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ABSTIMMUNG: «Es bleibt ein steiniger Weg»

Der Zuger Versorger WWZ sieht sich für einen Atomausstieg grundsätzlich gut aufgestellt. Der CEO Andreas Widmer erklärt im Interview, warum der Zeitpunkt dabei entscheidend ist.
Bernard Marks
Gehen bei einem Ausstieg aus der Atomenergie die Lichter in Zug aus? Bild: Bruno Arnold (2. November 2005)

Gehen bei einem Ausstieg aus der Atomenergie die Lichter in Zug aus? Bild: Bruno Arnold (2. November 2005)

Am 27. November stimmt das Schweizer Volk über den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie ab. Trotz Tschernobyl und Fukushima leistet sich die Schweiz weltweit die ältesten AKW. Andreas Widmer, sollten die Schweizer Atomkraftwerke nicht langsam vom Netz gehen?

Die WWZ unterstützen die Energiestrategie 2050, wie sie von Bundesrat und Parlament beschlossen worden ist. Sie beinhaltet einen geordneten Ausstieg aus der Kernenergie. Wir sind der Meinung, dass man bestehende Kernkraftwerke in diesem Rahmen weiterbetreiben soll, solange sie sicher sind: einerseits, um die zuverlässige Stromversorgung gewährleisten zu können, andererseits, um Volksvermögen nicht unnötig zu vernichten.

Volksvermögen, was meinen Sie damit?

Die grossen Energieunternehmen wie Axpo und Alpiq gehören den Kantonen und damit dem Volk. Vor allem diese beide Konzerne haben vor Jahren Milliarden in Atomenergie investiert. Ein vorschneller Ausstieg aus der Atomkraft würde damit auch Geld des Volkes vernichten.

Wie viel Atomstrom verbrauchen Schweizerinnen und Schweizer heute eigentlich?

Die Schweizer Kernkraftwerke produzieren heute 40 Prozent des Stroms, der im Land verbraucht wird. 60 Prozent stammen aus Wasserkraft. Die Energiestrategie 2050 zeigt den Weg auf, wie diese 40 Prozent langfristig ersetzt werden können.

Was würde denn genau passieren, wenn alle Schweizer Atomkraftwerke abgestellt würden?

Bei einem übereilten Ausstieg, wie von der Initiative gefordert, würden diese 40 Prozent zuverlässige Stromproduktion fehlen, was Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit hat – insbesondere im Winter – und dazu führt, dass Strom aus dem Ausland – aus französischen Kernkraftwerken, aber vor allem aus deutschen Kohlekraftwerken – importiert werden muss. Dies verursacht zusätzliche CO2-Belastungen, und die Strompreise in der Schweiz würden massiv steigen. Nicht zuletzt wäre mit Schadenersatzforderungen der Kernkraftwerksbetreiber in Milliardenhöhe zu rechnen, die der Steuerzahler tragen müsste.

Ist das nicht Schwarzmalerei?

Nein, wir können heute schon beobachten, dass die Einkaufspreise für Strom aus dem Ausland rapide steigen, wenn ein Kraftwerk, wie aktuell in Leibstadt, abgestellt wird. Schon beim geordneten Ausstieg aus der Kernenergie sind die Versor-gungs­sicherheit und die Zurverfügungstellung genügender Versorgungskapazitäten eine grosse Herausforderung. Ob das bis 2050 gelingt, wird sich zeigen. Ein vorzeitiger Ausstieg, wie ihn die Initiative fordert, wird das Problem massiv verstärken.

Wie sind die Voraussetzungen für den Kanton Zug?

In Zug sind die WWZ etwas anders aufgestellt als Firmen wie die Axpo. Der öffentlichen Hand gehören nur 30 Prozent, der Rest ist im Privatbesitz. Nur 5 Prozent des Stroms, der im Kanton verbraucht wird, wird lokal produziert. Tragende Säulen sind sieben von den WWZ betriebene Wasserkraftwerke entlang der Lorze. Diese produzierten 2015 rund 24 Millionen Kilowattstunden Strom. Die restlichen 95 Prozent Strom zur Versorgung unserer Region beziehen wir von Schweizer Wasserkraftwerken sowie aus Schweizer Kernkraft. Ein überstürztes Abschalten der Schweizer Kernkraftwerke würde somit eben auch unsere Kunden betreffen.

Sollte man dann nicht mehr Solarkraftwerke bauen?

Das tun wir in Zug bereits. Im Sinne der Energiestrategie 2050 engagieren wir uns seit langem im Bereich des Ausbaus der Solarenergie und der Energie­effizienz. Doch bleibt es ein steiniger Weg.

Warum?

Die regionale Energielandschaft lässt sich nicht von heute auf morgen umstellen. Ende 2015 waren zum Beispiel fast 450 Fotovoltaikanlagen im WWZ-Versorgungsgebiet am Netz, die rund 10 Millionen Kilowattstunden Strom produzierten. Das macht aber erst rund 1,5 Prozent des Strombedarfs in unserer Region aus – und das nur an Tagen, wenn die Sonne scheint.

Braucht die Schweiz also noch mehr Zeit für die angestrebte Energiewende?

Ja. Um eine sichere Stromversorgung zu garantieren – das heisst um einen Blackout zu vermeiden –, muss jederzeit gleich viel Strom produziert werden, wie verbraucht wird. Wie von der Energiestrategie 2050 aufgezeigt, benötigen wir Zeit, um die 40 Prozent Schweizer Stromproduktion aus Kernkraft zu ersetzen. Die Kernkraftwerke produzieren witterungs-, tages- und jahreszeitunabhängig zuverlässig rund um die Uhr Strom; die Produktion aus erneuerbaren Energien dagegen ist abhängig von Sonne und Wind – dieser Strom fällt unregelmässig an. Die Stromverfügbarkeit muss aber auch garantiert werden, wenn kein Wind weht oder wenn es Nacht ist. Ein sofortiger Ausstieg aus der Kernenergie, wie ihn die Atomausstiegsinitiative fordert, ist überstürzt.

Würde bei einem abrupten Ausstieg aus der Atomenergie die Schweiz insgesamt mehr dem europäischen Strommarkt ausgesetzt sein?

Heute ist die Schweiz aufs Jahr betrachtet recht unabhängig. Der europäische Strommarkt dient zur Optimierung von Strom­angebot und -bedarf in der Schweiz. Bei einem vorzeitigen Abschalten von 40 Prozent der Schweizer Produktion würde aber der Import von Strom massiv zunehmen und damit auch die Abhängigkeit der Schweiz von Europa.

Andreas Widmer (56) ist seit 2008 CEO des Zuger Versorgers WWZ.

Interview: Bernard Marks

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