Antisemitismus oder Rassismus

Zur Rede des Schweizer Schriftstellers Lukas Bärfuss anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt

Michel Ebinger, Rotkreuz
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Die Beispiele von Richard Wagner oder der Gebrüder Grimm zeigen, dass man nicht offen zu Gewalt oder Diskriminierung aufrufen muss, um antisemitisch oder rassistisch zu wirken oder wirksam zu sein. Das geistige Klima einer Gesellschaft ist von eminenter Bedeutung und deshalb finde ich die Rede von Lukas Bärfuss anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises so oberflächlich und dumm. Seitenhiebe und Sottisen, wie sie früher gang und gäbe waren, sind heute zwar noch zu vermerken, aber nur noch tief im Verborgenen, und nur bei sehr Wenigen führen sie zur Gewalt. Der allergrösste Teil der Gesellschaft ist sensibilisiert, und bei vielen antisemitischen Sprüchen muss man schon einen diesbezüglich detaillierten Bildungsgrad haben, um diese zu erkennen. Viele Verschwörungstheorien haben antisemitischen Hintergrund, aber diejenigen, welche sie pflegen, haben davon keine Ahnung. Dies entschuldigt sie zwar nicht, zeigt jedoch, dass es an uns liegt, solche Informationen zu publizieren, statt mit Verboten um uns zu schlagen.

Gängige Ressentiments gegen die Juden müssen mit Aufklärung bekämpft werden. Umberto Eco hat mit seinem Roman «Der Friedhof in Prag» gezeigt, wie man vorzugehen hat, und das gilt für alle Arten von Diskriminierungen oder rassistischen Äusserungen. Und so leid es mir tut, Lukas Bärfuss hat das intellektuelle Niveau nicht, um so was zu schreiben, er schreibt oberflächliche Hasstiraden unter Verkennung der historischen Realität. Wer etwas Gescheites über Antisemitismus lesen will, der lese: «Etwas vorlaut widriges» – Das Judenbild der Brüder Grimm von Gerhard Henschel im Merkur 845. Reden, wie diese von Lukas Bärfuss, machen nur wütend und fördern genau das, was er zu bekämpfen versucht. Hören wir endlich auf, alle mit Keulen des Antisemitismus oder des Rassismus zu knüppeln. Es hat sich vieles verbessert!