Kolumne
Austausch auf einer anderen Ebene

In unserer Kolumne berichtet die Redaktorin, wie sich der Alltag mit Familie wegen des Coronavirus verändert hat.

Carmen Rogenmoser
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Carmen Rogenmoser.

Carmen Rogenmoser.

Ich habe es längst geahnt: Meine Familie kann sich glücklich schätzen, leben die Grosseltern so nahe bei uns – oder eben wir bei ihnen. Während der gegenwärtigen Coronakrise bekomme ich schmerzlich zu spüren, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe. Ein gemütlicher Kaffee dort, ein nettes Schwätzchen da. Die Kinder fühlen sich in den Wohnungen von Grosi und Grossmami wie zu Hause, verhalten sich ungezwungen und freuen sich auf jeden Besuch. Die Grosseltern sind wichtige Bezugspersonen.

Nun, die Situation hat sich gänzlich geändert. Seit drei Wochen sehen wir uns fast ausschliesslich per Bildschirm. Ein richtiger Austausch findet nicht statt, dafür sind die Kinder zu klein. Verwundert beobachten sie das Smartphone und wundern sich, was Grossdädi da drinnen wohl macht. Der Zweijährige erkennt die Wohnung der Grosseltern, sieht den Hund und möchte am liebsten ins Handy steigen – wenn das nur möglich wäre. Ob die acht Monate alte Tochter Grosspapi nach der langen Zeit überhaupt noch erkennen wird? Wir werden sehen. Ich hoffe eher früher als später. Trotzdem bin ich sicher, dass es richtig ist, uns radikal zu distanzieren.

Glücklicherweise können andere Familienmitglieder zum Hüten einspringen, die Arbeit ruft nach wie vor. Ein Glück ist das auch für die Kinder, die es offenbar stinklangweilig finden, immer nur mit Papi und mir zu Hause zu sein. Gotti und Tante bringen Abwechslung. «Wohi gani hüt?», fragt das Söhnchen jeweils schon am Morgen früh. Er vermisst sein Jetset-Leben mit den regelmässigen Aufenthalten bei den Grosseltern und den Cousins. Verständlich, da ist viel mehr los als zu Hause.

Ganz einfach ist «Social Distancing» im kleinen Dorf aber nicht. Schon öfters sind wir im Lebensmittelladen unverhofft auf Grosi getroffen. Was nun? Der Kleine sitzt immerhin im Einkaufswagen fest. Erzählen möchte er Grosi aber doch vieles und das tut er auch. Er hat eine laute Stimme, sie versteht ihn trotz Sicherheitsabstand – genauso wie die anderen Kunden. Und so richtig Zeit hat man im Laden ja auch nicht, die nächsten Einkaufswilligen stehen schon bereit.

Eine andere Lösung musste her und so treffen wir uns nun mehr oder weniger regelmässig in unserem Garten. Ich stehe mit den Kindern bei der Balkontür, die Grossmütter sind eine Etage tiefer im Gras. Wir können uns gefahrlos austauschen. Die Kinder sehen die Grosseltern real vor sich. Und tatsächlich, auch der Kleinen scheints zu gefallen. Sie hüpft auf meinem Arm wild auf und ab – wir interpretieren das als eindeutiges Zeichen, dass sie die Grosseltern nicht vergessen hat.

In dieser Kolumne beschreiben Mitarbeiter unserer Zeitung, wie sich die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus auf ihren Alltag auswirken.