ASYLWESEN: Kanton Zug will Integrationsvorlehre anbieten

Junge Migranten mit Bleibepotenzial sollen im Kanton eine Lehre machen können. Der Bund hat die Idee einer Integrationsvorlehre präsentiert. Zug ist auf den Zug aufgesprungen und hofft auf den Zuschlag.

Marco Morosoli
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Im Frühjahr fand im Asylzentrum auf dem Gubel ein Informationstag für die Bevölkerung statt. (Bild: Werner Schelbert (Menzingen, 13. Mai 2017))

Im Frühjahr fand im Asylzentrum auf dem Gubel ein Informationstag für die Bevölkerung statt. (Bild: Werner Schelbert (Menzingen, 13. Mai 2017))

Marco Morosoli

marco.morosoli@zugerzeitung.ch

Im Asylwesen verhält es sich ähnlich wie im Pflegebereich. Noch vor ein paar Jahren waren sich Gesundheitsexperten einig darüber, dass bei den Pflegebetten ein Notstand droht. Die Politik hat reagiert. Die Zahl der verfügbaren Betten ist oftmals für viel Geld erhöht worden. Mittlerweile sind aber die prognostizierten Gewitterwolken abgezogen. Die Nachfrage nach Pflegebetten ist weggebrochen, sodass im neuen Pflegezentrum II in Baar gar gewisse Betten temporär stillgelegt worden sind.

Wider aller Erwartungen ist im Kanton Zug auch die Zahl der Zuweisung von Flüchtlingen durch den Bund in diesem Jahr zurückgegangen. Schwankungen in diesem Bereich sind zwar normal. Fakt ist aber, dass Zahlen wie noch im Herbst 2015, als zeitweise über 50 Asylsuchende pro Monat dem Kanton Zug überstellt worden sind, bis jetzt in diesem Jahr nicht annähernd erreicht worden sind. Ende Juni 2017 sind es 1196 Personen im Asylbereich gegenüber 1312 zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Dies trotz des Umstandes, dass die Zahl der Flüchtlinge, die in Süditalien ankommen, wieder stark gestiegen ist. Jris Bischof, sie ist Leiterin des kantonalen Sozialamtes, hat für diesen Rückgang auch keine Erklärung. Sie weist aber darauf hin, dass sie weiterhin hoch seien und bleiben würden. «Der Asylbereich ist nicht planbar», sagt sie. Den involvierten Stellen geht aber auch mit dem aktuellen Bestand die Arbeit nicht aus.

Im Juni haben Frau Landammann Manuela Weichelt-Picard als Vorsteherin der Direktion des Innern und ihr Kollege Matthias Michel (Volkswirtschaftsdirektion) das Konzept «Sprachliche und berufliche Integration von Personen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich» vorgestellt (wir berichteten). Im Kanton Zug ist die Erwerbsquote von Personen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich im interkantonalen Bereich sehr hoch. Doch trotzdem werden die Hände nicht in den Schoss gelegt, wie Jris Bischof versichert.

Der Bund macht Geld für Integrationslehre locker

So will der Kanton Zug wie zahlreiche andere Kantone nun noch einen Schritt weiter gehen und bei einem vierjährigen Projekt des Bundes mitmachen. Es geht dabei um die Integrationsvorlehre. Der Bundesrat hat einen Verpflichtungskredit in der Höhe von 54 Millionen Franken gutgeheissen, damit 800 bis 1000 Personen pro Jahr eine einjährige praxisorientierte Integrationsvorlehre absolvieren können.

Die Task Force Asyl des Kantons Zug hat den neuen Ansatz aus Bern begrüsst. In dieser Kommission sitzen alle Stellen, die bei einem solchen Vorhaben ihren Beitrag – auch in finanzieller Hinsicht – leisten müssen. In diesem Fall sind es allein sechs kantonale Ämter sowie der Gewerbeverband. Den Lead hat dabei das Amt für Berufsbildung, welches laut Bischof «tolle Arbeit leistet». Jris Bischof sagt: «Bevor eine Person in dieses Programm aufgenommen werden kann, müssen entsprechende Bedingungen erfüllt sein.»

Deutschkenntnisse sind der Schlüssel zum Erfolg

Für die Amtsleiterin ist es der einzig gangbare Weg, Flüchtlinge und Asylbewerber mit einer «Bleibeperspektive», wie dieser Zustand im Behördendeutsch heisst, in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Erfolgsversprechend ist dies vor allem deshalb, weil rund die Hälfte der vorgenannten Personen unter 25 Jahre alt ist. Es müsse schnell abgeklärt werden, ob sich ein Migrant für eine solche Vorlehre eigne oder nicht. Das Wichtigste zur Befähigung für die Integrationsvorlehre seien gute Deutschkenntnisse.

Ein B2-Niveau sei das Minimum, um für eine solche Integrationsvorlehre in Frage zu kommen. Das Erreichen dieser Stufe befähigt den Absolventen, dass er längere Texte verstehen und eigene Positionen schriftlich vertreten kann. Um dieses Sprach­level zu erreichen, rechnet Bischof mit Aufwendungen von bis zu 10000 Franken für die sprachliche und berufliche Integration pro Migrant. Deshalb reiche auch die vom Bund einmalig ausbezahlte Pauschale von 6000 Franken bei weitem nicht aus. Die Geldmittel seien gut investiert. So rechnet Bischof vor: «Die Sozialhilfe ist auf lange Frist sehr viel teurer als die Investition in die Ausbildung. Vielleicht zahlen diese Personen dereinst sogar Steuern.» Doch damit sei es nicht getan. Die Asylbewerber und die Flüchtlinge müssten auch hiesigen Gepflogenheiten Rechnung tragen. Bischof erwähnt hier die Pünktlichkeit und die Fähigkeit nach gegebener Anleitung zu arbeiten wie auch die Selbstverantwortung für sein Tun.

Die Kantone weibeln für mehr Geld vom Bund

Die Amtsleiterin beschönigt aber nichts: «Es wird im Asylbereich immer Menschen geben, die schwer vermittelbar sind.» Doch bei denjenigen, bei denen gute Aussicht auf Integration bestehe, müssten alle Mittel ausgeschöpft werden.

Dadurch, dass der Bund nur einmalig 6000 Franken für die Integration aufwirft, müssen die Kantone, so auch der Stand Zug, für den Rest einspringen. Im Juni hat Jris Bischof die Zahl von rund 20 000 Franken pro Flüchtling oder Asylbewerber genannt. Diese ist nun um rund 2000 Franken nach unten korrigiert worden. Diese Summe wird in einem Schreiben der Konferenz der Kantone (KDK), der Konferenz der Erziehungsdirektoren und der Konferenz der Sozialdirektoren genannt. In diesem Papier schreibt die KDK: «Eine Erhöhung der Integrationspauschale ist aus Sicht der Kantone unerlässlich.» Unklar ist, wie es weitergeht. Bis im Sommer soll das weitere Vorgehen geklärt werden. Aus der KDK ist nur zu vernehmen, dass «daran gearbeitet wird».

«Wir haben Erfahrung mit der Integration»

Aber wie viel Geld der obgenannten Aufwendungen den einzelnen Kostenstellen zugeordnet werden kann, kann und will Bischof nicht sagen. Der Grund für ihr Schweigen: «Es gibt in der kantonalen Verwaltung keine flächendeckende Kostenrechnung.» Jris Bischof kann sich gut vorstellen, dass der Bund die Pauschale erhöhen könnte. Jedoch würde er diesen grösseren Zustupf wohl mit der Forderung verknüpfen, wissen zu wollen, wie das Geld verwendet wird. In dieser Hinsicht hätte der Kanton mit der Integrationsvorlehre schon ein paar Trümpfe in der Hand, die der Bund gar selber verteilt hat. Das Ziel liegt darin, dass Absolventen dieser Integrationsvorlehre dereinst einen Lehrvertrag unterschreiben können. Jris Bischof hofft auf ein Ja des Bundes: «Es ist eine kurzfristige Investition, die sich langfristig auszahlt.» Dies vor allem, weil die «vorläufig aufgenommenen Flüchtlinge lange bleiben und manche gar nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren werden». Angst macht Bischof das nicht: «Wir haben in der Schweiz Erfahrung mit der Integration.»

Ein Wirrwarr von Begriffen

Status Die Systematik der im Asylbereich gebräuchlichen Begriffe ist für Laien oftmals nur schwer durchschaubar. Die Materie ist komplex. Das zeigt sich schon darin, das die verschiedenen Ausweiskategorien für Asylbewerber und Flüchtlinge ihre Basis in acht verschiedenen kantonalen und eidgenössischen Gesetzen, Verordnungen und Übereinkünften haben.

Es gibt Asylsuchende, vorläufig Aufgenommene, vorläufig aufgenommene Flüchtlinge und anerkannte Flüchtlinge. Wieder in eine andere Ausweiskategorie gehören anerkannte Flüchtlinge mit vorläufiger Aufnahme ab dem achten Jahr seit der Einreise und anerkannte Flüchtlinge ab dem sechsten Jahr seit der Einreichung des Asylgesuches. Nur ein Recht auf Nothilfe haben wiederum solche, welche einen negativen Asylentscheid oder aber einen Nichteintretensentscheid haben. Die Rechtsfolge ist für beide Entscheide dieselbe: Diese Menschen halten sich illegal in der Schweiz auf. Gleiches gilt für Personen in diesem Bereich, die bereits in einem anderen Staat um Asyl nachgesucht haben. Diese Folge ist ein Ausfluss der Rechtssetzung im Schengen/Dublin-Abkommen. Hinzu kommen noch die Härtefälle, für welche wiederum ein anderer Status in Gebrauch ist. (mo)