AMAZON: «Internet-Literaturpapst» denkt ans Aufhören

Werner T. Fuchs ist Amazons Top-Buchkritiker – seit Jahren. Doch Verdächtigungen und Verleum­dungen vergällen dem Hünen­berger je länger je mehr die Freude am Rezensieren.

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Bücher, Bücher, Bücher: Werner Fuchs in seinem Arbeitszimmer in Hünenberg. (Archivbild Werner Schelbert/Neue ZZ; Bearbeitung scd)

Bücher, Bücher, Bücher: Werner Fuchs in seinem Arbeitszimmer in Hünenberg. (Archivbild Werner Schelbert/Neue ZZ; Bearbeitung scd)

Es ist zwar nicht so, dass es Werner Fuchs wäre, der auf der Website des deutschen Ablegers des international tätigen Online-Händlers am meisten (unentlöhnte) Kundenbesprechungen geschrieben hat. (Er brachte es innerhalb von neun Jahren auf über 2100.) Ebenfalls gibt es andere Kritiker unter den mehreren Hunderttausend, die mehr von den Usern vergebene «Diese Besprechung war für mich hilfreich»-Prädikate ausweisen können als der 57-Jährige. (Gut 48'000 von 59'000 Usern – also gut 80% – bescheinigen Fuchs' Rezensionen, für sie «hilfreich» gewesen zu sein.)

Vielmehr ist es wohl der Mix dieser beiden Elemente, möglicherweise zusammen mit der Aktualität der besprochenen Bände, der Zahl der Kommentare und den Publikationsintervallen – Amazon hüllt sich über die genaue Zusammensetzung der Erfolgsformel in Schweigen – die den Hünenberger im Ranking der Rezensenten ganz nach oben haben schiessen lassen. Und den ehemaligen Zuger Gymnasiallehrer – mit kurzen Rochaden – seit Jahren dort oben lassen. «Inzwischen habe ich mit meinen Besprechungen eine gewisse Deutungsmacht erlangt», sagt Fuchs. «Aus dieser Verantwortung heraus schreibe ich gemeinhin auch keine Verrisse.»

«Verteidigung nicht um jeden Preis»
Wie viel bedeutet der Platz an der Spitze dem Doktor der Germanistik, der sich inzwischen mit einer Kommunikationsagentur selbstständig gemacht hat und selber Buchautor ist? Fuchs' Devise ist klar: «Verteidigung nicht um jeden Preis. Sprich: Wenn ich zur Verteidigung mehr Bücher lesen muss, als man lesen kann, höre ich auf.» Generell müsse er aufpassen, dass er nicht plötzlich Sklave seines Hobbys werde.

Und es gibt auch noch eine andere Sache, die dem in Pressetexten schon als «Marcel Reich-Ranicki* des Internets» Betitelten bei allen Vorteilen – durch Amazon seien etwa schon interessante private und auch geschäftliche Kontakte zustande gekommen – Kopfzerbrechen bereitet. Im Kampf um die Rangierung in der Top-Rezensentenliste machen gegenseitige Anschuldigungen und Anfeindungen nämlich seit einiger Zeit vermehrt das Kritikerleben schwer. Durch diese Kultur des Misstrauens, der Eitelkeit und des Neidertums begünstigt, werden Allianzen geschmiedet und Verschwörungstheorien machen die Runde – woran wohl auch Amazon mit seiner intransparenten Kommunikation, nach welcher genauen Formel das Ranking zustande kommt, seinen Anteil trägt. Auch auf gezielte Presseanfragen lässt der Konzern lediglich Standardantworten verlauten.

Paradies für Verschwörungstheoretiker
Was als gute Tat am Kunden gedacht war (nach dem Slogan «Kunden schreiben für Kunden»), ist zum Haifischbecken geworden, wobei kaum mehr ausmachbar ist, welche Aussagen auf Annahmen, Paranoia und welche auf tatsächlich abgesicherten Fakten fussen. So ist etwa in Foren und Blogs immer wieder von «Manipulation» die Rede: Mit Multiaccounts würden einzelne oder konspirative Zirkel gezielt versuchen, Besprechungen einzelner Autoren massenhaft negativ zu bewerten, um deren Position in der Bestenliste zu beeinflussen oder deren Kritiken durch Einstellen neuer Besprechungen auf die weniger gut sichtbaren Stellen der Website zu verdrängen. Es geht noch weiter: Eigenverlag-Autoren oder von Verlagen angestellte PR-Leute wiederum würden im Verbund bestimmte Werke gegenseitig in höchste Höhen loben und andere miesmachen. Auch Plagiatsvorwürfe und der «Missbrauch» der Kommentarfunktion stehen im Raum.

Werner Fuchs, der schon mehrfach selber Ziel von Anschuldigungen wurde, die er aber vehement von sich weist, hatte besonders an einem Konflikt zu beissen: So stelle es gemäss ihm den «innigsten Wunsch» des direkt hinter ihm platzierten Rezensenten* dar, ihn zu «entthronen». «Nach sinnlosen Gesprächen, nächtlichen Telefonanrufen und massiv zunehmenden Verleumdungen drohte ich mit rechtlichen Schritten, worauf offiziell Ruhe einkehrte.» Fuchs' Intimfeind scheint nun selber den Hut genommen zu haben, wie es in seinem Amazon-Profil neuerdings heisst: «Massives Cyberstalking und Mobbing» in den letzten Monaten hätten dazu geführt, dass er seit Anfang Jahr krank geschrieben sei. Fazit: «Mein gesundheitlicher Zustand aufgrund der täglichen Drohkulisse lässt weiteres Rezensieren auf dieser Plattform nicht mehr zu», so die gegenwärtige Nummer 2.

Appell an Amazon gestartet
Werner Fuchs glaubt diesbezüglich zwar an einen taktischen Schachzug – übers Wochenende sei er von einem Mitstreiter per Telefon bedroht worden –, sinniert aber für sich selber: «Aufzuhören ist einfach eine logische Folge, wenn Spass durch zu viel Ärger vertrieben wird.» Als ultimativen Grund, nicht mehr für Amazon zu schreiben, sähe er es an, falls ein «Rezensent mit Plagiaten, Massenrezensionen und fraglichen Qualitätsansprüchen von Amazon auf Platz 1 gesetzt würde». Bis dahin hofft er auf eine Intervention des Online-Händlers. Seine Forderung: «Amazon soll die Software so zu überarbeiten, dass es nicht mehr möglich ist, innert weniger Monate so viele «hilfreich?-Prädikate zu erhalten, wie andere Rezensenten in vielen Jahren sammeln.» Auch die eingehenden Kommentare sollten vermehrt geprüft werden. An Perspektiven fehlt es Fuchs nicht: Er sei schon mehrfach von anderen Plattformen abzuwerben versucht worden – «aber zur Zeit prüfe ich auch, ob ich eine eigene Website aufbaue oder bereits von mir betriebene ausbaue».

Dave Schläpfer/Zisch

* Marcel Reich-Ranicki gilt als einflussreichster deutschsprachiger Literaturkritiker der Gegenwart. Scherzhaft oder aber auch in kritisierender Absicht aufgrund seiner dogmatischen Art wird der streitbare 89-Jährige oft als «Literaturpapst» bezeichnet.
** Name der Redaktion bekannt