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ABENTEURER: Therapie auf den wilden Flüssen der Welt

Der Zuger Julian Stocker ist einer der besten Kajakfahrer der Welt. Er meisterte schon die gefährlichsten Flüsse auf allen Kontinenten. Ein Dokumentarfilm beleuchtet nun auch seine schwierige Vergangenheit.
Livio Brandenberg
Julian Stocker (vorne, im gelben Kajak) mit seinem Kollegen Dag Sandvik. (Bild: Schweizer Fernsehen SRF)

Julian Stocker (vorne, im gelben Kajak) mit seinem Kollegen Dag Sandvik. (Bild: Schweizer Fernsehen SRF)

Livio Brandenberg

livio.brandenberg@zugerzeitung.ch

Er steht jeden Tag um 6 Uhr auf, steigt in sein Kajak, und trainiert eine Stunde lang. Dann fahre er jeweils Slalom um «Törli» – Tore. «Da muss man ziemlich präzise sein. Ich trainiere das, damit ich auf einem normalen Fluss dann besser bin», sagt Julian Stocker. Nach einer SMS-Anfrage meldet er sich von seinem Handy aus. Er ist in der Wildnis Nordnorwegens, gleich unterhalb des Polarkreises, «gerade noch am Zmorge». Sonst tut er in diesen Tagen das, was er kann wie kaum ein Zweiter: Kajak fahren.

Der gebürtige Zuger, der seinen Vornamen Englisch ausspricht, ist einer der besten Kajakfahrer der Welt. In den letzten 15 Jahren hat er die gefährlichsten Flüsse rund um den Planeten «bezwungen». Er paddelte in Indien, Nepal, Kanada, Neuseeland, Chile, Uganda, Kenia, im Südsudan – und in Norwegen, wo er seit sieben Jahren lebt. Genauer in Voss, einem Städtchen mit 14 000 Einwohnern, gut 100 Kilometer nordöstlich von Bergen. Dorthin gekommen ist er über einen Kollegen, den er an einem Kajakrennen in Italien getroffen hat. «Er ist aus Voss, und ich bin ihn dann ein paar Mal besuchen gegangen. Mir hat es so gut gefallen, dass ich gleich geblieben bin», sagt Stocker. Zuerst eröffnete er eine Kajakschule, die es immer noch gibt. Stocker arbeitet inzwischen allerdings als Social-Media-Marketer. «Vereinfacht: Ich betreibe eine Art Werbeagentur, die über Facebook und weitere Soziale Medien kommuniziert.» So filmt er im Winter etwa für ein Skigebiet eine Abfahrt und stellt diese dann ins Internet. Kajakunterricht gibt er nicht mehr. «Die neue Firma bringt mehr ein, und ich merkte – obwohl ich es gerne gemacht habe –, dass ich mich als Fahrer nicht mehr verbesserte», sagt Stocker rückblickend. Denn darum geht es ihm: Er muss mit seinem Kajak ans Limit. Er braucht das wilde Wasser, er braucht das Abenteuer.

Mit Steinen gegen Krokodile

In den letzten vier Jahren hat der 30-Jährige vier selbst auferlegte Challenges – Herausforderungen – bestritten und bestanden. Zuerst bewältigte er mit seinem besten Kumpel Dag Sandvik, ebenfalls Kajakprofi, den Raundalen-Fluss in Norwegen innerhalb eines Tages. Das bedeutete 33 Kilometer reissendes Wasser mit einem zehn Meter hohen Wasserfall als eine der Hürden.

Im Sommer 2015 zog es Stocker auf den Nil. In Uganda setzte er sich 46 Kilometern mit etlichen Stromschnellen und gefährlichen Tieren der völligen Wildnis aus. Gesammelte Steine dienten als mögliche Wurfgeschosse gegen angreifende Krokodile. Er habe schon «ein wenig Schiss gehabt», sagt er heute. «Aber gewisse Dinge sind nicht in deiner Kontrolle.» Passiert ist schlussendlich nichts. Die Belohnung für die Strapazen gab es zum Ende der Tour: Stocker begegnete in ruhigem Gewässer einer badenden Elefantenfamilie – «eine der schönsten Begegnungen und Erfahrungen meines Lebens», sagt er am Telefon immer noch euphorisch.

Das letzte grosse Abenteuer stand im vergangenen Dezember an: Einen längeren Abschnitt des wilden Rio Baker im südchilenischen Patagonien wollte Stocker in einem Tag hinter sich bringen. Auch diese Fahrt meisterte er, trotz immenser Kräfte, die in den engen Schluchten wirkten.

Begleitet hat ihn stets ein Team des Schweizer Fernsehens (SRF). Aus dem angesammelten Bildmaterial und aus neuen Aufnahmen vom letzten September in Zug produzierte das SRF nun einen Dokumentarfilm, der den Menschen hinter den Abenteuerfahrten zeigen soll. «Ich bin halt einer, der etwas anderes macht, als der Grossteil der Leute. Von den vorherrschenden Erwartungen der Gesellschaft habe ich mich gelöst und mache einfach mein Ding», erklärt sich Stocker das Interesse der Fernsehleute.

Das Paddeln gelernt auf dem Zugersee

Lösen wollte sich Stocker wegen seiner Kindheit und Jugend. Als er zehn Jahre alt war, wurde bei ihm eine Lernschwäche festgestellt. Bei diesem Thema wird er, der sonst viel lacht und eine geradezu kindliche Freude ausstrahlt, nachdenklich. Er sei in der Schule zurückgefallen, und die Gesellschaft habe ihm täglich mitgeteilt, dass er nicht gut genug sei für sein Alter. Mit 14 Jahren kommt er ins Heilpädagogische Schul- und Beratungszentrum Sonnenberg in Baar. Dort verbringt er eine «gute Zeit», wie er selber sagt.

Die Lernschwierigkeiten therapiert er als Teenager im Kajak. Das Paddeln sei eine Flucht gewesen, habe aber auch eine meditative Wirkung auf ihn gehabt. Zuerst auf dem Zugersee, dann in wilderen Gewässern. «Man muss sich dabei nur auf den Fluss konzentrieren. Und es hat etwas Intimes, da bist nur noch du und die Natur.» Im Kajak habe er sein eigener Kapitän sein können, «ich hatte meine Ruhe und keine Autorität, die mir sagt, was ich zu tun hatte», erinnert sich Stocker. Zum Kajakfahren gekommen ist er, weil einer seiner zwei älteren Brüder im Kanu-Club Zug paddelte. Und auch Julian lernte auf dem Zugersee das Paddeln, das ihn an entlegenste Orte der Welt bringen sollte. Das nächste Projekt schwirrt schon in seinem Kopf herum: Die Seitenarme des Amazonas in Peru, «das wäre was!»

Hinweis

Der rund 90-minütige Film «Kajak Extrem: Abenteuer auf wildem Wasser» läuft heute um 20.40 Uhr auf SRF zwei.

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