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20 Franken Starthilfe in der neuen Heimat

Zu wenig Lehrer und Geistliche: Was die Zuger vor 150 Jahren beschäftigte, könnte auch auf die heutige Zeit übertragen werden. Gedanken machte man sich damals aber auch über die Bildung in Übersee.
Carmen Rogenmoser
Eine Ausgabe der Zuger Zeitung vom 9. Mai 1868. Bild: PD

Eine Ausgabe der Zuger Zeitung vom 9. Mai 1868. Bild: PD

Der Mai ist nicht umsonst der Wonnemonat, das galt auch schon vor 150 Jahren – und für die grossen europäischen Adels- und Königshäuser. Heiratete vor einigen Wochen der englische Prinz Harry die US-amerikanische Schauspielerin Meghan Markle, konnte 1868 die Vermählung des Kronprinzen Humbert mit Margareta von Savoyen gefeiert werden. Das Interesse an diesen pompös aufgezogenen Feierlichkeiten zog auch damals schon das Volk in seinen Bann. So heisst es in der «Neuen Zuger Zeitung» vom Mai 1868: «Die Zeitungen berichten vieles darüber.»

Im Gegensatz zu Meghan Markle aber strahlte Margareta nicht überglücklich. «Die Braut habe nie gelacht: Denn sie habe schlechte Zähne», zitiert der Chronist andere Blätter. «In Wirklichkeit habe sie aber nie gelacht, weil sie lieber einen anderen hätte mögen: der Humbert ist gar nid e Schöne», mutmasst er weiter. Und er weiss noch mehr, auch wer der eigentlich Auserwählte der jungen Frau gewesen wäre: Prinz Viktor. Dieser habe sich bei der Hochzeit nicht blicken lassen, sondern sei vorher fort. «Das hat mit der Politik der Herzen, aber nicht der Kabinette zu tun», resümiert der Chronist. Klatsch und Tratsch wurden offenbar auch schon Mitte des 19. Jahrhunderts grossgeschrieben.

Die Regenzeit darf nicht unterschätzt werden

Daneben beschäftigen den Chronisten und das Volk auch bedeutendere Themen. So verkündet die «Neue Zuger Zeitung» am 2. Mai die erfreuliche Nachricht, dass der abessinische Krieg vorbei sei. Schlusspunkt dieser britischen Äthiopienexpedition war die Schlacht um Magdala. Die Briten gewannen gegen die Äthiopier unter der Herrschaft Tewodors II. Der englische Premierminister Benjamin Disraeli verkündete, dass England Europa von seinen uneigennützigen Absichten überzeugen wolle und deshalb das Land sofort verlasse. Der Schreiber aber glaubt den Absichten Disraelis nicht. Die Engländer würden Äthiopien nicht aus Uneigennützigkeit heraus verlassen, sondern wegen der einsetzenden Regenzeit. «Die ist nämlich für die nicht akklimatisierten englischen Truppen höchst gefährlich.» Hingegen hätten die Engländer den abessinischen Krieg durchaus unternommen, um «festen Fuss zu fassen am Eingang ins Rote Meer, um so mittelbar die Einfahrt in den Suezkanal zu beherrschen.»

Ebenfalls im Mai 1868 nimmt der US-Kongress den Expatriationsbill an. Das bedeutet, dass die Einwanderer, die das amerikanische Bürgerrecht besitzen, sich ganz von der Heimat ablösen müssen und auch noch der amerikanischen Verfassung unterstehen, wenn sie die USA verlassen. Aus- und Einwanderung waren damals sowieso noch immer ein grosses Thema, auch im Kanton Zug. So verpflichtete sich die Korporation Oberägeri etwa, «den nach Amerika auswandernden Genossen die billigste Überfahrtstaxe per Dampf von Zug aus nach New York zu entrichten». Zudem erhalten die ärmeren Familien einen Beitrag von «höchstens» 20 Franken pro Kopf als Starthilfe. Als Gegenleistung werden die hinterlassenen Allmendbenutzungen so lange bezogen, bis die Korporation für die Unkosten entschädigt ist.

Alte Gepflogenheiten in der neuen Heimat

Doch so ganz von der Heimat lösen sollen sich die Schweizer in Amerika trotz der neuen Regelung nicht. Sie seien auf der Suche nach einem vermeintlich besseren Glück, schreibt der Chronist. «Meist unbesorgt darum, ob auch für die Befriedigung ihrer innern geistigen und religiösen Bedürfnisse, sowie für die Zugänglichkeit des Unterrichts ihrer Kinder, zumal mit Berücksichtigung der Pflege ihrer Muttersprache, Vorsorge getroffen oder Gelegenheit gegeben ist.» Die Lösung: eine Schweizerkolonie. Doch: «Der Gründung liegt die Aufmunterung zur Auswanderung ferne.» Viel mehr soll sie der Eingewöhnung dienen. Entstehen soll die Kolonie in «Westvirginien», wo es sowieso viele deutsche und schweizerische Siedlungen gibt. «Die Baustellen für Kirche, Schule und Friedhof haben die original Eigenthümer des zur Ansiedlung bestimmten Areals an die Gemeinde unentgeltlich zu übertragen.» Tatsächlich gibt es in Westvirginia heute noch die Gemeinde «Helvetia».

Probleme gibt es aber auch direkt vor der eigenen Haustür und so greift der Schreiber eine Nachricht auf, die ihn sehr zu beschäftigen scheint – die Thematik könnte genauso gut in die heutige Zeit verlegt werden: Im Zuger Gymnasium herrscht Lehrermangel. Zwei Stellen sind zu besetzen. «Wir müssen daraus leider ersehen, dass diese Schule auf sehr schwachen Füssen steht», schliesst er daraus. «Wenn man aber die angesetzte Besoldung betrachtet (1400 Franken mit Wohnung und 1600 Franken ohne Wohnung), so darf man sich – bei dem allgemeinen Mangel an Geistlichen – nicht wundern, wenn sich niemand auf diese Stelle meldet.» Doch nicht nur die Lehrer machen Sorgen, sondern auch die Schulgebäude. «Wollen wir daher für unser wankendes Gymnasium, das seit Jahr und Tag in einem blossen Provisorium sich befindet, wieder Lehrer gewinnen, die allen Anforderungen zu genügen im Stande sind, so müssen wir eine gute Besoldung in die Waagschale legen.»

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