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Ein Chamer vertritt eine «revolutionäre Idee» für Behinderte

Jahn Graf ist Mitbegründer eines Vereins, mit dessen Hilfe Projekte von Behinderten verwirklicht werden sollen. Bei der Umsetzung ihrer eigenen Idee pokern die Initianten hoch.
Raphael Biermayr
Jahn Graf kämpft darum, dass er «Fussgängern», wie er sagt, auf Augenhöhe begegnen kann. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 4. Dezember 2017))

Jahn Graf kämpft darum, dass er «Fussgängern», wie er sagt, auf Augenhöhe begegnen kann. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 4. Dezember 2017))

Jahn Graf will nicht, dass man ihn für «einen Armen» hält. Er ist von Geburt an zerebral gelähmt, also wegen eines Hirnschadens in seiner Bewegung stark eingeschränkt, und sitzt im Rollstuhl. Das ist Pech. Aber das ist kein Grund, ihn nicht als gleichberechtigten Mitmenschen anzuerkennen, so sieht er das.

Der Chamer kämpft dafür, dass er «Fussgängern», wie er sagt, auf Augenhöhe begegnen kann. Weil er weiss, dass er das auf natürlichem Weg nicht kann, hat er mit sieben Mitstreitern einen Verein gegründet und ein Crowdfunding gestartet (siehe Hinweis). Die Idee: Behinderte sollen sich an den Verein wenden können, um bezahlte Unterstützer anzufordern, die sie bei der Verwirklichung ihrer Projekte tatkräftig unterstützen.

Spenden in sechsstelliger Höhe

Für den Aufbau einer entsprechenden Geschäftsstelle und die Entlohnung dieser Unterstützer während der ersten sechs Monate rechnen die Initianten mit Kosten von 100000 Franken, die die Online-Spenden-Sammlung bringen muss. Die Regeln sind unerbittlich: Wird der Zielbetrag während der dafür vorgeschriebenen 45 Tage nicht erreicht, erhält der Verein gar nichts. 100000 Franken sind viel Geld.

Graf sagt, dass das Vorhaben «sehr ambitioniert» ist. Zu verlieren hätten die Initianten jedoch nichts. «Wenn es nicht klappen würde, hätten wir das Thema Behinderung immerhin mal wieder zu Öffentlichkeit verholfen», sagt er, im Wissen, dass in den letzten Tagen verschiedene Medien darüber berichtet haben.

Um das Vorhaben vom Abstrakten ins Konkrete zu bringen, stellen drei der Initianten ihre Projekte vor, darunter Graf. Er würde Hilfe in Bezug auf seinen Youtube-Kanal in Anspruch nehmen. Der 28-Jährige setzt sich in seinen Videos vor allem mit dem Thema Behinderung auseinander. Und das in einer Offenheit, wie es wahrscheinlich nur Behinderte können.

Jahn Graf sieht sich als Influencer, also als jemand, dessen Beiträge im Internet viele Anhänger finden und deren Denken beeinflussen. Wer darin erfolgreich ist, darf auf bezahlte (Werbe)Aufträge hoffen. Die Resonanz auf seine Beiträge ist bislang überschaubar, gerade einmal 319 Personen haben seinen Kanal abonniert. Dennoch behauptet der Chamer, dass er mittlerweile wahrgenommen werde und kleinere kommerzielle Aufträge durchaus zum Thema würden.

Er glaubt, dass er deutlich mehr Menschen erreicht, wenn er mehr und aufwendigere Beiträge verwirklicht. Hier kommt die Idee des erwähnten Vereins ins Spiel. Denn die Bearbeitung seiner Beiträge kostet den Spastiker Graf eine Menge Zeit und viel Energie. «Wenn mir jemand zum Beispiel die Filme schneiden würde, wäre das eine grosse Erleichterung.»

Wer sich auf der Website der Crowdfunding-Kampagne bewegt, kann den Eindruck erhalten, dass einige Benachteiligte sich mit den 100000 Franken einfach ihre Hobbys oder Träume bezahlen lassen wollen. Graf weiss darum, er sei bereits darauf angesprochen worden. «Ein grosses Missverständnis», sagt er. Es gehe darum, allen interessierten Behinderten die Chance zu bieten, etwas auf die Beine zu stellen, mit dem die IV-Bezüger im Bestfall finanziell unabhängiger werden. Ausserdem würden dank der benötigten Unterstützungspersonen Arbeitsplätze schaffen.

Erster Arbeitsmarkt schwierig zu erreichen

Graf wirkt nicht wie ein Träumer. Das zeigt sich unter anderem beim Thema Gleichstellung in Bezug auf Arbeitsplätze für Behinderte in der regulären Wirtschaft. «Der erste Arbeitsmarkt ist für uns momentan schwierig zu erreichen, in der Wirtschaft herrscht so viel Leistungsdruck – ich verstehe das.» Warum? «Wenn wir Verständnis wollen, müssen wir auch Verständnis aufbringen», hat er gelernt.

Er und seine Mitstreiter versuchen, so nah wie möglich an das Leben der anderen heranzukommen. «Dafür braucht es revolutionäre Ideen, wie eben unser Crowdfunding», sagt Graf. Sie müssen in Kauf nehmen, dass der Weg dahin weit ist. Am frühen Donnerstagabend waren erst rund 3700 Franken zusammen.

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