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BAAR: Angriff in Baar: «Etwas zu unternehmen, braucht Mut»

Dank des beherzten Eingreifens von Passanten konnte die Polizei den mutmasslichen Schläger von Baar festnehmen. Das Verhalten der Helfer erfordert Verantwortungsbewusstsein – auch gegenüber sich selbst, sagt ein Experte.
Samantha Taylor
Die Dorfstrasse war am Mittwochnachmittag für die Spurensicherung abgesperrt. (Bild: Zuger Polizei (Baar, 16. August 2017))

Die Dorfstrasse war am Mittwochnachmittag für die Spurensicherung abgesperrt. (Bild: Zuger Polizei (Baar, 16. August 2017))

Samantha Taylor

samantha.taylor@zugerzeitung.ch

Der Vorfall hat Zug erschüttert: Am Mittwochnachmittag hat ein 34-jähriger Mann eine 25-Jährige, die mit zwei Kleinkindern und einem 14-jährigen Mädchen unterwegs war, mitten im Baarer Dorfzentrum brutal attackiert. Mit Faustschlägen und Fusstritten malträtierte er die junge Frau derart, dass sie mit mittelschweren Kopfverletzungen ins Spital gebracht werden musste (Ausgabe vom Donnerstag). Ein Schock. Trotz allem brachte der schreckliche Vorfall auch eine rühmliche Seite zu Tage. Der mutmassliche Täter konnte dank des beherzten Eingreifens mehrerer Passanten – Männer wie Frauen, die dem Opfer zu Hilfe geeilt waren – von der Zuger Polizei verhaftet werden.

Dass Menschen in so einer Situation ein derart couragiertes Verhalten an den Tag legen, ist nicht selbstverständlich, wie der Zuger Psychologe Adrian Kaufmann weiss. Laut dem Psychotherapeuten kommt es in solchen Fällen grundsätzlich zu zwei Reaktionen: Man schaut weg oder greift ein. Der Entscheid sei oft schnell gefällt. «Wer sich entscheidet, etwas zu unternehmen, braucht Mut, Verantwortungsbewusstsein und Selbstvertrauen», erklärt Kaufmann. Zivilcourage ist für ihn darum klar eine Frage des Charakters. Allerdings lasse sich dieser Charakterzug trainieren. «Man kann Zivilcourage üben, und zwar bereits in der Familie», sagt Kaufmann. Die Art, wie im familiären Umfeld mit Konflikten umgegangen werde, lege den Grundstein für das spätere Verhalten. Ein zentrales Übungsfeld ist auch die Schule. Dort komme es immer wieder zu Situationen, in denen schon Kinder eingreifen können – von den einfachen Plagereien bis hin zu Mobbing. «Heute ist das Verhalten in solchen Situationen auch im Unterricht ein Thema. Die Schüler können es üben, werden sensibilisiert.»

Positive oder negative Spirale

Adrian Kaufmann betont, dass es bei Zivilcourage auch darum gehe, eine Situation einzuschätzen. «Man muss gegenüber sich selber ein verantwortungsbewusstes Verhalten an den Tag legen.» Will heissen: Auch ohne sich direkt in das Geschehen einzumischen, kann man etwas erreichen. Kaufmann führt in diesem Zusammenhang das Beispiel der deutlichen körperlichen oder zahlenmässigen Unterlegenheit an. «Steht man alleine einer aggressiven Gruppe gegenüber, ist es sinnvoller, die Polizei zu rufen oder andere auf das Geschehen aufmerksam zu machen, als sich hineinzustürzen.» Wichtig sei, dass man handle, und zwar so, wie es die eigenen Möglichkeiten zulassen.

Dass beim Vorfall im Baarer Dorfzentrum am Ende fünf Personen involviert waren, die den Angreifer zu stoppen versuchten, sei eine typische Entwicklung, eine positive Spirale. «Wenn jemand Hilfe leistet, animiert das auch andere, sich einzusetzen.» Umgekehrt funktioniere der Mechanismus auf dieselbe Weise. «Wenn viele Leute weg- oder einfach zusehen, dann werden es ihnen wohl auch weitere gleichtun. Es ist dann schwieriger, etwas zu unternehmen, weil sich niemand für das Geschehen verantwortlich fühlt.» Dass es in der heutigen Zeit eine Entwicklung in genau diese Richtung gebe, etwa aufgrund der immer anonymer werdenden Gesellschaft, sieht Kaufmann nicht. Im Gegenteil. Die Bereitschaft, sich einzusetzen, sei hoch. Dazu trägt laut dem Psychologen auch das politische System bei. «In einer demokratischen Gesellschaft ist das Individuum gefragt. Das stärkt couragiertes Verhalten.»

Kaufmann stellt aber auch fest, dass bei Unfällen oder anderen heiklen Situationen immer häufiger das Handy gezückt wird, um den Vorfall zu filmen oder zu fotografieren. «Das hängt meiner Ansicht nach klar mit den sozialen Medien zusammen. Man will zeigen, dass man dabei war, und andere wollen über solche Netzwerke ihre Neugier befriedigen.»

Die Polizei äussert sich zu couragierten Einsätzen von Passanten oft zurückhaltend. Judith Aklin, Mediensprecherin der Zuger Polizei: «Zivilcourage ist wichtig und wird von der Polizei sehr geschätzt. Gefordert ist aber kein Heldentum.» Wichtig sei, dass man hin- statt wegsehe und sich selbst nicht in Gefahr bringe. «Letztlich geht es darum, sofort die Polizei zu alarmieren, sich Personenbeschreibungen oder Fluchtwege zu merken oder bei Unfällen Erste Hilfe zu leisten.» In Baar haben die Helfer laut Aklin durch ihr gemeinsames Einschreiten «geistesgegenwärtig» reagiert. «Das ist ein gutes Beispiel von Zivilcourage.»

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