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Auf Oberägerer Boden sollte ein Schiessplatz mitten im Moor entstehen

Durch die Rothenthurm-Initiative wurde das Hochmoor, das teilweise auf Oberägerer Boden liegt, 1987 landesweit bekannt. Heute ist es ein Vorreiterprojekt des schweizerischen Naturschutzes.

Carmen Rogenmoser
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Die Schönheit dieser Naturoase zeigt sich besonders im Herbst, wenn die Nebelschwaden sich über die gelblich und kupferrot gefärbten Moore schweben. Doch nicht nur die Erscheinung der Rothenthurmer Moorlandschaft ist einzigartig, sondern auch deren Biodiversität. Seltene und hoch spezialisierte Arten leben hier. Mit über 1100 Hektaren zählt das Moor zu den grössten der Schweiz – und zu den bekanntesten. 1987 entbrannte mit der Rothenthurmer Initiative ein national ausgetragener Kampf um den Schutz dieses Moores und damit um den Naturschutz ganz allgemein.

Mystisch, unscheinbar und Lebensraum vieler seltener Tier- und Pflanzenarten: die Moorlandschaft.

Mystisch, unscheinbar und Lebensraum vieler seltener Tier- und Pflanzenarten: die Moorlandschaft.

Bild: Maria Schmid (Oberägeri, 3. April 2020)

Bis zu diesem Punkt war es aber bereits ein langer Weg gewesen. So hatte das Moor während der Kriegsjahre von 1939 bis 1945 noch eine ganz andere Bedeutung: die Moore grossflächig entwässert und zu kultivierten Anbauflächen für die Versorgung der Bevölkerung umgenutzt. Damals wurden auch grosse Mengen Torf für die Energieversorgung abgebaut. Der Trend zur Entwässerung der Feuchtgebiete hielt sich bis in die 1970er-Jahre. Rund 90Prozent der Schweizer Feuchtgebiete sind dieser Entwicklung zum Opfer gefallen.

Für das Rothenthurmer Hochmoor, das zu einem Viertel auf Zuger Boden und zu drei Vierteln auf Schwyzer Boden liegt, wurde der drohende Verlust vorher erkannt. Der dramatische Rückgang der Tier- und Pflanzenarten rief die Behörden zum Handeln auf. So begannen Anfang der 1970er-Jahre im Kanton Zug die Arbeiten für den ersten kantonalen Richtplan über Natur- und Landschaftsschutz. Interessenkonflikte waren vorprogrammiert. Die Landwirtschaft wollte möglichst grosse, zusammenhängende Bewirtschaftungsflächen zur Produktionssteigerung, der Naturschutz kämpfte für den Erhalt der Lebensräume für seltene und bedrohte Arten. 1973 stellte der Kanton Zug Moorbiotope provisorisch, 1982 schliesslich definitiv unter Schutz.

Eine Allianz von Bauern und Naturschützern

Gleichzeitig plante das damalige Eidgenössische Militärdepartement (EMD) zusammen mit dem Schwyzer Regierungsrat in den 1970er-Jahren den Waffenplatz Rothenthurm. Schiessplätze und Kasernen sollten die bestehenden Provisorien und die damals unter dem Namen «Chüechlibunker» bekannte Truppenunterkunft in Schwyz ersetzen. Ungeachtet der vorsorglich provisorischen Schutzmassnahmen des Kantons Zug wurden Teile des Naturschutzgebietes Ägeriried in eines der Schiessplatzgelände miteinbezogen. Für Natur- und Umweltschutzorganisationen war das geplante Vorhaben ein unakzeptabler Schlag gegen ihre Bemühungen.

Auch die betroffenen Bauern wehrten sich entschieden. Sie wurden vom Gemeinderat von Rothenthurm unterstützt. Die Parteien schlossen sich zu einer ungewöhnlichen Allianz gegen das Militär und die Schwyzer Regierung zusammen. Der Kampf um die Erhaltung der bäuerlichen Existenz, der Struktur des Dorfes Rothenthurm und der Natur und Landschaft wurde landesweit mitverfolgt.

Die Eidgenössische Volksinitiative zum Schutz der Moore und Moorlandschaften – die Rothenthurm-Initiative wurde lanciert – und 1987 zur Überraschung aller angenommen. War es die Solidarität mit der betroffenen Bevölkerung gegen die Obrigkeiten von Bern und Schwyz? Oder war es doch die Liebe zur Natur? Eindeutig ist, dass Moore und Moorlandschaften von besonderer Schönheit und nationaler Bedeutung seither Schutzobjekte sind, für die strenge Bestimmungen gelten.

Die Korporationen haben ihren Teil beigetragen

Die Umsetzung des Moorschutzes aber führte erneut zu heftigen Diskussionen. Im Kanton Zug hatte man aufgrund der kantonalen Gesetzgebung bereits Erfahrung. Es hatte sich gezeigt, dass Naturschutz auf Dauer umso erfolgreicher ist, je besser Landeigentümer, Bewirtschafter und Behörden bei der Pflege und dem Unterhalt zusammenarbeiten. Über 20 Jahre nach der Annahme der Initiative kann der Kanton für sich in Anspruch nehmen, dass der Moorschutz und darüber hinaus der Natur- und Landschaftsschutz konsequent angewandt werden. Mitgeholfen haben dabei die Korporationen mit ihren grossen Landflächen und dem gewachsenen Verständnis für die erforderlichen Massnahmen.

Heute weisen nur noch ein Rest der asphaltierten Zufahrtstrasse und eine grosse Bahn-Unterführung auf das damalige Vorhaben des Militärs hin. Das Moor hingegen erfreut sich guter Gesundheit und ist Inbegriff des Schweizer Naturschutzes schlechthin.

Hinweis
Die elfteilige Serie «Mensch vs. Natur» beleuchtet Projekte, deren geplante Eingriffe in die Landschaft die Emotionen hochkochen liess. Im zweiten Teil lesen Sie heute über den geplanten Schiessplatz im Rothenthurmer Hochmoor. Quelle: «Zug, natürlich», Peter F. X. Hegglin, 2008.