ÄGERISEE: Holz gleitet über den Ägerisee

Am Samstag schifften Flösser rund 600 Tonnen Holz über den See nach Unterägeri. Für Zuschauer ein Spektakel, für die Forstarbeiter das Ende einer intensiven Arbeitsperiode.

Lionel Hausheer
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Das Flössen auf dem Ägerisee ist eine uralte Tradition und die letzte ihrer Art in Mitteleuropa. (Bild: Maria Schmid)

Das Flössen auf dem Ägerisee ist eine uralte Tradition und die letzte ihrer Art in Mitteleuropa. (Bild: Maria Schmid)

Lionel Hausheer

Mit Champagner in Plastikbechern und dicken Zigarren feierten die Waldarbeiter ihren Erfolg, ihren «Sieg» über die schwere Aufgabe. Zweieinhalb Stunden hat es gedauert, bis die Insel aus Holz mit zwei Kilometern pro Stunde vom Bergwald bei Morgarten nach Unterägeri ins Birkenwäldli gelangt ist. Alles ist gut gegangen. Unfallfrei und störungsfrei schoben die teilweise verbeulten Boote der Förster 600 Tonnen durch Nebel über den spiegelnden See. Die glänzenden Augen der Sieger kommen vom Flösser-Virus, ist sich Flösser und Förster Karl Henggeler sicher.

Am Samstag schifften Flösser rund 600 Tonnen Holz über den See nach Unterägeri. (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
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Für Zu­schauer ein Spektakel, ... (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
... für die Forstarbeiter das Ende einer intensiven Arbeitsperiode. (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Unfallfrei und störungsfrei schoben die teilweise verbeulten Boote der Förster 600 Tonnen durch Nebel über den spiegelnden See. (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)
Flössen Ägerisee (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)

Am Samstag schifften Flösser rund 600 Tonnen Holz über den See nach Unterägeri. (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)

Halber Preis und vierfache Kosten

Bis 1850 stritten sich die Ägerer Gemeinden um den Bergwald – wegen der einfachen Lösung, das gewonnene Holz zu flössen. Heute ist der Streit allerdings endgültig beigelegt: Der Bergwald wird von beiden Gemeinden gemeinsam bewirtschaftet, unter dem verantwortlichen Förster Karl Henggeler. Dafür drohen andere Herausforderungen: Für den Kubikmeter Holz bekam man vor dreiundreissig Jahren noch zirka das Doppelte des aktuellen Preises. Die Lohnkosten für Forstarbeiter seien dafür um Faktor vier gestiegen, erklärt Karl Henggeler. «Der Preis ist das Problem, das heisst, man muss rationalisieren.»

Flössen wie in Ägeri ist einzigartig in Mitteleuropa. Hier hat es überlebt, weil es schlicht die eleganteste Lösung darstellt, das Holz vom unzugänglichen Bergwald zur Weiterverarbeitung zu transportieren. Ein Helikopter, die nächstgängige Lösung, wäre ungleich teurer. «Ohne Unterstützung des Kantons wäre es aber trotzdem nicht möglich», sagt Karl Henggeler. Damit unterstützt der Kanton nicht nur die Forstwirtschaft und Waldpflege, sondern auch die Tradition.

Jeder Wechsel eine Chance

Das Wichtigste beim Flössen sei, dass das Wissen nicht verloren gehe. Karl Henggeler hat drei solche Übergaben erlebt, an welchen das Know-how vom Vorgänger auf den Nachfolger übertragen wurde. «Das Spannende ist: Jeder Wechsel ist auch immer eine Chance», sagt Henggeler. Denn bei der Übergabe finden oft auch moderne Ideen Eingang in den Arbeitsablauf des Flössens. «Ich beispielsweise arbeite mit mehr Schiffen als mein Vorgänger.» Das war ein Schritt, der wohl einiges vereinfachte. Mit Schiffen rangiert man die Stämme doch sehr viel einfacher als mit Gummihosen im See von Hand.

Das Virus grassiert

Die jungen Flösser stehen im Kreis im Birkenwäldli und feiern. Die Arbeit im Bergwald ist strenger als anderswo. Trotzdem sind selbst junge Maschinenfreaks nach drei Tagen Flossbau mit Begeisterung dabei, sagt Karl Henggeler. Und das Glänzen, das man dann in ihren Augen sieht, das kommt eben vom Flösser-Virus.

Auch für die Arbeiter im Wald immer wieder ein Abenteuer

Im Abstand von vier Jahren wird im Bergwald geholzt. Für die Forstwarte und Förster der Korporationen Oberägeri und Unterägeri ist das jeweils ein besonderes Highlight. Während der letzten Wochen waren insgesamt eine Forstingenieurin, zwei Förster und sechs Forstwarte sowie ein Lehrling mit verschiedenen Aufgaben beschäftigt: Fünf Forstwarte fällten die Bäume und liessen diese anschliessend in den See gleiten. Die Förster und ein Forstwart sammelten das im Wasser schwimmende Holz zusammen und bauten nach und nach das Floss. 

Die längsten Stämme werden zu einem «Holzrahmen» zusammengesetzt. Dabei werden die vordersten mit einem Mastwurf, einem bestimmten Knoten also, zusammengebunden und in einer Dreiecksform auseinandergespreizt. Die weiteren Bäume werden mit Drahtseilen und den sogenannten Guntelketten 
am Holzrahmen angeschlossen. Die schwimmenden losen Stämme werden mit einem Flösserhaken in diesen Rahmen hineingestossen. 

Die Baumspitzen der Stämme müssen dabei gegen die Flossspitze ausgerichtet sein. Das Floss wird abschnittweise mit Drahtseilen quergebunden und hinten mit einem Querbaum geschlossen. Bereits während des Baus wird es gegen Wind und Seegang am Ufer verankert. «Die speziellen Arbeiten bezüglich des Flössens werden über Generationen weitergegeben», erklärt Roman Merz, Betriebsleiter Forst- und Strassenwesen der Korporation Unterägeri. Zur Überquerung des Sees wird das Floss bloss von zwei Fischerbooten, die das breite Ende des Flosses flankieren, gestossen. Die grösste Gefahr für das mächtige Floss ist auch da der Wind. 

Nächste Woche wird das Holz aus dem Wasser geholt. Dafür wird es mit dem Forstschlepper aus der Lorze gezogen, in Sektionen geschnitten und abgeführt. Der grösste Teil wird zu Bauholz weiterverarbeitet. Der Rest wird als Energieholz genutzt.

Der Waldweg im vom Holzen betroffenen Abschnitt ist bereits wieder in Stand gestellt und passierbar. Aufgrund des schlechten Wetters konnte er noch nicht vollständig hergestellt werden. Es muss noch mit Verschmutzungen und Unebenheiten gerechnet werden.

cde

Das Flössen auf dem Ägerisee ist eine uralte Tradition und die letzte ihrer Art in Mitteleuropa. (Bilder Maria Schmid)

Das Flössen auf dem Ägerisee ist eine uralte Tradition und die letzte ihrer Art in Mitteleuropa. (Bilder Maria Schmid)

Trotz unwirtlicher Wetterverhältnisse haben die Flösser sichtlich Freude an ihrer Aufgabe und nehmen es gemütlich auf der Überfahrt. (Bild: Maria Schmid)

Trotz unwirtlicher Wetterverhältnisse haben die Flösser sichtlich Freude an ihrer Aufgabe und nehmen es gemütlich auf der Überfahrt. (Bild: Maria Schmid)