ÄGERITAL: Nachbarschaftshilfe: «Freiwilligenarbeit macht glücklich»

Während im Ennetsee die Kiss-Genossenschaft Aufschwung gewinnt, ist im Ägerital der Verein Nachbarschaftshilfe aktiv – und das schon seit 16 Jahren.

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Die Vorstandsmitglieder Cornelia Steiner (links), Hans-Jörg Hasler und Petra Salviti sehen positiv in die Zukunft. (Bild: Werner Schelbert /  Neue ZZ)

Die Vorstandsmitglieder Cornelia Steiner (links), Hans-Jörg Hasler und Petra Salviti sehen positiv in die Zukunft. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Während die Kiss-Genossenschaft im Ennetsee seit einigen Monaten als neues Modell der Nachbarschaftshilfe in aller Munde ist, entwickelt sich eine bereits gelebte Form dieser Hilfe im Ägerital seit 16 Jahren immer weiter – und das mit Erfolg. «Wir stellten uns die Frage: Was können wir dem Tal zurückgeben, für das es uns so reich beschenkt», erinnert sich Hans-Jörg Hasler an die Anfangszeit. Damals flog ihm ein Flyer der Nachbarschaftshilfe Oerlikon ins Haus. «Das war der springende Punkt.» Drei Ehepaare machten sich dann daran, einen ähnlichen Verein im Ägerital zu gründen. Ein Jahr haben sie sich vorbereitet, die Strukturen angepasst und bei den Gemeinden vorgesprochen. Überall seien sie auf Begeisterung gestossen. «Das war die Sternstunde», so Hasler. Als schliesslich der Verein stand, ging es darum, Freiwillige zu suchen. «Wir machten ab, dass jeder aus dem Vorstand zwei Freiwillige bringt», so sei man dann gestartet. Das ist nun 16 Jahre her. Hans-Jörg Hasler ist immer noch dabei und «um einige Erfahrungen reicher», wie er meint.

Ein engagiertes Leitteam

Veränderungen gab es viele, nicht zuletzt in der Leitung des Vereins. «Ich kann mit Stolz sagen, dass der Verein ein Durchschnittsalter von unter 60 Jahren hat», sagt der 69-jährige Hasler mit einem breiten Schmunzeln im Gesicht. «Wir sind froh, dass wir Hans-Jörg noch haben», entgegnet Petra Salviti. Sie ist seit 2013 mit dabei und für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins zuständig. Neben ihr sind Cornelia Steine, Finanzen und Administration, Kitty Evers, Administration, Edith Büttiker, Koordination im Leitteam. Die Administratorin und Koordinatorin werden als Einzige für ihre Arbeit entlöhnt. Als Koordinatorin ist Edith Büttiker sowohl das Aushängeschild unseres Vereins wie auch Dreh- und Angelpunkt. Sie hat viel zu tun: Momentan sind 43 Freiwillige und 30 Hilfesuchende gemeldet. Für dieses Jahr wird es 700 bis 800 Einsätze ergeben.

Melde sich jemand Neues, suche Büttiker immer das persönliche Gespräch. Das braucht viel Zeit. «Aber Zeit ist es ja gerade, die wir schenken wollen», so Hasler. Denn alle Angebote, die über die Nachbarschaftshilfe vermittelt werden – sei es Besuchen, Spiele spielen oder Einkaufen –, haben damit zu tun, sich um den anderen zu kümmern. «Alterseinsamkeit ist etwas vom schlimmsten, was es gibt.»

Hasler erklärt, dass er die Nachbarschaftshilfe als eine Art Ersatz für die frühere Grossfamilie sieht. Er nimmt dabei vor allem auch die pensionierte Generation in die Pflicht: «Man kann sich nicht einfach aus der Verantwortung nehmen.» Zudem meint er: «Freiwilligenarbeit macht glücklich, das ist wissenschaftlich belegt.» Er selber könne das sowieso bestätigen.

Kommunikation und Beziehungen

Nicht nur rosige Zeiten begleiteten den Verein. Vor einiger Zeit wurde das Geld knapp. «Wir mussten viele Institutionen und Organisationen anschreiben und ansprechen», sagt Petra Salviti. Doch die Kommunikation sei sowieso das A und O. Es habe daraus viele Kontakte ergeben, die auch jetzt, wo es dem Verein wieder besser geht, noch bestehen. Trotzdem ist der Verein auf Spenden angewiesen. Hasler meint schlagfertig: «Es ist uns klar, dass nicht jeder die Zeit hat, seinen Mitmenschen zu helfen, doch vielleicht möchte dieser sich finanziell daran beteiligen.»  Wachstum jedoch ist nicht das primäre Ziel.

«Uns ist es ein grosses Anliegen, das Zwischenmenschliche und die Kommunikation zu pflegen, Zeit für die Menschen zu haben und ihnen unsere Aufmerksamkeit schenken.» «Natürlich bleibt aber der Wunsch, innerlich zu wachsen», präzisiert Hasler. Da sieht er auch den grössten Unterschied zwischen der Kiss-Genossenschaft in Cham. Diese strebt ein grösseres Wachstum an. Zudem funktioniert die Genossenschaft ähnlich wie die AHV: Leute, die anderen helfen, können sich die Zeit gutschreiben lassen und später für sich selber einziehen. Bei der Nachbarschaftshilfe Aegerital basiert alles auf freiwilliger Basis, liegt doch in der Freiwilligkeit ein ganz spezielles Etwas.»

«Das ist uns ganz wichtig, niemand soll sich verpflichtet fühlen. Zwei Mal im Jahr gibt es die Möglichkeit, sich bei den Freiwilligentreffen des Vereins austauschen zu können. «Da geht es auch um die Vernetzung, Weiterbildung und Unterstützung.» Beim nächsten Treffen vom 29. März 2016 wird Susanna Fassbind von Kiss vorbeikommen und ihr Modell vorstellen. Hasler ist überzeugt davon, dass es beide Organisationen braucht: «Wichtig ist ja nicht, wie die Nachbarschaftshilfe aufgebaut ist, sondern dass es sie gibt.»

Mehr Infos zur Nachbarschaftshilfe Aegerital gibt es unter www.nachbarschaftshilfe-ae.ch
 


Carmen Desax