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Sterbebegleiterin im Freiamt: «95 Prozent könnten zu Hause sterben»

Franziska Stenico pflegt und betreut Sterbende. Diese Tätigkeit sei erfüllend und mache sie glücklich, sagt sie.
Jörg Meier
Franziska Stenico in ihrem Garten im Weiler Winterschwil. Bild: Colin Frei

Franziska Stenico in ihrem Garten im Weiler Winterschwil. Bild: Colin Frei

Die Situation kommt praktisch in jeder Familie früher oder später vor: Die Eltern werden älter, ein Elternteil wird krank, die Partnerin oder der Partner (meist ist es die Partnerin), pflegt und betreut, die Angehörigen helfen mit, so gut das geht. Und wenn das Sterben näher rückt und der Pflegeaufwand steigt, sind die Familien oft überfordert und auch erschöpft.

Häufig bleibt als letzter Ausweg nur noch Spital oder Heim. Dass es auch anders geht, davon ist Franziska Stenico überzeugt: «95 Prozent der Sterbenden könnten bis zum letzten Atemzug zu Hause bleiben, wenn Hilfe vor Ort organisiert ist.»

Wichtige Präsenz von Angehörigen

Franziska Stenico war Präsidentin der Spitex Muri und ist Palliativ-Care-Expertin. Die erfahrene Pflegefachfrau betreut und pflegt Sterbende im Auftrag der Spitex in 38 Freiämter Gemeinden und unterstützt die pflegenden Angehörigen. Allein schon die Präsenz von pflegenden Angehörige sei für Sterbende unglaublich wichtig, sagt Stenico. Sie habe erlebt, wie Paare einander in der Sterbephase wieder nahe gekommen seien, so nahe, wie wohl seit langer Zeit nicht mehr. Aber es sei zu respektieren, wenn jemand diese Betreuung nicht leisten könne; da sei es auch Aufgabe der Palliative Care, den Angehörigen Ängste und das schlechte Gewissen zu nehmen. Stimmt es, dass Sterbende oft genau dann sterben, wenn von den Angehörigen einen Moment lang niemand zugegen ist? «Es gibt tatsächlich immer wieder Sterbende, die wohl aus Rücksicht auf die Angehörigen sich aus dem Leben verabschieden, wenn sie für kurze Zeit allein sind.»

«Die heutige Gesellschaft hat kein Feingefühl mehr für das Sterben», sagt Stenico; man rede auch kaum über den Tod. «Dabei ist doch Sterben das Natürlichste der Welt – genauso wie die Geburt.» Früher starben die Menschen zu Hause, wurden aufgebahrt, es gab die Totenwache und das Totengebet und in einem Leichenzug wurden die Verstorbenen durchs Dorf zum Friedhof begleitet. «Es gehört zu meiner Arbeit als Sterbebegleiterin, dass ich zu erklären versuche, dass Sterben zum Leben gehört. Dass einmal der Zeitpunkt kommt, wo der Körper nicht mehr mag», sagt Stenico.

Auch Humor muss Platz finden

Pflegenden Angehörigen rät Stenico, rechtzeitig Unterstützung zu holen und nicht zu warten, bis sie selber erschöpft sind. Es gebe viele Hilfsangebote: «Man darf durchaus auch Hilfe für die gewöhnlichen Arbeiten im Haushalt beanspruchen. Dadurch gewinnt man die Zeit, in der man ganz für den sterbenden Menschen da sein kann.» Bei allem Schweren, das eine Sterbebegleitung mit sich bringe, sei es für die Angehörigen oft aber auch ein gutes Gefühl, wenn sie den Sterbenden einen letzten grossen Wunsch erfüllen können, indem sie, von den Angehörigen betreut, zu Hause sterben dürfen, sagt Stenico. Sie erzählt, wie bereichernd solche Erfahrungen sind, wie Lachen im Angesicht des Todes befreiend wirken kann, wie Humor in der an sich aussichtslosen Situation auch Kraft gibt zum Weiterpflegen.

Doch an wen kann man sich wenden? Manchmal sei es tatsächlich nicht einfach, sagt Stenico, die Übersicht zu behalten und das passende Angebot zu finden. Vielfach seien die vielfältigen Dienstleistungen zu wenig bekannt. Wichtige Ansprechpartner seien sicherlich der Hausarzt, die Pro Senectute, regionale Freiwilligenorganisationen und natürlich die Spitex. Ideal wäre es, wenn Hilfesuchende sich für alle Fragen an die gleiche Stelle wenden könnten, bei der sie Antwort auf alle Fragen zur Begleitung im häuslichen Umfeld und zur Pflege im Alter vom gleichen Ansprechpartner erhalten.

«Es braucht ambulant und stationär»

Stenico ist auch politisch aktiv. Sie ist Vizeammann in Beinwil im Freiamt und sie ist als CVP-Grossrätin auch Gesundheitspolitikerin. Von der Politik wünscht sie sich, dass der ambulante Bereich gestärkt wird und die Leistungen der pflegenden Angehörigen berücksichtig werden: «Wir müssen lernen, die Pflege als Ganzes zu sehen. Nicht: ambulant vor stationär. Sondern: ambulant und stationär. Es braucht beides.» Kritik geht an den Kanton Aargau, der noch immer kein Palliativ-Care-Konzept habe und sich bisher auch nicht an den Kosten von Palliativ Care beteiligt, welche die Spitex oder andere Organisationen ambulant erbringen. «Bisher sind es die Gemeinden, die das Defizit tragen müssen», sagt Stenico, «obschon doch seit 2011 der Kanton in der Verantwortung steht.»

Die Tätigkeit als Sterbebegleiterin habe sie verändert, sagt Franziska Stenico. «Ich war noch nie so glücklich. Ich freue mich am Leben, bin gelassen geworden gegenüber schwierigen Menschen. Von den Sterbenden erhalte ich meist mehr zurück, als ich ihnen zu geben vermag.» Für die 53-Jährige ist klar: «Jeder Mensch hat das Recht auf ein gutes Sterben. Dafür setze ich mich ein.»

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