An diesem Grab halten nur wenige inne

HINGESCHAUT Auf dem Friedhof St. Michael in der Stadt Zug gibt es ein Soldatengrab. Obwohl es prominent platziert und gut gepflegt ist, gehen die meisten Menschen unbewusst an ihm vorbei.

Marco Morosoli
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Dieses Grab erinnert an die Schweizer Soldaten, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg zu Tode kamen. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 27. Oktober 2018))

Dieses Grab erinnert an die Schweizer Soldaten, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg zu Tode kamen. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 27. Oktober 2018))

Am vergangenen Donnerstag hat es mehr Menschen auf dem Friedhofgelände der Stadt Zug oberhalb der St. Michaelskirche gehabt. Am 1. November ist im Kirchenkalender Allerheiligen aufgeführt. An diesem Tag sind viele Gläubige mit roten Grabkerzen unterwegs. Diese legen sie auf die Grabstätten ihrer Liebsten, die von dieser Erde gegangen sind, aber in ihren Gedanken weiterleben. Das Licht soll ihnen den richtigen Weg weisen. Andere wiederum kommen einfach vorbei, um an Grabstätten innezuhalten. Ob jemand beim Grab, das rechts an erster Stelle beim Eingang oberhalb der Kirchmattstrasse platziert ist, eine Pause eingelegt hat, ist nicht verbrieft, aber wahrscheinlich.

Im Hinblick auf den Totengedenktag ist durch das Amt für Zivilschutz und Militär ein Kranz auf dem Grab aufgestellt worden. Die schlichte Grabstätte erinnert an die Schweizer Soldaten, die während des Ersten (1914-18) und des Zweiten Weltkrieges (1939-45) zu Tode gekommen sind. Nicht durch kriegerische Handlungen, denn die Schweiz hat sich in beiden Konflikten neutral verhalten. Diese ist von den Konfliktparteien weitgehend respektiert worden, sodass die Schweiz praktisch ungeschoren durch die beiden Weltkriege gekommen ist.

Ein Soldatengrab, das viele Rätsel aufgibt

Wann das Soldatengrab erstellt worden ist, kann heute weder die Friedhofverwaltung noch die Verwaltung der Stadt Zug bestimmt sagen. Es dürfte wohl nach dem Ersten Weltkrieg gewesen sein. Der Grabstein ist ein Stück eines Nagelfluh-Blockes. In Grossbuchstaben sind drei Wörter «Freiheit und Ehre» angebracht. Etwas weiter unten auf dem Stein ist zu lesen: «Unseren toten Kameraden». Zudem sind noch die Daten der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts aufnotiert, die einen sehr hohen Blutzoll forderten. Auch das Schweizer Kreuz fehlt nicht. Auf dem Grabfeld ist im Weiteren ein Schweizer Stahlhelm M18 platziert. Dieser Kopfschutz ist von 1918 bis 1980 verwendet worden und fällt deshalb als Hilfsmittel zur genaueren Altersfeststellung des Grabes dahin. Unterhalb dieses militärischen Kopfschutzes lugt der Schaft eines Bajonettes hervor. Doch diese Waffe hilft auch nicht wirklich bei der Eingrenzung, passte sie doch auf zwei verschiedene Karabiner-Varianten.

Das Grab wird aber weiterhin liebevoll gepflegt. Hat noch im August 2018 Grünzeug die Inschrift «Freiheit und Ehre» verdeckt, ist dieses nun von der Friedhofverwaltung zurückgestutzt worden. Das Zuger Soldatengrab hat den Status «erhaltenswertes Grab». Die Grabesruhe gilt also ewig.

Pathetische Worte eines Feldpredigers

Es gibt scheinbar nur ein schriftliches Zeugnis, welches auf dieses Denkmal auf dem Stadtzuger Friedhof Bezug nimmt. Im Rahmen der Berichterstattung über die 600-Jahr-Feier des Standes Zug. Dieser Festakt hat am 27. Juni 1952 stattgefunden. Genau an diesem Datum ist Zug 1352 in die Eidgenossenschaft aufgenommen worden. Diesem Thema hat das «Zuger Neujahrsblatt 1953» viel Platz eingeräumt. Der Festakt beim Soldatengrab wird dabei in der Publikation in einer Sprache beschrieben, die mittlerweile aus der Zeit gefallen ist: «Als sich am Freitagabend mit dem Glockengeläute eine feierliche Stimmung über das Land und die Stadt Zug legte, standen am Soldatengrab, eine grosse Zahl von Offizieren und Unteroffizieren, der Behörden der Stadt und des Kantons zusammen.» Der einfache Soldat scheint bei diesem Gedenkanlass nicht auf der Einladungsliste gestanden zu haben. Armin Merz, der über diese Feier berichtet, räumt jedoch einem Feldprediger Kuhn im Hauptmannsrang sehr viel Platz ein. Letzterer hat die Plattform auf dem Friedhof St. Michael zu einem Abriss der Geschichte der Eidgenossenschaft genutzt. Die Freiheit und die Menschenrechte seien «nicht leere Begriffe». Feldprediger Kuhn fährt dann weiter: «Die Eidgenossenschaft aber entstand nicht aus Ereignissen, sondern aus der Kraft eines Glaubens, aus dem wortlosen Einsatz vieler Menschen.» Obwohl der Rahmen festlich sei, so der Feldprediger, will er den Kern des Aktes am Soldatengrab in Erinnerung rufen: «In diesen frohen Stunden vergessen wir nicht unsere Kameraden, die im Dienst an unserer Heimat aus unseren Reihen gerissen wurden.» Dies geschah durch vor allem durch Unfälle oder Krankheiten. So raffte die Spanische Grippe 1918 alleine rund 3000 Armeeangehörige dahin, wie dem Historischen Lexikon der Schweiz zu entnehmen ist.

Fast 200 Jahre keine Kämpfe in der Schweiz

Der letzte Krieg auf Schweizer Territorium ist 1847 ausgefochten worden. Dabei hat der Sonderbundskrieg den Status eines Bürgerkrieges. Es haben sich katholisch geprägte Kantone – so unter anderem die ganze Zentralschweiz – vereinigt. Die Restschweiz wollte diese Abspaltung, die sich über die Jahre hochgeschaukelt hatte, nicht hinnehmen. Der Sonderbundskrieg hat vom 3. bis zum 23. November 1847 gedauert. Im Nachgang ist 1848 der Schweizer Bundesstaat gegründet worden und damit die Schweiz, wie wir sie heute kennen. Zum Einsatz kam die Schweizer Armee im Innern nochmals im November 1918 beim Landesstreik.

Ein bekanntes Denkmal ehrt getötete Söldner

Der letzte territoriale Konflikt an der Schweizer Aussengrenze ist 1862 gelöst worden. Dabei ging es um eine Strasse im Val des Dappes, welche Frankreich aus strategischen Gründen vollumfänglich auf seinem Territorium haben wollte. Beim Wiener Kongress 1815 haben die Schweiz und Frankreich diesen Gebietsstreit in der Nähe von St. Cergue im Waadtländer Jura noch nicht einigen können. Dies gelang erst 47 Jahre später. Die Schweiz hat dabei das Gebiet mit der Strasse an Frankreich übergeben und in unmittelbarer Nähe flächengleiches Stück Wald erhalten. Heute interessiert das niemanden mehr.

Ein anderes Denkmal, das an Schweizer Soldaten erinnert, ist hingegen für viele Touristen aus aller Welt ein Muss: Das Löwendenkmal in Luzern. Es erinnert an Ereignis der Französischen Revolution. Am 10. August 1792 stürmten Revolutionäre in Paris das Schloss der Tuilerien, das von einer Schweizer Garde verteidigt wurde. Sie richteten ein Massaker an. Mehrer hundert Schweizer sind gestorben. Gardisten, welche das Massaker überlebt haben, sind später umgehend hingerichtet worden. Es hat lange Diskussionen gegeben, ob es opportun sei, ein Denkmal für diese Gardesoldaten zu errichten, die sich entschlossen haben, für ein anderes Land zu kämpfen. Die ganze Söldnerdiskussion steht heute jedoch längst nicht mehr im Vordergrund.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.