Leserbrief

Arbeit statt Almosen

«Ein Schweizer Mythos zerfällt», Ausgabe vom 24. Juni

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Im weiteren Bekanntenkreis meiner Frau und mir kenne ich mindestens fünf Personen zwischen 50 und 60, die zum Teil nach 30-jähriger gewissenhafter Arbeit im gleichen Unternehmen sang- und klanglos entlassen wurden. Sie sinnen immer noch darüber nach, was sie falsch gemacht haben könnten. Die Leute sind verzweifelt, da sie nicht nur keine Stelle mehr finden, sondern zum Teil auch noch Kinder in der Ausbildung haben.

Ihr Schicksal ist vorgezeichnet: Sie sollen mit 58 für 2 Jahre eine mickrige Überbrückungsrente erhalten, und dann geht’s nach einem arbeitsamen Leben in die Sozialhilfe, die sie mit Neuzugewanderten zu teilen haben. Da sämtliche EU-Bürger als Inländer gelten, ist es beispielsweise für einen 57-jährigen Deutschen äusserst verlockend, in die Schweiz einzureisen, ein Jahr zu arbeiten und dann als Arbeitsloser zwei Jahre Übergangsrente zu kassieren. Anschliessend übernimmt seinen Unterhalt die für EU-Ausländer grosszügige Schweizer Sozialhilfe. Die verwaisten Stellen meiner Bekannten wurden übrigens in der Zwischenzeit grösstenteils mit jungen Deutschen neu besetzt. Ich habe die Leute nicht gefragt, wie sie bei der Begrenzungsinitiative abstimmen werden. Aber ihre Verbitterung spricht Bände, wenn man im letzten Lebensdrittel in eine derartige Abwärtsspirale gerät.

Die Herren Boris Zürcher vom Seco, Roland Müller und Valentin Vogt vom Arbeitgeberverband, Monika Rühl von Economiesuisse, Hans Hess von Swissmem, Peter Grünenfelder von Avenir Suisse und viele «Think und andere Tanks» möchte ich darauf hinweisen, dass man auch durch Verschweigen lügen kann, indem man nur die positiven Zahlen veröffentlicht und alles für die Personenfreizügigkeit Negative tunlichst unterdrückt. Wird gemäss Methode der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gemessen, d. h. auch die Ausgesteuerten und die anderen, die unfreiwillig ohne Arbeit sind, einschliesst, ergibt sich für das erste Quartal in der Schweiz eine Erwerbslosenquote von 4,9 Prozent und nicht 2,4 Prozent wie von Boris Zürcher verkündet. Damit figurieren wir abgeschlagen hinter Deutschland (3,3 Prozent), Slowenien, Estland, Rumänien, Norwegen, Polen, Ungarn oder Malta. Alle Kommentare aus der EU-hörigen Verwaltung sind immer sehr beschwichtigend und verharmlosend in der Hoffnung, das Volk umzuerziehen.

Bei mir und meinen masslos verbitterten Bekannten (und nicht nur bei ihnen) haben diese geschmeidigen Schreibtischtäter jede Glaubwürdigkeit verloren.

Diese eiskalte, ursprünglich aus den USA stammende «Hire and Fire»-Mentalität von Schweizer und ausländischen Unternehmen ist an Skrupellosigkeit nicht mehr zu überbieten. Ist es denn kein Menschenrecht, wenn man ein Leben lang geschuftet hat, die letzten aktiven Jahre mit Arbeit statt mit Almosen zu verbringen? Ist Menschenwürde kein Menschenrecht? Dieser beispiellose Egoismus vieler bei Economiesuisse zusammengefasster Firmen kommt auch in der Politik zum Ausdruck, wo dem schnöden Mammon und dem gefrässigen Gewinnstreben alles untergeordnet wird, eine Mentalität, die auch von Parteien wie der FDP aktiv propagiert wird. Dass dabei die Schweiz ihrer Identität und ihrer direkten Demokratie für immer verlustig zu gehen droht, scheint bei diesen Geldmenschen keiner Erwähnung würdig. Man schweigt einfach!

Robert Nieth, Walchwil