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Assistenzärztin spricht von Mobbing im Zuger Kantonsspital

Willkürliche Bewertungen, zu viel Stress und eine schlechte Fehlerkultur – zwei ehemalige Assistenzärzte sprechen über die Arbeitsbedingungen im Kantonsspital Zug.
Fabian Gubser
Das Hauptgebäude des Kantonsspitals Zug. (Bild: PD/Kantonsspital Zug)

Das Hauptgebäude des Kantonsspitals Zug. (Bild: PD/Kantonsspital Zug)

«Menschlichkeit und Professionalität prägen unseren Alltag» heisst es auf dem Webauftritt des Zuger Kantonsspitals. Im Widerspruch zu dieser Aussage stehen die Erfahrungen von zwei ehemaligen Assistenzärzten.

Was sie erlebten, ist kein Einzelfall: Andere angehende Ärzte aus Zug haben über ähnliche Erfahrungen in anderen Kantonen berichtet. Medienberichte machen deutlich, dass es sich um ein schweizweites Problem handelt. Offen gesprochen über die fragwürdigen Arbeitsbedingungen wird nicht. Zu übersichtlich ist die Landschaft der Schweizer Spitäler. Zu gross die Angst, als faul oder unmotiviert zu gelten.

«Schwarze Schafe» und «Superhelden»

Lisa (*) wirkt erleichtert, als sie über ihre Erfahrungen sprechen kann. Auf der «Inneren Medizin» im Zuger Kantonsspital sei von Anfang an viel zu tun gewesen – sie habe aber gut mit der Belastung umgehen können. Jedoch merkte Lisa plötzlich, dass gewisse Kolleginnen und Kollegen es viel weniger streng hatten, während sie selbst viel mehr «getrimmt» worden ist. Wieso? «Vom Chef wurde entschieden, wer es kann oder nicht. Für mich waren seine Kriterien nicht nachvollziehbar.» Es habe die «schwarzen Schafe» und die «Superhelden» gegeben. Bei den zuerst genannten habe man jeden Fehler gesehen, wohingegen die letztgenannten seltener kontrolliert worden wären.

In der Hoffnung, sich aus der zugeteilten Rolle zu befreien, schlug Lisa auch am Wochenende ihre Lehrbücher auf und lernte an den freien Tagen regelmässig fünf Stunden lang. Trotzdem war es ausgerechnet sie, welche die «Superhelden» unter der Woche unterstützte, wenn sie einen Rat brauchten. «Das Krasse ist, das alle mitmachten. Obwohl das ganze Team Angst vor unserem Chef hatte.»

Nach drei Monaten wurde Lisa in die Notfallstation eingeteilt – das Arbeitsklima besserte sich jedoch nicht. «Der Horror.» Die Oberärzte seien sehr gestresst gewesen, besonders durch die Aufgabe, Anfänger einzuführen. Bei ihrer jetzigen Stelle in einem Spital findet der Wechsel in die anspruchsvollere Notfallstation erst nach sechs Monaten statt.

Von Fehlern erfahre man Wochen später

Marco (*) war ebenfalls als Assistenzarzt am Zuger Kantonsspital tätig. Er möchte nicht erzählen, in welcher Station er gearbeitet hat. Zu gross ist die Angst davor, dass ihm daraus Nachteile für seine Karriere entstehen könnten. Auch er hat viel Druck erlebt, sei nach seiner Einführung von gerade mal zwei Tagen für 16 Patienten verantwortlich gewesen. In anderen Spitälern hingegen besetze man die Stellen von Anfängern mindestens zwei Wochen lang doppelt.

Besonders gestört hat ihn der Umgang mit Fehlern: «Die Fehlerkultur ist schlimm» sagt Marco. Chefärzte besprechen gemäss seinen Erfahrungen Missgeschicke in Abwesenheit der Assistenzärzte. Rückmeldungen gebe es informell beim Mittagessen oder allgemein an alle angehenden Ärzte – oft sind dann aber schon mehrere Wochen vergangen. Anders sehe es im neuen Spital aus, in dem Marco zurzeit angestellt ist. «Dort setzen wir uns gemeinsam mit den Vorgesetzten und der Pflege an den Tisch, um zu schauen, was wir nächstes Mal besser machen können.» Positives Feedback habe er in Zug selten bekommen.

Die 65-Stunden- Woche

Ein grosses Thema bei den Assistenzärzten sind die Arbeitszeiten. «Man kann nichts planen», sagt Lisa dazu. Oft arbeite man zwei Mal fünf Tage nacheinander, mit nur einem Tag Pause dazwischen. Überdies müsse man jeden einzelnen privaten Termin – wie ein Abendessen mit Freunden – im Vorhinein bei der Chefarztsekretärin, die den Arbeitsplan erstellt, melden. Trotzdem sei Lisa dann mehrmals in eine für sie unpassende Schicht eingeteilt worden. Als Lisa deswegen reklamierte, zeigte ihr Chef kein Verständnis. Während der ersten Monate begann der Tag von Marco im Krankenhaus um 7 Uhr. Abends verliess er es nicht vor 22 Uhr. Marco schätzt, dass er im ersten Halbjahr wöchentlich im Schnitt 65 Stunden gearbeitet hatte. Lisa ebenso. Laut Arbeitsgesetz ist das nicht erlaubt. «Du bist in einem Hamsterrad», ergänzt Lisa, die teilweise nicht mal Zeit für den Gang zur Toilette gehabt hätte.

Wie könnten die Probleme gelöst werden? Beide, Lisa und Marco, sind der Ansicht, dass mehr ärztliches Personal benötigt werde. Lisa verweist auf die Pflege: «Dort funktioniert es, sie können sich pünktlich ablösen.» Viele Aufgaben der Ärzte könnten auch delegiert werden, sagt sie. Dies sei bis jetzt im Zuger Kantonsspital kaum der Fall. Weiter müsse man endlich Lösungen finden, damit nur diejenigen zur Notfallstation kommen, die dringend Hilfe benötigen. Die Mehrheit der Fälle seien Bagatellen und raubten den Ärzten wertvolle Zeit. Lisa wünscht sich eine bessere Betreuung. Sie fühlte sich ausgenutzt, da man viel von ihr verlangt habe, gleichzeitig sei sie aber kaum angeleitet worden. Es hiess: «Lies doch nach» oder «das hast du doch im Studium gelernt». Man sei als dumm hingestellt worden. Sie betont, dass das Spital einen Lehrauftrag habe.

Externe Stelle für Hilfe aufgesucht

Weil sich Marco überlastet fühlte, suchte er während seiner Zeit in Zug eine externe Stelle auf, um Hilfe zu erhalten. Heute arbeitet er in einem anderen Spital – in diesem fühle er sich wohl. «Ich würde mich im Nachhinein nicht mehr beim Kantonsspital Zug bewerben», sagt er. Auch Lisa ist mittlerweile an einem anderen Ort tätig, den sie als angenehm beschreibt. Auch sie fühlte sich in Zug überfordert. Auch sie vereinbarte deswegen eines Tages einen Termin mit einer externen Stelle. Diese Stelle habe der Situation, in der sie sich befunden hätte, einen Namen gegeben: Mobbing. Ihr Selbstbewusstsein sei weg gewesen, erzählt Lisa im Nachhinein. Wenig später trat sie eine neue Stelle an.

Kantonsspital weist die Vorwürfe zurück

Wie stehen die Verantwortlichen des Zuger Kantonsspitals zu den Vorwürfen? Der Chefarzt der Medizinischen Klinik («Innere Medizin») weist den Mobbing-Vorwurf «entschieden» zurück. An der Medizinischen Klinik werde keine Diskreditierung und Verletzung der fachlichen oder persönlichen Integrität ärztlicher Mitarbeitender geduldet. Wenn er bei den Beurteilungsgesprächen Kritik anbringe, bleibe er stets sachlich – «alles andere wäre unprofessionell». Spitaldirektor Matthias Winistörfer ergänzt, dass Mitarbeitende sich vertraulich an eine interne Stelle wenden könnten, wenn sie sich von Mobbing betroffen fühlten.

Die Assistenzarztvertreter, Stefan Malesevic und Flavio Gössi, widersprechen den anonym erhobenen Vorwürfen: «Wir führen alle 3 Monate ohne Anwesenheit von Kaderärzten eine Teamsitzung durch. Probleme und Konfliktpunkte werden von uns aufgegriffen und gegenüber dem Chefarzt vertreten. Mobbingvorwürfe waren bisher nie ein Thema. Im Grossen und Ganzen herrscht eine sehr gute Stimmung.» Die Zufriedenheit widerspiegelt sich auch in der jährlich durchgeführten anonymen Befragung der Assistenzärzte zur Weiterbildungsqualität, die von der ETH Zürich schweizweit durchgeführt wird. Der Umfragebogen wurde im Jahr 2018 von 96 Prozent aller ärztlichen Mitarbeitenden der medizinischen Klinik ausgefüllt. In der Globalbeurteilung (Noten 1 bis 6) schloss die medizinische Klinik mit 5.4 im Vergleich zu anderen Kliniken überdurchschnittlich gut ab. «Wir pflegen einen sehr offenen Umgang mit medizinischen Fehlern», sagt Winistörfer. Aus medizinischen Gründen müssten Fehler oft rasch korrigiert werden. Erfolge dies in Abwesenheit des betreffenden Assistenzarztes, werde ihm dies so bald wie möglich «adäquat» kommuniziert.

Die Dienstpläne basierten auf einer wöchentlichen Arbeitszeit von knapp 50 Stunden. Aufgrund der medizinischen und organisatorischen Fähigkeiten der Assistenzärzte sowie des Patientenanfalls könnten sich Mehr- oder Minderstunden ergeben. «Die Qualität der Versorgung in unserem Notfallzentrum beurteilen wir als gut», betont Winistörfer. Die dort tätigen Assistenzärzte werden von Kaderärzten unterstützt und weitergebildet. Auch nachts sei immer mindestens ein Kaderarzt anwesend.

Übermüdung gefährdet laut Studie die Patientensicherheit

(gub) Das Arbeitsgesetz besagt seit 2005, dass Assistenzärzte nicht mehr als 50 Stunden pro Woche arbeiten dürfen. Dies gilt auch für die meisten Oberärzte. Eine repräsentative Umfrage, die 2017 im Auftrag des Verbands der Schweizerischen Assistenz- und Oberärztinnen und –Ärzte (VSAO) durchgeführt wurde, ergab: 52 Prozent halten die Höchstarbeitszeit nicht ein. Sie sind bei einem Vollzeitpensum im Schnitt fast 56 Stunden pro Woche im Dienst. «Das Arbeitsgesetz wird in den Spitälern folglich weiterhin regelmässig missachtet», schrieb der Verband in einer Mitteilung.

Zudem beurteilten die Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte ihr persönliches Befinden heute als schlechter als vor drei Jahren. Dies wirke sich direkt auf die Patientensicherheit aus: Die Hälfte der Befragten berichtete von Situationen, in welchen Patientinnen und Patienten durch die berufsbedingte Übermüdung von Ärztinnen und Ärzten gefährdet waren.

Überflüssige Aufgaben delegieren

Laut einer Studie wenden Ärztinnen und Ärzte im Spital nur rund ein Drittel ihrer Arbeitszeit direkt für die Patientinnen und Patienten auf. «Einen grossen Teil des Tages verbringen sie mit administrativen Arbeiten», schreibt der VSAO auf seiner Website. Mit der Kampagne «Medizin statt Bürokratie» will VSAO auf die Problematik aufmerksam machen und den Spitälern konkrete Lösungsansätze aufzeigen. In einer dazugehörenden Borschüre nennt der Verband folgende Vorschläge: Berichte könnten diktiert werden, anstatt sie selbst zu schreiben. Der Zugang auf die Spital-Informatik sollte auch von ausserhalb des Spitals möglich sein. Weiter könnte ein Stationssekretariat, das die Laborbefunde oder Kostengutsprachen der Krankenkassen einholt, die Ärztinnen und Ärzte entlasten.

Hinweis: (*) Namen geändert

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