfügte, war es an den Kindern, den Nachbarn Auskünfte von Anrufern zu überbringen. Ihren heimischen Dialekt hat Martha Hübscher im Gespräch mit Nicht-Urnern abgelegt. «In Zürich wurde ich immer ausgelacht. Man hat mich nicht verstanden», erklärt sie lachend. In Zürich im Urnerverein und in der Trachtengruppe Neuheim kleidete sie sich aber stolz in Urner Tracht, die sie auch für den Fototermin mit unserer Zeitung angezogen hat. Die Pflege von Traditionen hat im Leben von Hübscher einen festen Platz. Früher fuhr sie jeden Freitag nach Zürich, um Freunde und Bekannte zu treffen. Heute jasst sie regelmässig im Neuheimer «Moränenstübli» oder zu Hause – «manchmal bis zu fünf Stunden lang», merkt Willy Hübscher achtungsvoll an.

Hoher Besuch in Vevey

Martha Hübscher ihrerseits hegt grossen Respekt vor einer der bekanntesten Schweizer Persönlichkeiten, die sie in ihrer Zeit in Vevey kennen gelernt hat – Henri Guisan. Der letzte General der Schweiz ist bei ihrem Hausherrn ein und aus gegangen. Denn dessen Bruder Roger Masson war der Chef des militärischen Nachrichtendienstes, also des Schweizer Geheimdienstes. Das Dienstmädchen aus Uri kochte und bewirtete die hohen Herren, «manchmal gab es Froschbeine», erinnert sie sich schaudernd. Guisan sei stets in die Küche gekommen, bevor er das Haus verliess. «Er bedankte sich immer und steckte mir einen Fünfliber zu», schildert sie in einer Lebhaftigkeit, als wäre es gestern gewesen. Es war vor über 80 Jahren.

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