ÄGERITAL: Massive Baumstämme donnern mit Getöse ins Wasser

Der Reisttag im Bergwald war trotz garstigem Winterwetter ein erfolgreicher und gut besuchter Anlass. Die einzigartige Tradition faszinierte das Publikum.

Hansruedi Hürlimann
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Nach dem Fällen der Bäume (oben) werden die Stämme mit maschineller Hilfe in den See verfrachtet (unten links). Dort lagern bereits 750 Kubikmeter Holz (unten rechts). (Bilder Werner Schelbert)

Nach dem Fällen der Bäume (oben) werden die Stämme mit maschineller Hilfe in den See verfrachtet (unten links). Dort lagern bereits 750 Kubikmeter Holz (unten rechts). (Bilder Werner Schelbert)

Ein voll besetztes Ägerisee-Schiff legte am Bootssteg von Unterägeri pünktlich ab und nahm Kurs auf Naas, wo der traditionelle Reisttag am Samstag startete. Allerdings mussten sich die Besucher etwas gedulden, denn der grosse Aufmarsch von Interessierten erforderte eine zusätzliche Fahrt von Oberägeri aus. Forstverwalter Roman Merz begrüsste die Anwesenden und erklärte den Ablauf der Veranstaltung, welche die Korporationen von Ober- und Unterägeri alle vier Jahre gemeinsam durchführen. Oberstes Gebot war die Sicherheit, denn der Holzschlag im steilen Gelände auf der Südseite des Ägerisees und das Reisten, das heisst das Abrutschen der Stämme in den See, erforderten klare Sicherheitsregeln. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Schaulustigen den Platz auf dem schmalen Weg zwischen dem Berghang und dem See teilen mussten.

Förster Karl Henggeler bindet die Baumstämme zusammen, ... (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)
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... nachdem der Bagger die Baumstämme in den See verfrachtet hat. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)
Förster Roman Merz erklärt den Besuchern den Ablauf. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)
Eine Tanne wird gefällt. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)
Holzer verpflegen sich (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)
Beim Bergwald in Unterägeri sind die Forstwarte fleissig am Werken. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)
Derzeit werden zahlreiche Nadelbäume gefällt ... (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)
... und anschliessend in den Ägerisee gezogen. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)
Diese Technik nennt man «Reisten». (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)
Anschliessend wird aus dem Holz ein grosses Floss gebaut. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)
Am Samstag kann die Bevölkerung am «Reisttag» den Forstwarten bei der Arbeit zusehen. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)
Die Motorsägen hört man bis weit über den Ägerisee, ein Knacken und schon fällt ein Baum. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)
Kurz darauf donnert dieser mehrere Meter in die Tiefe und taucht in den See ein. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)
Schwerstarbeit ist gefragt. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)
Auch schwere Maschinen kommen zum Einsatz. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Förster Karl Henggeler bindet die Baumstämme zusammen, ... (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Eine uralte Tradition

Die an sich idyllische Verbindung zwischen Unterägeri und Naas verunmöglicht mit wenigen Ausnahmen den Einsatz von schwerem Forstgerät für die Fällaktion und den Abtransport der Stämme. Deshalb hat sich die Tradition des Reistens und Flössens am Ägerisee als einzige ihrer Art in Mitteleuropa erhalten. Der Einsatz des Helikopters stünde bei einem Preis von 200 Franken pro Flugminute in keinem Verhältnis zum Erlös aus dem Holz, sagte Roman Merz.

Sacha Bollmann aus Bauma im Tösstal kennt diese Problematik. Er ist aus beruflichem Interesse ins Ägerital gekommen. «In unserem Gelände ohne See können wir dieses Verfahren leider nicht anwenden», sagte er bedauernd. Andere Besucher wie Käthy Iten oder Georges Schönmann aus Unterägeri kennen das Flössen seit ihrer Jugend. «Als Rentner habe ich jetzt endlich Zeit für solche Anlässe», sagte Schönmann, der als selbstständiger Coiffeur am Samstag jeweils arbeitete. Raffaele Scorrano war mit Frau und Kindern eigens aus Kriens angereist. Weil er beruflich im Ägerital arbeitet – er ist Marketingleiter der Region für die Zuger Kantonalbank –, wollte er einmal «das Besondere erleben, das sich als Tradition in meinem Arbeitsgebiet erhalten hat».

Und dass das Holzfällen am steilen Berghang wirklich etwas Besonderes ist, erlebten die Zuschauer hautnah. Zuerst wurde eine weit über hundert Jahre alte Fichte gefällt. Gesichert mit einer Seilwinde fiel der mehrere Tonnen schwere Baum mit Getöse in die vorgesehene Richtung. Danach verschob sich das Publikum durch den matschigen Fussweg, der zum Teil mit Astwerk übersät war, zum Flossplatz, wo schon 750 Kubikmeter Holz im Wasser lagerten. Karl Henggeler, Forstwart der Korporation Oberägeri, erklärte, wie die Stämme im Wasser vertäut werden, damit sie ohne Verluste ans andere Seeufer geflösst werden können, von wo sie dann abtransportiert werden. Dann begab er sich mit einem Motorboot auf den See, um die Stämme «in Empfang zu nehmen», die zum Schluss eine der Runsen hinunterdonnerten. Elegant wie ein Kopfspringer tauchten sie ins Wasser, um gleich darauf wieder an die Oberfläche aufzusteigen.

Grillwurst und Getränke inklusive

Zum Abschluss gab es am Naaser Bootssteg Grillwürste und warme Getränke gratis, was angesichts der nasskalten Witterung höchst willkommen war. Ebenso angenehm war die wohlige Wärme auf dem Schiff, das die Besucher wohlbehalten an den Ausgangspunkt zurückbrachte.

Hinweis

Am Samstag, 5. März (Verschiebedatum 12. März), findet das Flössen statt. Die Ankunft des Holzes beim Birkenwäldli in Unterägeri erfolgt zwischen 10.30 und 11.30 Uhr. Über die Durchführung wird ab 7.30 Uhr über die Nummer 1600 informiert.