Aus einer Zeit vor Corona: Ein kräftiger Händedruck und seine Folgen

Eine Zugerin verletzt sich beim Händeschütteln mit einer Kollegin. Die Unfallversicherung will nicht für die Folgekosten zahlen – und erhält Recht vor Bundesgericht.

Manuel Bühlmann
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Auf die Verabschiedung folgten die Schmerzen. Beim Händeschütteln mit einer Kollegin zog sich eine Frau Verletzungen am rechten Handgelenk zu. «Kräftig und ruckartig» – mit diesen Wörtern beschrieb die Zugerin um die 50 später die folgenreiche Bewegung, durch die ihr Handgelenk abgeknickt wurde. Unmittelbar nach dem Händedruck sei sie in die Knie gegangen, so stark seien die Schmerzen gewesen, klagte sie.

Beim ärztlichen Untersuch liessen sich Verletzungen am Handgelenk nachweisen, unter anderem einen breiten Riss in einer Knorpelplatte. Doch darüber, wer für die Behandlung und die übrigen Folgekosten aufkommen muss, gehen die Meinungen auseinander. Die Unfallversicherung der Frau – die Suva – will von einer Leistungspflicht nichts wissen, weil es sich beim Vorfall rechtlich gesehen nicht um einen Unfall handle. Die Betroffene selbst ist gegenteiliger Ansicht. Auf dem juristischen Weg wollte sie die Suva dazu verpflichten lassen, doch noch für die finanziellen Folgen des schmerzhaften Händeschüttelns aufkommen zu müssen.

Was ist ungewöhnlich?

Ungewöhnlich waren einzig die Folgen Im August 2019, zwei Jahre nach der verhängnisvollen Verabschiedung, erlitt sie eine erste Niederlage: Das Zuger Verwaltungsgericht wies ihre Beschwerde ab. Den Entscheid zog sie daraufhin weiter vors Bundesgericht. Das aktuelle Urteil der obersten Instanz dreht sich in erster Linie um einen Begriff: «ungewöhnlich». Denn aus rechtlicher Sicht liegt ein Unfall vor, wenn die Gesundheit beeinträchtigt wird durch eine «plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper», so steht es im Gesetz.

Das kantonale Verwaltungsgericht war zum Schluss gekommen, selbst ein kräftiges Händeschütteln sei ein normaler Vorgang. Ungewöhnlich an der Verabschiedung der beiden Frauen seien einzig die Folgen. Weil sich juristisch betrachtet kein Unfall ereignet habe, müsse die Suva auch keine Leistungen erbringen. Das Bundesgericht teilt diese Einschätzung. Zwar habe der Händedruck unbestrittenermassen zu den Beschwerden geführt, räumen die Richter in ihrem Urteil ein, fügen aber sogleich an: «Einwirkungen, die aus alltäglichen Vorgängen resultieren, taugen jedoch in aller Regel nicht als Ursache einer Gesundheitsschädigung.» Das gelte auch für einen kräftigen Händedruck. Dabei fehle es an einem ungewöhnlichen äusseren Faktor. «Der geschilderte Ablauf der Körperbewegung liegt im Rahmen dessen, was üblicherweise bei einem Handschlag stattfindet», heisst es im Urteil weiter.

Die Klägerin muss zahlen

Kurz: Juristisch gesehen handelt es sich nicht um einen Unfall. Die Verletzungen der Frau fallen nach Ansicht der obersten Richter auch nicht unter jene im Gesetz aufgelisteten Leiden – wie Knochenbrüche, Meniskusrisse und Verrenkungen von Gelenken –, die zu einer Leistungspflicht der Unfallversicherung führen. Das Bundesgericht entscheidet daher: Die Suva muss nicht für die Folgekosten des schmerzhaften Händedrucks aufkommen. Statt der erhofften Gelder von der Unfallversicherung erhält die Frau eine Rechnung über 800 Franken: Weil ihre Beschwerde abgewiesen wird, muss sie die Gerichtskosten übernehmen.

Bundesgerichtsurteil 8C_671/2019 vom 11. März 2020