Als Fäden aus Ägeri und Zigarren aus Zug gehandelt wurden

Das Industriezeitalter im Kanton begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Manche Unternehmer kümmerte auch das Arbeiterwohl.

Raphael Biermayr
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Spinnereien (rechts) standen am Beginn der Industrialisierung im Kanton Zug. Die Anglo-Swiss Condensed Milk Company in Cham (links) war erste Anbieterin von Kondensmilch in Europa. (Illustration: Janina Noser)

Spinnereien (rechts) standen am Beginn der Industrialisierung im Kanton Zug. Die Anglo-Swiss Condensed Milk Company in Cham (links) war erste Anbieterin von Kondensmilch in Europa. (Illustration: Janina Noser)

Bis auch im Kanton Zug Fabriken entstanden, war die Heimarbeit weit verbreitet. Das Baumwollspinnen stand im Vordergrund. Überbleibsel des Materials der Handwebereien im Kanton Zürich wurden hier verarbeitet. Steinhausen war über längere Zeit das Zentrum dieser Tätigkeit. So wurde vom frühen Morgen bis zum späten Abend im Eigenheim oder in den Mietwohnungen verbreitet Garn gesponnen. Jenes wurde von den sogenannten Ferggern abgeholt und in Wädenswil und Horgen abgeliefert, oder aber freitags in Zürich und Luzern auf den Märkten verkauft.

Als die maschinelle Fertigung aufkam, wurden viele ihrer Existenzgrundlage beraubt. Andere hingegen fanden Arbeit, nicht zuletzt in der Seidenspinnerei von Rudolf Stünzi in Neuheim, die 600 Weber beschäftigte. Auch in Ägeri und Walchwil waren solche Betriebe zu finden. Bis zum Jahr 1840 stieg die Zahl der Seidenweberinnen im Kanton Zug bis auf 1200. Doch die buchstäbliche Maschinerie war auch in diesem Bereich nicht aufzuhalten. Junge Personen arbeiteten nun vor allem in den Nachbarkantonen, wo grosse Fabriken eröffnet wurden. Als letzte Seidenweberin im Ägerital gilt die 1946 gestorbene Paulina Iten, die am Neubächli wohnte.

Die Heimarbeit wird abgelöst

Die Not machte in manchen Fällen erfinderisch: Im Ägerital versuchte man anschliessend, in der Korbflechterei Erfolge zu landen, dies durch die Einführung von Weidenkulturen. Und der Coiffeur Schön in Menzingen eröffnete eine Lederstickerei, die ihm kleine Einnahmen sicherte. Der Landbevölkerung empfahlen die Behörden schliesslich den Betrieb ausgedehnter Geflügelzuchten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schliesslich begann sich auch im Zugerland das Fabrikwesen erfolgreich zu entwickeln, angefangen bei den Spinnereien. Um das Jahr 1910 waren die wichtigsten Fabriken:

  • Die Metallwarenfabrik Zug, mit über 500 Mitarbeitern, davon waren 238 Schweizer und 233 Italiener sowie 163 Arbeiterinnen. Der Durchschnitts-Tageslohn – es gab gelernte und ungelernte Kräfte – lag für Beschäftigte beiden Geschlechts bei 4.63 Franken.
  • Landis&Gyr in Zug mit 365 Arbeitern.
  • Die Nestlé & Anglo-Swiss Condensed Milk Company in Cham mit 250 bis 300 männlichen und 100 weiblichen Angestellten.
  • Die Spinnereien Unterägeri (225 Arbeiter und 113 Arbeiterinnen).
  • Die Papierfabrik Cham mit 200 Beschäftigten.
  • Die Glühlampenfabrik Zug mit 120 Angestellten (95 Frauen), deren täglicher Durchschnittslohn für 10 Stunden Arbeit bei 3 Franken lag.
  • Die Zigarrenfabrik Kerckhoffs & Co. an der Ägeristrasse in Zug mit einer Filiale in Menzingen, die «eine grosse Zahl» an Arbeiterinnen beschäftigte.
  • Die Kistenfabrik AG in Zug mit Sägewerk im Tirol, die Arbeiterzahl schwankte am Hauptsitz zwischen 50 bis 70.

Die Mehrheit dieser Unternehmer war sozial gesinnt und bestrebt, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Leiter der Chamer Milchgesellschaft etwa kannten seit der Gründung 1866 den 10-Stunden-Tag, und Jugendliche wurden nicht beschäftigt. Die Wohnungsverhältnisse der Arbeiterschaft wurden zwar per Gesetz nicht in Betracht gezogen. Dennoch entschloss sich die Spinnerei in Hagendorn zum Bau der ersten Kosthäuser im Kanton. In Übersee machte sich der Steinhauser Maurus Wyss einen Namen, indem er in den 1930er-Jahren in Detroit zwischen den Arbeitern und der Konzernspitze von General Motors vermittelte und einen Gesamtarbeitsvertrag erwirkte. Dieser beseitigte die Gefahr eines Streiks während fünf Jahren.

Im Kanton Zug waren trotz der geschilderten Bestrebungen die Verhältnisse vielerorts klar geregelt, wie das Beispiel der Fabrikordnung der erwähnten Zigarrenfabrik zeigt (Auszug):

  • Jeder Arbeiter hat die ihm zugewiesene Arbeit willig und recht auszuführen.
  • Die Arbeitszeit vom 1. April bis zum 1. Oktober dauert von 6 Uhr bis um 12 Uhr und von 13 Uhr bis um 18.30 Uhr. Vom 1. Oktober bis zum 1. April wird von 6.30 Uhr bis um 12 Uhr sowie von 13 Uhr bis um 19 Uhr gearbeitet. Für Frühstück und Abendbrot ist jeweils eine Viertelstunde Pause vorgesehen. Am Samstag und vor Feiertagen wird die Fabrik eine Stunde früher geschlossen.
  • In der Fabrik darf weder geraucht noch gelärmt noch geschimpft werden. Überhaupt ist alles, was zu Störungen Anlass gibt, bei Busse untersagt und zieht, je nach Umständen, die sofortige Entlassung nach sich.
  • Wer sich einer Veruntreuung von Zigarren oder Tabak schuldig macht, wird – unter Abzug des veruntreuten Betrags – sofort entlassen und dem Richter überwiesen.
  • Das Feiern während der Arbeitstage ist bei Busse bei nicht genügender Entschuldigung untersagt, und zieht bei Wiederholung sofortige Entlassung nach sich.
  • Hat sich ein Arbeiter über ungeziemende, ungerechte Behandlung zu beschweren, sollte er von einem Mitarbeiter in Ausübung seines Berufs beeinträchtigt werden, oder glaubt er überhaupt, es sei ihm Unrecht geschehen, so werden seine Beschwerden bei geziemendem Vortrag stets entgegengenommen, untersucht und Abhülfe getroffen werden.

Die Serie «Zuger Gewerbe-Geschichte(n)» setzt sich mit Themen aus der wirtschaftlichen Vergangenheit auseinander. Hier lesen Sie von der Industrialisierung (11/12). Quelle: Seltene Berufe und Menschen im Zugerland, Hermann Steiner, 1984.