ARCHITEKTUR: Seine Terrassenhäuser sind ein Traum

In Zug ist Baugrund knapp. Das hat Fritz Stucky früh erkannt und revolutionäre Wohnformen entwickelt. Vor kurzem ist der Pionier 84-jährig gestorben.

Wolfgang Holz
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Gestaffelte Gärten: Fritz Stuckys Terrassenhäuser in Zug. (Bild Christof Borner Keller)

Gestaffelte Gärten: Fritz Stuckys Terrassenhäuser in Zug. (Bild Christof Borner Keller)

Verdichten lautet heute die Zauberformel in der «Boomtown» Zug. Auch Fritz Stucky, dem gebürtigen Basler, war es in den 1950er-Jahren schon klar, dass es in einer wachsenden Schweiz mit begrenzter Fläche wichtig sein würde, Wohnraum für kommende Generationen zur Verfügung zu stellen. Wobei es dem Architekten darauf ankam, in erster Linie günstige Entwürfe für den knappen Raum zu entwerfen.

Er lernte bei Frank Lloyd Wright

«Es hat mich sehr beeindruckt, wie er als junger Mann aufbrach, um seine Träume zu realisieren», erinnert sich Christina Stucky, eines der drei Kinder Fritz Stuckys. Sie liest derzeit die Briefe ihres am 10. Februar verstorbenen Vaters. Dieser fuhr im Alter von 21 Jahren per Schiff in die USA, weil er nicht mehr an der ETH die Schulbank drücken, sondern bei Stararchitekt Frank Lloyd Wright das Handwerk in der Praxis erlernen wollte. Auf dem Schiff machte er die Bekanntschaft von zig Leuten und erhielt Einladungen von Los Angeles bis Chicago. Das überforderte den jungen Mann offenbar. In einem Brief bemerkte er dazu: «Donnerwetter, in aller erster Linie muss ich ein guter Architekt werden!»

Das ist dem späteren Chamer nach seiner Rückkehr aus Amerika 1958 in Zug zweifellos gelungen. Am Terrassenweg, unweit der heutigen Metalli, zog er an einem Hang mehrere Terrassenhäuser in die Höhe, die in ihrer Dynamik Vorbildern des Wrightschen «Präriestils» ähneln. Nicht zuletzt wegen des vielen Grüns, in das diese treppenartigen Gebäude eingebettet sind. Stucky beweist bei diesem Entwurf, der Jahre später weitere Terrassenhäuser im amerikanischen Stil in Baar und Cham zeitigte, dass er nicht nur als Architekt Klasse hat, weil er Häuser an einen bestimmten Ort einzupassen vermochte. Er zeigte sich auch als «kalkulierender Unternehmer, der das billigste Land für damals 40 Franken pro Quadratmeter zu nutzen wusste – Land, das eigentlich als unbebaubar galt», wie Zugs Architekt Hugo Sieber 2006 bei der Vernissage zu der Ausstellung über das Werk Stuckys erklärte.

Industrielles Bauen dank «Variel»

Sein unternehmerisches Talent untermauerte Stucky, der 1956 in Zug ein Architekturbüro zusammen mit Rudolf Meuli eröffnete, dann im wahrsten Sinne des Wortes mit seinen «Variel»-Fertigbau-Elementen aus Stahl und Beton. Diese kreierte der Architekt als Bestandteile des damals modernen industriellen Bauens, um möglichst schnell und kostensparend mehrstöckige Gebäude realisieren zu können.

Zu diesem Zweck gründete Stucky 1961 die Elcon AG als Lizenz- und Entwicklungsfirma für sein «Variel»-System. Mit diesen variablen Elementen konnte der findige Baumeister nicht nur etwa dringend benötigte Schulpavillons in Zug binnen kürzester Zeit aufstellen. Er exportierte seine schlüsselfertigen und teils «von der Badewanne bis zum letzten Farbanstrich» am Fliessband produzierten Raumelemente nach Nordafrika und Südamerika. Ja, der kühne Erfinder baute anno 1968 sogar luxuriöse Einfamilienhäuser – wie die Villa Mijnssen in Zug an der Artherstrasse. Exklusive Verdichtung im Lego-Prinzip sozusagen.

«Toblerone» lässt grüssen

Wobei Stucky auch andere repräsentative «Landmarks» insbesondere in Zug zu errichten wusste – wie etwa die Hochhäuser Leimatt in Oberwil (1961/1962). Diese wegen ihrer dynamischen Dreiecksform im Volksmund auch «Toblerone-Häuser» genannten Gebäude zählen heute noch mit zum ästhetisch Anspruchsvollsten, was in Sachen Hochhäusern in Zug gebaut worden ist. Ein gelungener Solitär von Stucky und Meuli ist sicherlich auch das Haus am Bohlgutsch (1956–57) – eine Künstlervilla, die nicht nur durch ihre eigenwillige Bauweise und durch ihre spezielle Ausgerichtetheit von Räumen und Terrassen besticht. Überzeugend wirkt ihre Gesamtkomposition, die wie ein Teil der Landschaft figuriert. «Stucky war ein wahnsinnig leidenschaftlicher und begeisterungsfähiger Architekt», sagt Hugo Sieber. Wobei ihm nicht zuletzt die wirtschaftliche Seite an der Architektur des Zugers gefällt. «Denn eine Architektur wird besser, wenn sie wirtschaftlich ist», ist der ehemalige Bauforum-Präsident überzeugt. 1969 wurde das Architekturbüro Stucky und Meuli aufgelöst. Der damals 40-Jährige firmierte fortan alleine in Zug weiter. Sein Tatendrang war ungebrochen. Und er missionierte die Welt weiter mit seinen «Variel»-Systemen. Unter anderem in Gestalt bunter Wohnblöcke in der Pariser Banlieue. Aber auch in Form funktionaler Altersheime und Krankenhausbauten in der Schweiz.

«Mein Vater war ein Mensch, der vor Energie, Tatendrang und Ideen nur so sprühte», würdigt Christina Stucky ihren Vater am Tag vor seiner Beerdigung. Manchmal als Kind sei es fast ein bisschen anstrengend gewesen, weil ihr Vater scheinbar immer in Aktion gewesen sei: Skifahren, Segeln, seine Filme schneiden, manchmal auch zu Hause an Plänen zeichnen. «All diese Sachen machte er mit Leidenschaft», sagt die 49-Jährige. «Mir wurde über die Jahre immer mehr bewusst, wie kreativ er als Architekt war, wie ihm das Stillsitzen nicht nur physisch schwer fiel, sondern auch geistig.» Er habe immer neue Ideen und Projekte entwickelt. «Bis in die 80er-Jahre, auch als es ihm physisch nicht mehr gut ging, überlegte er sich», so Christina Stucky, «wo und wie das ‹Variel›-System noch eingesetzt werden könnte.» 1982 schliesslich entstand die Terrassenhaussiedlung Seepark in Cham. Dort wohnte er fast bis zuletzt.