AMTSTRÄGER: Spannender als gedacht: Als Weibel ist man mitunter mit der Polizei unterwegs

Gemeindeweibel wirken aus der Zeit gefallen, wenn man sie bei Anlässen in das sogenannte Ornat gehüllt sieht. Ihre Alltagsarbeit ist hingegen unauffällig – aber mitunter ungeahnt spannend.

Raphael Biermayr
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Zu den bei aussergewöhnlichen Ereignissen getragenen Erkennungszeichen der Weibel gehört der Weibelstab. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 15. März 2018))

Zu den bei aussergewöhnlichen Ereignissen getragenen Erkennungszeichen der Weibel gehört der Weibelstab. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 15. März 2018))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Am 10. Februar 2018 fand bei einem Baarer Treuhänder eine Hausdurchsuchungstatt. Dabei war auch der Gemeindeweibel Marco Kathriner anwesend. Ihm oblag es, als Zeuge die Arbeit der Behörden zu überwachen, erklärt Alex Bieler.

Er ist Kathriners Stellvertreter und Präsident des Verbands der Gemeindeweibel im Kanton Zug. Es ist ein Beispiel für viele Einsätze dieser Amtsträger, von denen die Öffentlichkeit nichts mitkriegt. Auch bei Zwangsräumungen von Wohnungen sind sie zugegen: «Wir sind bei Abwesenheit des Mieters dessen Vertreter und schauen, dass alles gut verpackt wird, dass zum Beispiel auch Geld und andere Wertsachen separat verpackt und aufbewahrt werden. Über die ganze Aktion führen wir ein Protokoll.»

Er ist seit 13 Jahren als stellvertretender Gemeindeweibel tätig. Manchmal kommt es auch zu Spezialeinsätzen zusammen mit der Polizei. Zum Beispiel wenn diese eine Wohnung betreten müsse, ohne dass ein strafrechtlicher Grund vorliege. Solche Einsätze seien aber selten.

Gaby Brandenberg, die erste Frau Gemeindeweibel im Kanton und seit 1999 in Unterägeri im Amt, wurde einige Male zu Polizeieinsätzen aufgeboten. «Einmal war ich bei einem Einsatz mit Drogenhunden unterwegs – das war eine eindrückliche Erfahrung», schildert sie. Konkrete Angaben zu den Einsätzen dürfen die Gemeindeweibel nicht machen, sie unterliegen dem Amtsgeheimnis. Verschwiegenheit gehört zu den wichtigsten Eigenschaften, die ein Weibel mitbringen muss.

Streit schlichten gehört auch dazu

Die Hauptaufgabe der Gemeindeweibel ist eine scheinbar trockene Angelegenheit: Das Aufnehmen von Befunden und Erstellen des Protokolls bei Wohnungsabnahmen. Hinter dieser – für den Auftraggeber kostenpflichtigen Dienstleistung – stecken jedoch Zerwürfnisse zwischen Vermieter und Mieter.

Demnach gilt, als neutrale Person aufzutreten und somit entweder weiterem Streit vorzubeugen oder bestehenden Streit zu schlichten. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt. Alex Bieler hat einmal eine Situation erlebt, die eskaliert sei. Bei Versammlungen tauschen sich die Gemeindeweibel im Kanton aus und bilden sich auch in Konfliktbewältigung weiter.

Gemeinderat wählt den Weibel

Es sei schon vorgekommen, dass ihre Neutralität in Frage gestellt worden sei, sagt Gaby Brandenberg. «Jemand bemängelte, dass sich die Gegenpartei und ich duzen. Ein anderer hat mir mal mit einer Klage gedroht – letztlich ist aber nichts passiert.» Sie sagt das unbeeindruckt. Über all die Jahre hat sie sich eine dicke Haut zugelegt: «Ich vergesse schnell.»

Brandenberg bewarb sich 1998 auf ein Inserat im Amtsblatt und wurde, wie das üblich ist, vom Gemeinderat gewählt. Sie hat noch immer Freude an diesem Amt und will es vier weitere Jahre ausüben.

Der Aufwand beträgt etwa 30 Stunden im Jahr und lässt sich daher gut mit ihrem 60-Prozent-Arbeitspensum vereinbaren. In grösseren Gemeinden ist das Gemeindeweibelamt deutlich umfangreicher, sagt Bieler. Deshalb seien die Weibel dort in der Regel Verwaltungsangestellte.

Das Ornat mit Stolz tragen

Öffentliche Auftritte von Weibeln sind selten. Wenn sie doch in Erscheinung treten, kann das den falschen Eindruck eines überflüssigen Relikts vermitteln. Bei offiziellen politischen Anlässen kommen sie ihrer repräsentativen Aufgabe nach und stehen im sogenannten Ornat – einem festlichen Kostüm – mit einem Hut und mit dem Weibelstab in der Hand herum. «Mein Gottenkind hat mich mal so gesehen und seine Mutter gefragt, warum ich ein Fasnachtskostüm tragen würde», schildert Gaby Brandenberg lachend. «Die Anwesenheit des Weibels gibt einem Anlass einen würdigen und offiziellen Charakter, den es unbedingt gilt, beizubehalten», erklärt Alex Bieler.

Auch er weiss um die für Aussenstehende etwas alberne Wirkung dieser offiziellen Auftritte. Dabei denkt er vor allem an den abtretenden Baarer Gemeinderat Paul Langenegger, der während 27 Jahren als Standesweibel – also in gleicher Funktion für den Kanton – im Einsatz war. «Wir haben ihn ab und zu hochgenommen, denn er war ein sehr stolzer Träger des Ornats», schildert Bieler schmunzelnd.