Kolumne

30 Jahr – graues Haar

Seitenblick

Christopher Gilb
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Ich werde in eineinhalb Jahren 30, und habe das Gefühl, es wäre schon morgen soweit. Ja, ich weiss, manche werden, wenn sie das lesen, lachen und sagen: «Na, wenn schon. Ich bin schon 40 und lebe trotzdem noch», oder: «Ich bin schon 60 und freu mich trotzdem auf jeden Geburtstag». Das mag ja sein, trotzdem: 30 ist für mich nicht irgendein Alter, es ist das Alter, mit dem ich seit geraumer Zeit alles, was mich stört, in Verbindung bringe. Beispielsweise, dass es mein Körper nicht mehr einfach so hinnimmt, wenn ich zwei Abende hintereinander in den Ausgang gehe, dass die Hemden langsam immer stärker in der Bauchgegend spannen, dass meine Haare so ergraut zu sein scheinen, dass mir unlängst jemand ein aufrichtiges Kompliment für meine schönen grau melierten Haare gemacht hat oder dass die Musik meiner Jugend nur noch an Mottopartys gespielt wird.

Doch es sind nicht nur solche eher oberflächlichen Dinge. Es ist dieser Druck, mit 30 wissen zu müssen, wo man im Leben steht und vor allem, was man will. Ausgelebt hat man sich ja schliesslich in den 20ern. Die häufigen, verrückten, kürzeren und längeren Reisen mit Kumpels ans Ende der Welt sollten jetzt den maximal einmal im Jahr stattfindenden Männerwochenenden weichen. Man hört sie manchmal im Zug auf dem Weg zum Flughafen, die Akteure solcher Wochenenden. Noch bevor sie abgeflogen sind, fragt einer in die Runde: «Und wo geht’s nächstes Jahr hin, Prag oder Budapest?» Ein anderer antwortet dann: «Budapest, da waren wir erst zweimal.»

30 – das ist die Hälfte von 60. So mancher wird jetzt nicht mehr über mich lachen, sondern wütend werden. Ich sag’s trotzdem: «30 ist die Hälfte von alt und ein Drittel von uralt und ein Viertel von einem Alter, das man mit grösster Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr erlebt. Wenn man berufstätig ist und Verpflichtungen hat, dann geht nichts so schnell vorbei wie die Zeit. Und bei der merkt man mehr als bei allem anderen, wie kostbar sie ist. Jedes Jahr mehr. Zu Weihnachten hab ich mir übrigens Tickets fürs Grönemeyer Konzert gewünscht. Mit 25, wär mir so etwas nie eingefallen. Es ist der Sound der gestandenen melancholischen Männer, das passt.

Christopher Gilb, Redaktor

Christopher Gilb, Redaktor