ABSTIMMUNG: Das wäre früher bei einem Ja geschehen

Anwohner des Salesianums haben 2009 mit dessen Eigentümerin Vorkaufsrechte und Stillhalten vereinbart. Eine Spurensuche.

Charly Keiser
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In diesen Häusern wohnen zahlreiche Gegener des Bebauungsplans Salesianum. Einige davon engagieren sich mit Leserbriefen gegen das Bauvorhaben der Alfred Müller AG. (Bild Stefan Kaiser)

In diesen Häusern wohnen zahlreiche Gegener des Bebauungsplans Salesianum. Einige davon engagieren sich mit Leserbriefen gegen das Bauvorhaben der Alfred Müller AG. (Bild Stefan Kaiser)

Um was geht es den Gegnern des Bebauungsplans Salesianum, über den die Stadtzuger am 28. Februar abstimmen? Geht es um den Erhalt einer «Perle», wie in zahlreichen Leserbriefen zu lesen ist, oder könnte es auch um den Erhalt der Aussicht und der Sicht auf die wunderschönen Sonnenuntergänge gehen, wie gemutmasst wird?

Gegner legen sich ins Zeug

«Die ‹Perle Salesianum› am Zuger See zwischen Zug und Oberwil hat wirklich Besseres verdient, als der aktuelle Bebauungsplan verspricht», hiess es kürzlich in einem Leserbrief. Ein Bezug der Überbauung zum historischen Gebäude, das in ländlichem Gebiet mit dem Hof St. Karl liegt, sei auch nach der Überarbeitung des Bebauungsplanes nicht ersichtlich. Leider diene auch die farbenfrohe Visualisierung nicht der Wahrheit, da die Gebäudehöhe gemäss den Bauplänen um einiges höher zu stehen komme, stand darin weiter: «Diese Art der beschönigenden Visualisierung hat in Zug anscheinend Tradition. Wir haben es jetzt in der Hand, diese Perle am Zugersee in ihrer Einmaligkeit zu erhalten.»

Rettet die Perle Salesianum, wirbt ein anderer Leserbriefschreiber, und ein dritter schreibt: «Am 28. Februar haben wir es in der Hand, den schönen Charakter auch dieser Perle für eine Grossüberbauung unwiederbringlich zerstören zu lassen oder besser mit einem Nein in die Urne das Salesianum für uns und weitere Generationen zu erhalten.»

Gemäss Bebauungsplan würden acht massige Wohnblöcke erstellt, die so eng gestaffelt angeordnet seien, dass Reisende mit der Bahn dazwischen höchstens von Zeit zu Zeit einen blitzartigen Anblick von Teilen der geschützten Bauten erfassen könnten, stand in einem weiteren Leserbrief, der schloss: «Deshalb stimmen wir Nein zum Bebauungsplan Salesianum.»

Aus Interessenten werden Gegner

All diese Leserbriefschreiber haben eines gemein. Sie unterzeichneten zusammen mit fast 40 Eigentümern, die oberhalb des Salesianums Häuser und Grundstücke besitzen, im Juli 2009 einen Vertrag mit dem Institut Menzingen. Den Schwestern des Instituts gehört das Salesianum. Im Vertrag, der unserer Zeitung vorliegt, verpflichtete sich das Institut damals «das Bauprojekt und die aus einem Plan ersichtliche Situierung der Gebäude nicht wesentlich zu verändern, sowie die eingezeichneten Höhen über Meer in Bezug auf die dreigeschossigen Gebäude und den dreigeschossigen Teil des Gebäudes nicht zu überschreiten. Diese Baubeschränkung ist als Grunddienstbarkeit im Grundbuch einzutragen.»

Und weiter: Die Anwohner vereinbarten mit dem Institut zudem ein Vorkaufsrecht für einen Drittel der Wohnungen. «Sollten mehr Eigentümer an Wohnungen interessiert sein, als solche verfügbar sind, erfolgt die Zuteilung nach der folgenden Prioritätenordnung, basierend auf der Lage des Stockwerkeigentums des betreffenden Eigentümers: Nördliche Wohnung vor südlicher Wohnung bis zu maximal der Hälfte der verfügbaren Wohnungen; dann tieferes Geschoss vor höherem Geschoss. Können so nicht alle Interessierten bedient werden, entscheidet das Los.»

Im Gegenzug verpflichteten sich die Anwohner, «das Bauprojekt des Instituts Menzingen loyal zu unterstützen. Sie verpflichten sich zudem, gegen die Erstellung des Bauprojektes keine Einwendungen, Einsprachen und Rechtsmittel zu ergreifen oder anderweitig aktiv in der Öffentlichkeit mit Leserbriefen, Eingaben bei politischen Behörden etc. zu opponieren.»

Reduktion auf Regelbauweise

Weder Institut noch Anwohner sind heute an den besagten Vertrag gebunden. Denn nach dem Ja des Volks zum ersten Bebauungsplan zogen Gegner vor Gericht und erhielten vom Verwaltungsgericht Recht. Das vorliegende Projekt, über das das Volk nun entscheidet, entspricht der Regelbauweise der Bauordnung, und durch den Bebauungsplan resultiert keine Mehrnutzung. Ob aktuell ein Vertrag zwischen dem Institut und Anwohnern besteht, ist nicht bekannt.
 

Charly Keiser