AUTOKNACKER
Über 75'000 versuchte Diebstähle: Junger Mann bricht Hunderte Male in Zuger Tiefgaragen ein

Über anderthalb Jahre hinweg steigt ein 22-jähriger Zuger in Tiefgaragen ein. Zusammen mit Komplizen bricht er Autos auf, richtet fast 40'000 Franken Schaden an, stiehlt Wertsachen und Geld. Dafür verurteilt ihn das Zuger Strafgericht zu drei Jahren und vier Monaten Gefängnis. Das will er nicht akzeptieren.

Kilian Küttel
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Auch in der Tiefgarage im Einkaufszentrum Metalli machte sich der Zuger an Autos zu schaffen.

Auch in der Tiefgarage im Einkaufszentrum Metalli machte sich der Zuger an Autos zu schaffen.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 16. Februar 2021)

Er wehrt sich nicht. Als der Polizist am 14. September 2017 den jungen Mann fragt, was er zu den Vorwürfen sagt, die zu seiner Festnahme geführt haben, gesteht er alles:

«Ich weiss, dass ich das gemacht habe. Ich weiss, dass ich schuldig bin. (...) Ich schäme mich dafür.»

So steht es in einem Urteil des Zuger Strafgerichts vom 22. Dezember, das erst vor wenigen Tagen zur öffentlichen Einsicht freigegeben wurde. Darin verurteilt das Dreiergremium den heute 22-Jährigen zu drei Jahren und vier Monaten Freiheitsstrafe. Wegen banden- und gewerbsmässigen Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung und mehrfachen Hausfriedensbruchs.

Wobei «mehrfach» in diesem Fall bedeutet: satte 75'970 versuchte Diebstähle, 323 Hausfriedensbrüche, 13 Sachbeschädigungen, begangen zwischen Januar 2016 und Juli 2017.

Täter klapperten Parkhäuser nach offenen Autos ab

Grund für die exorbitante Zahl an Diebstahlversuchen: Zusammen mit einem Bekannten stieg der junge Mann in Zuger Tiefgaragen und Parkhäuser ein. Auf der Suche nach offenen Fahrzeugen arbeiteten sie sich durch die Garagen und klapperten die parkierten Autos nach offenen Fahrzeugen ab. Jedes erfolglose Rütteln an einer Autotür wertet die Zuger Justiz als versuchten Diebstahl.

Hatten die Täter Glück, die Fahrer ihre Autos also nicht abgeschlossen, stiegen die beiden ein und suchten nach Diebesgut. Doch auch verschlossene Autotüren schreckten den heute 22-Jährigen und seinen Mittäter nicht ab: Auf ihren Diebestouren durch die Parkhäuser des Kantons Zug schnitt der Beschuldigte immer wieder Cabrioverdecke mit einem Messer oder einer Säge auf. Und sein Kompagnon, gegen den die Zuger Strafverfolger ein separates Verfahren führen, schlug im Februar 2016 mit einem Stein die Scheibe eines Opels ein, der in einer privaten Tiefgarage in der Stadt Zug abgestellt war.

Zu den 75'970 versuchten Diebstählen kamen so 22 erfolgreiche, bei denen der Beschuldigte und sein Komplize Bargeld und Gegenstände im Wert von knapp 9500 Franken erbeuteten. So stahlen sie etwa 350 Franken aus einem unverschlossenen BMW, der in der Metalli-Tiefgarage parkiert war. Mehr als 800 Franken Beute machten die beiden, als sie das Dach eines Audi-Cabriolets aufschnitten und nebst Autoschlüsseln und einer Parfümflasche ein Portemonnaie aus dem Auto fischten.

Sie sackten auch Kinderportemonnaies ein

Alleine 43 des 117 Seiten langen Urteils nimmt die Aufstellung und die Kurzbeschreibung der einzelnen Taten ein. Dabei zeigt sich: Wenn die beiden Täter auf etwas Verwertbares stiessen, holten sie es sich. Auch wenn es ein buntes Kinderportemonnaie oder nur 20 Franken in Reka-Checks waren, wie sie in einem Peugeot-Cabrio in einer Tiefgarage in Baar lagen.

Zu den 9500 Franken Deliktsumme kommen 36'574 Franken Sachschaden. Besonders angetan hatte es ihnen offenbar eine Garage im Zuger Feldhof-Quartier, in die sie alleine 48 Mal eingebrochen sind. Ihre nächtlichen Ausflüge, die sie laut Aussagen des Beschuldigten nur an den Wochenenden unternahmen, führten sie zudem nach Steinhausen und Baar, unter anderem ins Parkhaus des Zuger Kantonsspitals.

Etwa 700 Franken im Monat verdiente der Beschuldigte, der zwei Lehren abgebrochen hat und jetzt temporär als Handwerker arbeitet, im Februar 2017. Gegenüber der Staatsanwaltschaft sagte der junge Mann, die Diebstähle hätten ihm ein relativ regelmässiges Einkommen beschert. Das Zuger Strafgericht würdigt das in seinem Urteil als Eingeständnis zum gewerbsmässigen Diebstahl – auch wenn der 22-Jährige aussagte, er habe aus Spass damit angefangen, Autos zu knacken.

Vorstrafen wegen Raubes, Diebstahls, Drogendelikten

Wie aus dem Urteil weiter hervorgeht, hatte der junge Mann bereits vor seiner Festnahme am 14. September 2017 mit der Zuger Justiz Bekanntschaft gemacht. Am 4. Juli desselben Jahres hat ihn das Jugendgericht wegen Diebstahls, mehrfachen versuchten Raubes, Hausfriedensbruchs sowie Widerhandlungen gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 21 Monaten verurteilt.

Mit seinem jetzigen Urteil sieht das Strafgericht davon ab, die damals bedingt ausgesprochene Strafe zu widerrufen. Allerdings verlängert es die Probezeit um ein Jahr.

Positiv legen die Richter dem Beschuldigten sein Geständnis aus. Dieses falle «massgeblich ins Gewicht». Hätte er seine Taten nicht zugegeben, hätte eine Anklage «nie und nimmer» erhoben werden können, halten die Richter fest. Bis das Strafgericht zu einem Urteil gekommen ist, sass der junge Mann 665 Tage in Untersuchungshaft und im vorzeitigen Strafvollzug. Diese Zeit wird ihm an die 40-monatige Freiheitsstrafe angerechnet. Heisst: Er muss noch etwa für eineinhalb Jahre ins Gefängnis.

Jedenfalls, wenn es dabei bleibt. Denn das Urteil geht weit über die zehnmonatige Freiheitsstrafe hinaus, die der Verteidiger beantragt hat. Nur zwei Tage, nachdem das Urteil den Parteien zugestellt wurde, meldete der Anwalt des 22-Jährigen Berufung an.