ARCHITEKTUR: Verschmähte Stararchitekten

Kollhoff, Herzog & de Meuron, Zumthor, Calatrava — eine illustre Schar an Stararchitekten. Sie haben eines gemeinsam: In Zug waren sie alle heiss begehrt. Doch bauen durften sie am Ende nicht. Warum eigentlich?

Wolfgang Holz
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Das Projekt von Calatrava. (Bild: pd)

Das Projekt von Calatrava. (Bild: pd)

Wolfgang Holz

Das war sicher ein Schock für Señor Calatrava: Die Gemeinde Cham will die bei ihm in Auftrag gegebene Lorzenbrücke nun doch nicht. Zu teuer erscheint den Gemeinderäten das Bauvorhaben, die offensichtlich plötzlich kalte Füsse bekommen haben. Die zu viel Ungemach fürchten von Anwohnern und Stimmbürgern bei der Gemeindeversammlung im Dezember.

«Ich finde es schade, dass man das Calatrava-Projekt im Vorfeld einfach so gekippt hat, und die Stimmbürger nicht wenigstens öffentlich darüber diskutieren durften – schon allein dieser Prozess hätte Qualität gehabt», kritisiert Thomas Baggenstos, der selbst Chamer ist, Architekt und Präsident des Bauforums Zug. Wäre es dann abgelehnt worden, hätte das Volk eben darüber befunden. So wie anno 2007, als die Chamer über die beiden Hochhaustürme von Herzog & de Meuron im Schlosspark von St. Andreas abstimmen konnten. Diese 35 exklusiven Wohnungen wurden damals mit klarer Mehrheit abgelehnt – weil die Ennetseer zum einen um ihre Seeuferzone als Erholungsraum, zum anderen um die ungetrübte Feststimmung im Hirschgarten fürchteten. Das Calatrava-«Lorzenbrücklein» ist aus der Sicht von Baggenstos letztendlich gescheitert, weil ihm ein «Götti» gefehlt habe, der bereit gewesen sei, es über die Hürden behördlicher Instanzen und Einsprachen auf den Weg zu bringen.

Ein schwieriges Pflaster?

Fehlt Zug also der Mut zu gewagteren Bauten internationaler Dimensionen? Baggenstos: «Für solche Projekte braucht es einen Bauherrn mit Visionen. Und in Zug ist vielleicht noch ein bisschen mehr Schnauf gefordert als anderswo, um solche Visionen am Ende durchzubringen.» Der Grund also, warum es in Zug Stararchitekten nicht so leicht haben? «Eine Gesellschaft bekommt das, was sie verdient – und wenn in Zug mehr Wert auf Rechtssicherheit, Kontrolle und Understatement gelegt wird, muss man das akzeptieren.»

Ohne Kollhoff

Calatrava ist nicht der einzige Stararchitekt, der in Zug plötzlich im Abseits stand. Beispiel Kollhoff und der Park Tower. Bekanntlich wurde Anfang 1990 in der Stadt Zug ein internationaler städtebaulicher Ideenwettbewerb für das Areal nördlich der Gubelstrasse durchgeführt. Grundeigentümer war und ist die Siemens Schweiz AG. Als Sieger ging das Projekt Foyer des Berliner Architekten Hans Kollhoff hervor. Der Deutsche gehört zu den profiliertesten Architekten weltweit und hat unter anderem auf dem Potsdamer Platz in Berlin im Auftrag der Daimler Chrysler AG ein Hochhaus im New Yorker Backsteinstil errichtet. Doch in Zug ist dem Professor für Architektur, der auch 22 Jahre an der ETH Zürich lehrte, sein Profil offensichtlich in die Quere gekommen. Denn als Sieger des Wettbewerbs durfte er kein einziges Gebäude bauen – nicht einmal das Hochhaus. Dessen Höhe hatte er mit 99 Metern veranschlagt – was für Zug als zu hoch befunden wurde. Aufgrund von neuen Standortprioritäten und der daraus folgenden neuen Gesamtplanung stoppte man den Projektprozess schliesslich. Erst 2007 wurde die Planung wieder aufgenommen. Ohne Kollhoff.

Es fehlt das gewisse Etwas

«Man kann nicht sagen, dass Kollhoff gescheitert ist», sagt Zugs Stadtplaner Harald Klein. Denn das Areal sei im Prinzip, so wie der deutsche Stararchitekt es sich ausgedacht hatte, mit «gewissen Änderungen» verwirklicht worden. Man habe es von der Stadt Zug allerdings bedauert, dass Kollhoff keinen Bauauftrag von Siemens bekam. «Denn wir hätten uns beispielsweise für das Hochhaus schon einen Detaillierungsgrad mit höherer Qualität gewünscht», bekennt Klein. Sagts und meint damit, dass der Fassadenarchitektur des Park Towers – eine Art Mies van der Rohe-Imitat mit durchschnittlicher Anmutung mit Billig-Fensterteilen made in China – das gewisse Etwas fehle. Dabei sollte der Park Tower mit seinen 81 Metern ja die augenblickliche «landmark» in Zug sein.

Diskussion fehlt

Klein vermisst in Zug generell bei Bauherren, «die ja im Grunde wissen, dass sich Neubauten zumeist gut verkaufen», eine gewisse Experimentierfreude. Problematisch findet der Zuger Stadtplaner auch: Trotz des anhaltenden Baubooms habe sich in Zug keine Kultur der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Architektur entwickelt.

Befindet sich Zug also in Sachen Architektur im Prinzip immer noch auf dem provinziellen Denkniveau einer Kleinstadt, in der es unterm Strich nur ums Geld geht? Denn auch das Feldhof-Quartier war einmal anspruchsvoller geplant, bis es wegen Details – Kunst am Bau etwa – zu Zerwürfnissen mit dem Investor kam. «In Basel wird über städtebauliche Konzepte und Neubauprojekte gestritten, und es werden innovative Projekte umgesetzt», versichert Klein. In Zug dienten dagegen oft rationale Kriterien wie Kostengünstigkeit und wie Rendite als hauptsächliche Entscheidungsgrundlage für einen Bau. «Dabei ist längst bewiesen: Gute Architektur muss nicht teuer sein.» Vielleicht gilt auch einfach, was der in Zug verschmähte Kollhoff 2014 in seinem lesenswerten Essay «Architektur. Schein und Wirklichkeit» geschrieben hat: «Ein Haus zu bauen ist heute nicht ganz einfach» (...) «gegenüber einer Bauherrschaft, die es natürlich immer gross und schnell und billig haben möchte und bei der man oft den Bauherrn als Person vergeblich sucht.»

Beschwerlicher Weg

Manchmal vergeht qualitätsbewussten Investoren mit genügender Kapitalisierung auch selbst die Lust am Bauen mit prominenter Entourage. Siehe Novartis. Der Pharma-Riese wollte mit Peter Zumthor als architektonischem Flaggschiff ein ähnlich repräsentatives Ausbildungszentrum wie Roche in einer lauschigen Bucht am Zugersee realisieren. Zwar brachten Umzonierungen und die Verlegung der Seeuferschutzzone sowie einer Strasse zahlreiche Zuger schnell auf die Barrikaden. Doch gegen das geniale Projekt Zumthors gab es eigentlich nichts Grundsätzliches einzuwenden – denn der Bündner Stararchitekt ist ja gerade ein Meister der Melange von Natur und Architektur.

«Die neue Novartis-Spitze hat sich umentschieden und wollte den steinigen Weg der Rechtsmittelverfahren nicht weitergehen», sagt Landammann und Baudirektor Heinz Tännler. Er ist überzeugt, dass man den Weg durch die Instanzen am Ende gewonnen hätte. «Das Ausbildungszentrum war letztlich ein Kind von Vasella, und nach dessen Weggang legten seine Nachfolger eben andere Schwerpunkte.»

Das Projekt von Herzog & Meuron. (Bild: pd)

Das Projekt von Herzog & Meuron. (Bild: pd)