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Zuger Assistenzärzte fordern mehr Entlastung

Nach dem Medizinstudium übernehmen angehende Ärztinnen und Ärzte Verantwortung für Menschenleben – fast ohne praktische Erfahrung. Teilweise fragwürdige Arbeitsbedingungen erschweren den Berufseinstieg. Zwei Zugerinnen und ein Zuger berichten.
Fabian Gubser
Angehende Mediziner arbeiten teilweise mehr als 60 Stunden in der Woche – auch wenn das gegen das Arbeitsgesetz verstösst. (Symbolbild: Gaetan Bally/Keystone)

Angehende Mediziner arbeiten teilweise mehr als 60 Stunden in der Woche – auch wenn das gegen das Arbeitsgesetz verstösst. (Symbolbild: Gaetan Bally/Keystone)

Es ist neun Uhr abends. Ab jetzt ist Michelle* auf sich alleine gestellt. Die Zugerin hat Nachtdienst auf der Notaufnahme in einem kleinen bernerischen Regionalspital. Gerade beurteilen Pflegefachpersonen die ankommenden Patienten nach der Schwere ihres Leidens. Danach werden sie Michelle zugewiesen. Sie muss entscheiden, ob es sich beispielsweise um eine Lappalie handelt – was oft vorkommt – oder, was selten der Fall ist, sofortiges Handeln nötig ist.

Wenn Michelle nicht mehr weiter weiss, ruft sie ihre Oberärztin im Bereitschaftsdienst an, die bei dringenden Fällen auch mal zum Krankenhaus fährt. «Am Anfang hast du mega Schiss», sagt Michelle. Sie ist jetzt seit einem Jahr Assistenzärztin. Mittlerweile habe sie sich an die besondere Verantwortung gewöhnt, die sie nachts tragen muss.

Drei unterschiedliche Spitäler, ähnliche Erfahrungen

Der Weg zum Arzt ist lang: Nach dem sechsjährigen Studium sind angehende Mediziner etwa sechs Jahre lang als Assistenzarzt tätig, in denen sie eine ellenlange Liste an Eingriffen und Fortbildungen abarbeiten, bevor sie sich Facharzt in ihrem Gebiet nennen dürfen. Eigentlich ist der Begriff Assistenzarzt irreführend, denn die angehenden Mediziner assistieren nicht nur, vielmehr wird von ihnen erwartet, dass sie einfache Fälle nach kurzer Zeit selbst behandeln. Wie eine Reportage des Online-Magazins «Coup» von 2017 deutlich macht, fällt den jungen Ärztinnen und Ärzten der Berufseinstieg nicht leicht. Neben der grossen Verantwortung für die Gesundheit ihrer Patienten müssen sie sich auch an schwierige Arbeitsbedingungen gewöhnen. Erleben das Zuger Assistenzärzte auch so? Jein, lautet der Eindruck nach dem Gespräch mit zwei Zugerinnen und einem Zuger. Ihre Erfahrungen sind ähnlich, aber nicht gleich.

Vier Tage dauerte bei Michelle die Einführung: «Man wird ins kalte Wasser geworfen und lernt zu schwimmen.» Tamara*, die nach dem Studium seit einem Jahr in einem kleinen Krankenhaus in der Zentralschweiz arbeitet, findet, dass die Oberärzte von ihr am Anfang Unmögliches erwarteten und erinnert sich, wie sie in ihrer zweiten Arbeitswoche montags während der Visite vom Oberarzt wüst angefahren wurde, weil sie die Krankheitsgeschichte eines Patienten nicht kannte. Dieser war übers Wochenende eingeliefert worden: Michelle konnte sie also gar nicht kennen.

«Du nimmst dir das, was sie sagen, zu Herzen, willst es gut machen, bist zwölf Stunden dort, aber es ist nicht gut genug.»

Ob Michelle sich gewehrt habe? Nein. «Man sagt nichts, es ist ja nicht böse gemeint.» Konfrontiert mit derart hohen Erwartungen ist es kein Wunder, dass sich Assistenzärzte anfangs ins Zeug legen, um möglichst schnell viel zu lernen. Linus* zum Beispiel wusste, wann er ein Röntgenbild benötigte – wie er an eines gelangte aber nicht. Er fand nach seinem Studium einen Job bei einem grösseren Spital in der Zentralschweiz und arbeitete während der ersten vier Monate mehr als 60 Stunden in der Woche. Mittlerweile kommt er selten über die gesetzlich erlaubten 50 Stunden hinaus. Auch Michelle arbeitet im Schnitt ungefähr so viel. Sie sagt, das Pensum auf dem Arbeitsplan sei oft geringer als das tatsächlich geleistete, sonst würde man das Arbeitsgesetz verletzen. Die ihr im Vertrag versprochenen acht Stunden Weiterbildung pro Monat existierten nur auf Papier. Ab und zu stelle es eine Herausforderung dar, überhaupt noch Essen einkaufen zu können. Allerdings kommt die Motivation, Überstunden zu leisten, nicht allein von innen. Tamara sagt: «Du fühlst dich schlecht, wenn du vor den Oberärzten Feierabend machst.» Manchmal sei sie etwas neidisch auf ihre Kollegin, die als Primarlehrerin mit deutlich weniger Arbeitsstunden einen höheren Lohn erhalte. Durchschnittlich verdienen die angehenden Mediziner in der Schweiz 101 000 Franken pro Jahr.

Ein Debriefing wird nicht überall durchgeführt

Das Schlimmste, was einem Arzt wohl passieren kann, ist der Tod seines Patienten. «Du kommst menschlich an deine Grenzen», kommentiert Michelle, als sie erzählt, wie sie in der Notaufnahme einen 60-jährigen Mann erfolgreich reanimierte. Obwohl der Patient beinahe starb, hätten daraufhin alle weitergemacht, als wäre nichts passiert. Das fiel Michelle schwer. Seit damals würde sie sich wünschen, dass nach solch gravierenden Fällen ein sogenanntes Debriefing stattfinden muss. Das ist eine Besprechung im Team, um das soeben Geschehene verarbeiten zu können. Bis jetzt hat sie ihre Vorgesetzten jedoch noch nicht darum gebeten, da man in ihrem Spital gegenüber den Oberärzten (diese haben bereits den Facharzt-Titel) nicht über seine Emotionen spreche, und wenn doch, gelte man als schwach. «Niemand interessiert sich für dich», sagt Michelle. Bei Linus hingegen findet ein solches Debriefing immer statt – sofern die Zeit dazu vorhanden ist.

Die meisten Ärzte bleiben ihrem Beruf treu

Ungefähr 37'000 Ärzte arbeiten in der Schweiz. Jeder dritte kommt aus dem Ausland. Von diesen wiederum stammen mehr als die Hälfte aus Deutschland. Trotz der hohen Ansprüche des Berufs bleibt die grosse Mehrheit dem Beruf treu: Laut einer 2016 publizierten Studie wechselt vor der Pension rund jeder zehnte Arzt den Job. Als Hauptgrund werden die hohen Arbeitspensen und die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf angegeben. Für die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte und den Verband der Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO), welche die Studie in Auftrag gaben, ist dieser Wert «relativ tief», trotzdem sei «jeder Ausstieg einer zu viel». Der VSAO fordert aus diesem Grund attraktivere Arbeitsbedingungen, mehr Teilzeitstellen auf allen Hierarchiestufen, betriebsnahe Kinderbetreuungsplätze und eine Reduktion des administrativen Aufwandes.

Alle drei befragten Zuger Assistenzärzte hätten zur Entlastung gerne zusätzliche Stellen in ihrem Team. Denn bei kleineren Spitälern wie bei Michelle und Tamara bringe der Ausfall eines Arztes oft die ganze Planung durcheinander. Habe man da selbst gerade Ferien, reise man mit einem schlechten Gewissen ab, erzählt Tamara. Schlimmer als die langen Arbeitstage sei für sie jedoch diese Unplanbarkeit, wenn man beispielsweise drei Monate lang nicht wisse, ob man Ferien nehmen kann. Von exakt derselben Erfahrung erzählt Michelle. Im Gegensatz dazu erhält Linus seinen Arbeitsplan immer ein halbes Jahr im Voraus.

Trotz den teilweise fragwürdig erscheinenden Arbeitsbedingungen schätzen die drei Zugerinnen und Zuger, dass die Zeit während der Arbeit wie im Fluge vergeht und durch den hohen Druck die Lernkurve ziemlich steil ist. Das motiviere. Die drei Assistenzärzte sind sich auch einig über die Sinnhaftigkeit ihres Berufs: Das Gefühl, helfen zu können, sei sehr schön. Michelle formuliert es so:

«Es gäbe viele schöne Momente, aber man kann sie durch die knappe Zeit gar nicht alle wahrnehmen.»

Ob die Forderung nach zusätzlichen Stellen im Kontext der steigenden Gesundheitskosten eine realistische ist, sei dahingestellt. Sicher ist – wie auch der bereits genannte Medienbericht aufzeigt –, dass die heutige Generation von Assistenzärztinnen und Assistenzärzten ihr Leben nicht nur im Spital verbringen möchte. Wenn die Arbeitsbedingungen geändert werden sollen, müssten nicht nur die Spitäler, sondern auch die angehenden Ärztinnen und Ärzte selbst für bessere Arbeitsbedingungen einstehen. Im leistungsorientierten Umfeld eines Spitals scheinen es solche Forderungen jedoch eher schwer zu haben.

*Namen von der Redaktion geändert.

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