Auf Kunsttour im Bekleidungsgeschäft

Seit fünf Jahren setzt die Baarer Boutique Joly auf Kleidung und Kunst. Während ersteres dem Äusseren des Menschen dient, geben die aktuell ausgestellten Gemälde von Judith Marty einen Blick ins Innere frei.

Andreas Faessler
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In ihrer Boutique lässt Beatrice Müller (links) derzeit Gemälde der Baarerin Judith Marty ausstellen. (Bild: Andreas Faessler, Baar, 4. April 2019)

In ihrer Boutique lässt Beatrice Müller (links) derzeit Gemälde der Baarerin Judith Marty ausstellen. (Bild: Andreas Faessler, Baar, 4. April 2019)

Mode und Malerei – ein sich ergänzendes Konzept. So der Gedanke von Beatrice Müller, als sie vor fünf Jahren an der Baarer Dorfstrasse ihre Boutique eröffnet hat. Seit Anbeginn sollten die Verkaufsräume mit Kunst erweitert werden. «Das hat sich schnell bewährt», stellt Beatrice Müller rückblickend fest. «Die Kundschaft zeigt denn auch stets Interesse für das kleine ‹Plus›.» Die Boutiqueinhaberin malt selber nebenbei, hat entsprechend Affinität zur bildenden Kunst. Wenn sie die Räume nicht mit ihren eigenen Werken ausstattet, bietet sie anderen Kunstschaffenden eine Plattform. Wie aktuell der Baarer Künstlerin Judith Marty, deren Gemälde seit gestern in der Boutique Joly hängen.

Persönliche Realität

In der Kunst von Judith Marty stehen zwei Komponenten im Vordergrund – Farbe und der Mensch. Unter Einbringung derselben in ihre vorwiegend quadratischen Gemälde verarbeitet die gebürtige Muotathalerin Geschichten, die sie irgendwann – ob neulich oder vor längerer Zeit – geprägt, berührt, bewegt haben. Und diese Geschichten sind stehts mit tiefen Empfindungen oder einer ganz besonderen Gefühlslage verbunden. «Indem ich diese Episoden aus meinem Leben in Farben auf Leinwand banne, bilde ich faktisch meine persönliche Realität ab», führt die 37-Jährige aus. «Grundlage dieser Realität können spontane eindrücke sein, aber vorderhand sind es kürzere oder auch länger sich entwickelnde Geschichten, die eine starke zwischenmenschliche Komponente haben. Es geht mir also fast immer um den Menschen, wenn ich meine Gefühlswelt, meine Realität abbilde.»

Tatsächlich findet sich in fast allen Bildern Judith Martys der Mensch als Individuum wieder, ob in voller Körperhaftigkeit, ob fragmentarisch oder auch nur schemenhaft im Hintergrund, zuweilen verweisen anatomische Bildelemente wie stilisierte Knochen auf den Menschen hinter den in Acryl gemalten Geschichten. «Der Mensch an sich ist für mich schon ein Kunstwerk», sagt Judith Marty. Oberstes Gebot für die Künstlerin und zugleich unumstössliches Indiz dafür, dass ein Werk für sie als vollendet gilt, ist die pure Harmonie, welche sie in ihrem Werk findet. Und diese Harmonie geht fast ausnahmslos mit positiver Ausstrahlung einher, selbst wenn die Farbnuancen etwas dunkler ausfallen, was aber Ausnahmen bleiben, denn kräftige, leuchtende Farben sind bewusst gewähltes Ausdrucksmittel der Baarerin. Abstrahismus und Gegenständlichkeit halten sich in Judith Martys Gemälden tendenziell die Waage. Und auch wenn auf den ersten Blick alles zu fliessen und in Bewegung scheint, so halten stets geometrische Elemente wie Quadrate oder Linien dagegen und erzeugen ein Spannungsfeld, welches jedoch nie die erreichte Harmonie bedroht oder gar stört.

Interpretation als Motivation

Ihre Mission sieht die Künstlerin erfüllt, wenn ihre Bilder im Betrachter etwas auslösen. Ob es nun dieselben Empfindungen sind wie die ihrigen, oder ganz andere, ist irrelevant. «Die Interpretationen der Betrachter interessieren und motivieren mich.» Was die Baarerin aber grundsätzlich nicht zu tun pflegt: über die Geschichte zu sprechen, welche sie das jeweilige Bild zu malen veranlasst hat. Denn es ist und bleibt ihre eigene Realität, und schliesslich sollen ihre Gemälde unvoreingenommen und neutral rezipiert werden. Seit 2007 wohnt und arbeitet Judith Marty in Baar. Sie führt hier ihre eigene Werbeagentur, ihr eigentliches Standbein. Gezeichnet und gemalt hat sie bereits in jungen Jahren – und schnell festgestellt, dass dies ein wichtiger Weg der Selbstverwirklichung werden sollte. Ihre herkunftsbedingte Bodenständigkeit hat Judith Marty nicht verloren. So hat sie sich für einige Bilder Aufhängevorrichtungen anfertigen lassen mit Granitblöcken als Fuss – aus der Muota.

Gemälde von Judith Marty in der Boutique Joly Art & Fashion, Dorfstrasse 12, Baar. www.s-t-a-n-d-a-r-t.ch