1968: Als lange Haare ein Politikum waren

Am Donnerstagabend führten Stephanie Müller und Christian Raschle in Zug durch die Ausstellung «Nachhall 68». Unter den vielen Zeitzeugen entstanden interessante Diskussionen.

Christian Tschümperlin
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Nachhall 68 thematisiert das Zug vor 50 Jahren. (Bild: Daniel Frischherz, Zuger Presse)

Nachhall 68 thematisiert das Zug vor 50 Jahren. (Bild: Daniel Frischherz, Zuger Presse)

Wir schreiben das Jahr 1968. Frauen haben in der Schweiz kein Stimmrecht, das Konkubinat ist verboten. Die westliche Zivilgesellschaft befindet sich in einer Blase. Die ganze westliche Zivilgesellschaft? Nein, Teile der Jugend schnuppern Morgenluft. Auch in Zug zieht dieser süsse Duft der Rebellion durch die Gassen. Am Donnerstagabend führten die Historiker Stephanie Müller und Christian Raschle ein diskussionfreudiges Publikum im Dokumentationszentrum Doku-Zug durch die Ausstellung «Nachhall 68». In mehreren Räumen konnten die Anwesenden Einblicke in historische Dokumente gewinnen. Zeitzeuge Raschle erzählte.

Zuger demonstrieren gegen den Einmarsch

Während in Prag die Panzer einrollen, dreht Raschle in seiner Zuger Stube am Transistorradio. Die Nachrichtensprecherin eines DDR-Senders verkündet, die Konterrevolutionäre müssten in die Schranken gewiesen werden. Zahlreiche Zuger versammelt sich auf dem Landesgemeindeplatz, um gegen den Einmarsch des Warschauer-Paktes in die Tschechoslowakei zu demonstrieren. Tausende Tschechen und Slowaken fliehen in den Westen. «Ich war einer dieser Flüchtlinge», sagt Libor Simecek (Jahrgang 1951) aus Unterägeri. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten, der Kommunisten und der Konterrevolution hatte sein Vater genug von den Zuständen in der damaligen Tschechoslowakei. Er reiste mit seiner Familie aus. In der Schweiz wurden sie herzlich willkommen geheissen, auch die Medien berichteten positiv. «Heute herrscht ein anderes Bild vor», zieht Stephanie Müller den Vergleich. Einige im Publikum murmeln.

Inspiriert von den Beatles und Rolling Stones, tauchten damals auf den Zuger Strassen die ersten Pilzfrisuren beziehungsweise lange Haare auf. August Villiger (Jahrgang 1953) aus Zug trug als Spielführer beim Regiment 29 seine langen Haare mit Stolz. Während Jahren seien seine Haare zwar immer wieder ein Thema gewesen, doch er habe sie erst später abgeschnitten. «Hier in der Innerschweiz erzählten sie noch vom Reduit, nach meinem Eindruck bekamen wir nicht viel mit davon, was in der Welt lief», sagt er. Bruno Bollinger (Jahrgang 1953), damals wohnhaft in Zug, hat eine andere Erfahrung gemacht. Manchmal sei er im Restaurant nicht bedient worden, weil seine halblangen Haare die Ohren bedeckten. Er begann 1968 bei Landis und Gyr als Laufbursche. Während einer Auslieferung sei er vom Obermeister angesprochen worden: «Moment, deine Frisur ist grenzwertig», habe dieser gesagt. «Deswegen wurde ich zum 1968er», erinnert sich Bollinger.  

Die marxistische Liga wird aus der Taufe gehoben

1973 gründete Bollinger mit Freunden die marxistische Liga Sektion Zug. Die Gruppe begann, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Im Vorfeld der 1.-Mai-Umzugs in Zug plakatierten sie die halbe Stadt mit Slogans wie «Finger kann man brechen, eine Faust nicht». Am Umzug forderten sie die 40-Stunden-Woche und einen automatischen Teuerungsausgleich. Das Frauenstimmrecht, das Ende des Konkubinat-Verbots oder ein weniger autoritäre Erziehungsstil– all das entstand im Nachhall der 1968er Rebellion. Und warum sind die Jugendlichen von heute nicht wieder rebellischer? Die Jugend, so hat es den Anschein, hat es sich bequem gemacht im Lebensentwurf, der von den 1968ern massgäblich mitgeprägt wurde. Sie ist glücklich damit. Oder wie es Stephanie Müller auf den Punkt bringt: «Die Jungen sind viel zufriedener mit ihrer Stellung. Sie haben so viele Möglichkeiten.»  

Weitere Führung durch die Ausstellung «Nachhall 1968»: Finissage am 23. Oktober, 18 Uhr, mit Alt-Regierungsrat Hanspeter Uster (was heute noch wirkt). Finissage am 30. Oktober, 18 Uhr, mit Patrick Mühlefluh (was nicht gezeigt wurde)