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Abbruchliegenschaften als Asylunterkünfte: Bis wann ist ein Haus noch bewohnbar?

Die Wohnbedingungen in zwei Häusern an der Hauptstrasse ins Ägerital sind teils grenzwertig – der Kanton bringt hier Flüchtlinge unter. Er ist auf solch billige Objekte angewiesen.
Christopher Gilb und Rahel Hug
Das Haus an der Zugerstrasse 91 gilt als Schandfleck. (Bild: Werner Schelbert, Unterägeri, 5. Januar 2018)

Das Haus an der Zugerstrasse 91 gilt als Schandfleck. (Bild: Werner Schelbert, Unterägeri, 5. Januar 2018)

Immer wieder werde er von Besuchern auf das offensichtlich bewohnte Abbruchhaus an der Zugerstrasse 91 nach der Ortstafel angesprochen, schreibt Leser Bruno Hofer aus Unterägeri. Gemeint ist das Haus mit der bröckelnden und stark verfärbten Fassade, einer kaputten Briefkastenanlage und zum Teil mit Brettern zugenagelten Fenstern. Die Fragen seien immer die gleichen: «Was ist das für ein schreckliches Haus? Leben dort wirklich Leute? Wer profitiert von diesem Schandfleck als Vermieter und was unternehmen die Behörden, um diesen Missstand zu beseitigen?»

Die Briefkästen an der Zugerstrasse 91 - eine Abdeckung fehlt. (Bild: Christopher Gilb, Unterägeri, 26. September 2019)

Die Briefkästen an der Zugerstrasse 91 - eine Abdeckung fehlt. (Bild: Christopher Gilb, Unterägeri, 26. September 2019)

Zehn Personen mit einem negativen Asylentscheid, also sogenannte Nothilfeempfänger, leben im abbruchreifen Haus in Unterägeri. Sie können etwa die Schweiz nicht verlassen, weil sie aus einem Land wie Marokko stammen, das derzeit keine Flüchtlinge zurücknimmt. Auf Fragen zu den Minimalstandards für Wohnungen von Flüchtlingen verweist die Leiterin des kantonalen Sozialamts Jris Bischof auf die entsprechende Verordnung des Kantons. Dieser zufolge haben vorläufig aufgenommene Flüchtlinge beispielsweise einen Anspruch auf Internetzugang, abgewiesene nicht. Anspruch auf Grundlegendes wie ein Bett und einen Kühlschrank wiederum haben beide Gruppen.

Die Klingel am abbruchreifen Haus verdient ihren Namen nicht. (Bild: Christopher Gilb, Unterägeri, 26. September 2019)

Die Klingel am abbruchreifen Haus verdient ihren Namen nicht. (Bild: Christopher Gilb, Unterägeri, 26. September 2019)

Unterkünfte für Nothilfeempfänger, so Bischof, seien immer «von einfachstem Standard» und durch den Kanton möglichst kostengünstig in Miete und Unterhalt zu wählen. Denn je nach Komplexität des Ausweisungsverfahrens stellt der Bund dem Kanton pro Person nur eine einmalige Pauschale von 400 bis maximal 6000 Franken zur Verfügung. Damit muss aber alles bezahlt werden: Miete, Arztkosten, Lebensmittel et cetera – und das teils monatelang.

Auch der Gemeinde ein Dorn im Auge

Das Haus an der Zugerstrasse 91 ist auch der Gemeinde ein Dorn im Auge, wie die Nachfrage beim Gemeindepräsidenten Josef Ribary zeigt. «Ich bekomme fast jede Woche Mails mit Fragen zu diesem Gebäude», sagt er. «Es ist eines der ersten Häuser kurz vor dem Eingang ins Tal.» Man stehe schon länger in Kontakt mit der Eigentümerschaft. «Uns wurde versichert, dass bald Bewegung in die Sache kommt.» Er sei froh, wenn «endlich etwas geht», so Ribary. Im Innern des Hauses war er selber noch nie. Auf die Wohnbedingungen angesprochen, sagt er: «Das ist Sache des Kantons, wir haben mit der Vermietung von Wohnungen an Asylbewerber nichts zu tun.» Aus Sicht von Ribary ist nichts Verwerfliches daran, ein Haus, in dem sonst niemand wohnen wolle, als Asylunterkunft zur Verfügung zu stellen. «Das ist legitim, der Kanton hat hier seine Regeln.»

Insgesamt sind 92 Flüchtlinge aufgeteilt auf 15 Immobilien in der Gemeinde Unterägeri untergebracht. Im Kanton Zug gilt die Regel, dass primär der Kanton für die Anmietung der Objekte zuständig ist. Erst wenn dieser nicht genügend findet, müssen die Gemeinden welche zur Verfügung stellen. Flüchtlinge leben auch im Haus an der Zugerstrasse 103, das sich nur ein paar hundert Meter entfernt vom «Schandfleck» an der Strasse Richtung Neuägeri befindet.

Das Haus an der Zugerstrasse 103. (Bild: Christopher Gilb, Unterägeri, 26. September 2019)

Das Haus an der Zugerstrasse 103. (Bild: Christopher Gilb, Unterägeri, 26. September 2019)

Es ist ebenfalls von aussen nicht mehr in einem guten Zustand, aber sieht im Vergleich zum Gebäude mit der Nummer 91 noch nicht baufällig aus. Ein Mann aus Syrien gibt der «Zuger Zeitung» Einblick. Er lebt hier gemeinsam mit fünf anderen Männern, sie stammen aus Eritrea oder Tibet. Die einen sind anerkannte Flüchtlinge, die anderen haben den Status «vorläufig aufgenommen». Abhängig vom Status der Klienten stehen den Sozialen Diensten entweder 261,82 Franken oder 381,20 Franken pro Person und Monat für die Mietkosten zur Verfügung. «Wir mieten vorwiegend Altbauten, Abbruchobjekte und Objekte, die zwischengenutzt werden können, bis sie renoviert werden», sagt Jris Bischof.

In den Wintermonaten wird es kalt

Im Haus Zugerstrasse 103 geht es über einen fleckigen Teppich in einem engen Treppenhaus in den ersten Stock, wo der Mann aus Syrien wohnt. Jeder der Bewohner hat ein eigenes kleines Zimmer, die WCs befinden sich auf dem Gang, gekocht wird in der Gemeinschaftsküche, die über das Nötigste verfügt. In dieser habe er am Anfang regelmässig Mäuse angetroffen, berichtet er. Er habe sich dann beschwert und ein Mittel zur chemischen Bekämpfung erhalten. Jetzt finde er auch noch Mäuse, aber tote. Sein Kollege aus Eritrea stösst dazu. «Kalt bei dir, oder?», fragt der Syrer den jüngeren Mitbewohner. «Noch nicht so», antwortet der Eritreer. Er bewohnt das Einzelzimmer im obersten Stock. «Letztes Jahr war das noch meines», klärt der Syrer auf, «es war so kalt, dass ich im Winter regelmässig krank wurde und Fieber hatte.»

Das Treppenhaus im Gebäude an der Zugerstrasse 103. (Bild: Christopher Gilb, Unterägeri, 26. September 2019)

Das Treppenhaus im Gebäude an der Zugerstrasse 103. (Bild: Christopher Gilb, Unterägeri, 26. September 2019)

Er geht einen Stock höher und klopft im kleinen Zimmer des Eritreers, das auf der Rückseite des Hauses liegt, an die Wand, was wohl heissen soll: schlecht isoliert. Er greift an die Heizung: Lauwarm, das genüge hier aber nicht. Als das Zimmer im zweiten Stock frei wurde, griff er sofort zu. Bisher friere er weniger. Eine Mütze trägt er trotzdem schon. Denn kühl, das entgeht einem auch als Besucher nicht, ist es im ganzen Haus. Eine Temperatur von 18 bis 21 Grad in der Küche respektive in Wohnräumen sei gemäss allgemeinen Empfehlungen tolerierbar, heisst es beim Sozialamt dazu. In der Übergangszeit komme es darauf an, wie die Heizungen eingestellt seien. Funktioniere eine nicht, werde dies gemeldet und behoben.

Die Flüchtlinge sind trotzdem ganz zufrieden. Der Eritreer war zuvor im alten Kantonsspital in Zug untergebracht, das Haus an der Zugerstrasse 103 bezeichnet er als Fortschritt. Am «schlimmsten» sei das Haus mit der Nummer 91, erklärt der Syrer, jenes für die Personen mit negativem Entscheid. Dann käme ihres und dann das Haus gegenüber an der Zugerstrasse 102, in dem Flüchtlingsfamilien leben. «Die haben es am besten.» Er und seine Freunde hoffen auf eine baldige Anstellung – auch, um eine andere Bleibe zu finden. Eine, die weniger abgeschieden ist und mehr Wohnkomfort bietet.

Blick in die Küche, die sich die Flüchtlinge teilen. (Bild: Christopher Gilb, Unterägeri, 26. September 2019)

Blick in die Küche, die sich die Flüchtlinge teilen. (Bild: Christopher Gilb, Unterägeri, 26. September 2019)

Haus soll nächstes Jahr saniert werden

Die hier beschriebenen Häuser gehören der SAE Immobilien AG, ehemals Spinnereien Ägeri. Anfang 2018 hatte ein Vertreter gegenüber unserer Zeitung gesagt, die Planung für die Sanierung des Hauses 91 sei weit fortgeschritten. Wie sieht es inzwischen aus? Geschäftsführer René Koch gibt Auskunft: «Das Haus Zugerstrasse 91 wird nächstes Jahr saniert», schreibt er. Für die Sanierung eines Gebäudes an einer solch exponierten Lage ziehe sich das Bewilligungsverfahren hin. «Es versteht sich von selber, dass deshalb nur die notwendigsten Reparaturen vorgenommen werden und eine (Zwischen-)Nutzung in Form einer Vermietung normal ist.» Zum Vorwurf, dass, anstatt eine Sanierung voranzutreiben, mit billigen und schlecht unterhaltenen Wohnungen Profit gemacht wird, äussert sich Koch wie folgt: «Solche Kritik hören wir weder von den Bewohnern noch vom Kanton.» Die Wohnungen seien günstig und bewohnbar. «Wir zwingen niemanden, diese Wohnungen zu mieten, im Gegenteil, wir haben laufend Anfragen nach solchen Objekten.»

Zur Frage, wie es im Innern des Hauses an der Zugerstrasse 91 aussieht, erklärt René Koch: «Der innere Zustand ist besser als der Eindruck von aussen denken lässt. Und vor der Vermietung an den Kanton wohnten Privatpersonen als Mieter in diesen Wohnungen.» Sämtlichen Anliegen werde umgehend nachgegangen. Und allgemein: Mäuse seien vor allem im Winter Normalfall in Hunderten Gebäuden im Kanton Zug. «Mit ein Grund sind unsachgemässe Aufbewahrung von Lebensmitteln und Hygiene allgemein.» Zu den Mieteinnahmen will sich der Geschäftsführer nicht äussern. Die Konditionen seien «sehr günstig», teilt das Sozialamt mit.

Bauvorhaben und Kraftwerksanierung trennen

Bekanntlich will die SAE Immobilien auch das Kraftwerk der Inneren Spinnerei an der Lorze sanieren. Kürzlich hat das Bundesgericht aber entschieden, dass die ehehaften, privaten Rechte durch Konzessionen abgelöst werden müssen, was Auswirkungen auf sämtliche Kleinwasserkraftwerke in der Schweiz hat. Dazu sagt René Koch: «Geplant war eine gleichzeitige Erneuerung des Kraftwerkes Unterägeri und des Hauses Zugerstrasse 91, damit die Bauinfrastruktur wie Kräne nur einmal erstellt werden müssen.» Voraussetzung wäre auch eine gleichzeitige Baubewilligung gewesen. «Nun müssen wir die Verwirklichung dieser beiden Bauvorhaben trennen, was auch die Baukosten und somit die Mieten in die Höhe treibt.»

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