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Interview

Baar: Das Abschiedsinterview mit Andreas Hotz und Paul Langenegger

Im ausführlichen Gespräch äussern sich Baars Gemeindepräsident Andreas Hotz (FDP) und der Bauchef Paul Langenegger (CVP) unter anderen zu den Themen Alkohol und Filz, zu politischen Erfolgen und Niederlagen sowie zur Frage, wie das überlebte Attentat 2001 im Kantonsrat ihre Freundschaft beeinflusste.
Rahel Hug und Raphael Biermayr
Paul Langenegger (links) und Andreas Hotz, hier anlässlich der Verabschiedung beim Stadtrat in Zug, sind von Anfang 2003 bis Ende 2018 zusammen im Gemeinderat gewesen. (Bild: Maria Schmid (21. Dezember 2018))Paul Langenegger (links) und Andreas Hotz, hier anlässlich der Verabschiedung beim Stadtrat in Zug, sind von Anfang 2003 bis Ende 2018 zusammen im Gemeinderat gewesen. (Bild: Maria Schmid (21. Dezember 2018))
Legendär ist der 8. Oktober 2006, als Hotz (FDP) mit vier Stimmen Vorsprung auf Langenegger (CVP) neuer Gemeindepräsident von Baar wurde. Das Foto ist als «bürgerlicher Bruderkuss» in die Geschichte eingegangen. (Bild: Werner Schelbert)Legendär ist der 8. Oktober 2006, als Hotz (FDP) mit vier Stimmen Vorsprung auf Langenegger (CVP) neuer Gemeindepräsident von Baar wurde. Das Foto ist als «bürgerlicher Bruderkuss» in die Geschichte eingegangen. (Bild: Werner Schelbert)
Grund zum Anstossen fanden die beiden oft. Zum Beispiel im April 2018 am Zuger Kantonalschwingfest in Menzingen... (Bild: Werner Schelbert)Grund zum Anstossen fanden die beiden oft. Zum Beispiel im April 2018 am Zuger Kantonalschwingfest in Menzingen... (Bild: Werner Schelbert)
Daumen hoch für ihr geliebtes Baarer Bier und den Brauer Kurt Uster (Zweiter von links, daneben der Gemeinderatskollege Pirmin Andermatt). Hier anlässlich des Tour-de-Suisse-Fests im Juni 2016. (Bild: CSC)Daumen hoch für ihr geliebtes Baarer Bier und den Brauer Kurt Uster (Zweiter von links, daneben der Gemeinderatskollege Pirmin Andermatt). Hier anlässlich des Tour-de-Suisse-Fests im Juni 2016. (Bild: CSC)
...oder am Baarer Blaskapellentreffen 2014... (Bild: Daniel Frischherz)...oder am Baarer Blaskapellentreffen 2014... (Bild: Daniel Frischherz)
...oder am VIP-Apéro des Gewerbevereins Baar im März 2013 in der Waldmannhalle. Links ist Andreas’ Frau Regula Hotz zu sehen, rechts der Gemeindeschreiber Walter Lipp, der Anfang 2019 Hotz’ Nachfolger als Gemeindepräsident geworden ist... (Bild: Daniel Frischherz)...oder am VIP-Apéro des Gewerbevereins Baar im März 2013 in der Waldmannhalle. Links ist Andreas’ Frau Regula Hotz zu sehen, rechts der Gemeindeschreiber Walter Lipp, der Anfang 2019 Hotz’ Nachfolger als Gemeindepräsident geworden ist... (Bild: Daniel Frischherz)
...und natürlich auch an der Zuger Messe (hier 2009, mit dem Regierungsrat Heinz Tännler). (Bild: Daniel Frischherz)...und natürlich auch an der Zuger Messe (hier 2009, mit dem Regierungsrat Heinz Tännler). (Bild: Daniel Frischherz)
Beide sind stolz auf das neue Schwesternhaus in Baar, das im Juni 2017 eingeweiht wurde. Hier mit den Gemeinderatskollegen Sylvia Binzegger und Jost Arnold (Zweiter von rechts) sowie Architekt Oliver Guntli. (Bild: Patrick Hürlimann)Beide sind stolz auf das neue Schwesternhaus in Baar, das im Juni 2017 eingeweiht wurde. Hier mit den Gemeinderatskollegen Sylvia Binzegger und Jost Arnold (Zweiter von rechts) sowie Architekt Oliver Guntli. (Bild: Patrick Hürlimann)
Auch als die Wave-Trophy der Elektrofahrzeuge im Juni 2017 in Baar Halt machte, durfte das Duo nicht fehlen. (Bild: Stefan Kaiser)Auch als die Wave-Trophy der Elektrofahrzeuge im Juni 2017 in Baar Halt machte, durfte das Duo nicht fehlen. (Bild: Stefan Kaiser)
Im Mai 2017 eröffneten die beiden den neuen Dorfplatz Inwil. (Bild: Franz Lustenberger)Im Mai 2017 eröffneten die beiden den neuen Dorfplatz Inwil. (Bild: Franz Lustenberger)
Der Inwiler Langenegger ist Stolz, dass der Ortsteil einen Wegweiser im September 2014 einen Wegweiser erhalten hat. Ausserdem im Bild: der Künstler Remo Hegglin. (Bild: Maria Schmid)Der Inwiler Langenegger ist Stolz, dass der Ortsteil einen Wegweiser im September 2014 einen Wegweiser erhalten hat. Ausserdem im Bild: der Künstler Remo Hegglin. (Bild: Maria Schmid)
Die Unzertrennlichen, bei der Eröffnung der neuen Migros im April 2010, mit Gemeinderatskollege Hans Steinmann. (Bild: Florian Hofer)Die Unzertrennlichen, bei der Eröffnung der neuen Migros im April 2010, mit Gemeinderatskollege Hans Steinmann. (Bild: Florian Hofer)
Als einzige Niederlage bezeichnen die beiden die verlorene Abstimmung über die Überbauung Unterfeld im Februar 2017 (hier sind sie noch zuversichtlich, im Mai 2013, mit dem Architekten des Siegerprojekts, Simon Hartmann). (Bild: Daniel Frischherz)Als einzige Niederlage bezeichnen die beiden die verlorene Abstimmung über die Überbauung Unterfeld im Februar 2017 (hier sind sie noch zuversichtlich, im Mai 2013, mit dem Architekten des Siegerprojekts, Simon Hartmann). (Bild: Daniel Frischherz)
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Andreas Hotz und Paul Langenegger verlassen den Gemeinderat Baar

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer Wahl in den Gemeinderat?

Hotz: Vor allem erinnere ich mich an die Wahl zum Gemeindepräsidenten 2006. Ich werde nie vergessen, wie wir uns nach Feststehen des knappen Ergebnisses in die Arme schlossen und uns sagten, dass wir gut zusammenarbeiten werden. Das haben wir zwölf Jahre lang – vielen Dank dafür, mein lieber Freund.
Langenegger: Am Anfang war es schon brutal – vier Stimmen Unterschied! Nach zwei, drei Monaten war der Frust weg und im Nachhinein bin ich froh, dass es so herausgekommen ist. Andi hat das hervorragend gemacht und wir sind Freunde geworden.

Ist die Freundschaft gerade wegen des knappen Ausgangs entstanden?

Hotz: Der Wahlausgang trug sicherlich dazu bei, dass wir uns intensiver miteinander auseinandersetzten. Unsere Kongenialität musste sich aber erst entwickeln.

Hatten Sie im Vorfeld jemals über den möglichen Ausgang der Wahl gesprochen?

Langenegger: Das ist eine besondere Geschichte. Am Freitag vor dem Wahlsonntag nahmen wir in der «Krone» ein Bier, gaben uns die Hand und sagten: Hoffentlich gibt es einen klaren Sieger.
Hotz: Und dann ging am Sonntag das Drama los (beide lachen).

War es schwierig, die Rollen im neuen Gemeinderat zu akzeptieren?

Langenegger: Dass es klar ist: Ich hatte nie im Leben einen Chef. Scherz beiseite - wir beide haben die Gemeinde Baar zu gern, als dass wir gegeneinander gearbeitet hätten.

Wieso hatten Sie sich nicht im Vorfeld auf einen von Ihnen für das Präsidium geeinigt?

Hotz: Das war nie ein Thema. Paul war lange im Gemeinderat gewesen und seine Ambitionen waren legitim. Ich wusste, dass sich diese Chance nur jetzt bieten würde, also griff ich zu. Im ersten Moment als Präsident im neuen Gremium war ich schon nervös, da ich nicht wusste, wie Paul sich tatsächlich verhalten würde. Er verhielt sich aber von Anfang an absolut loyal.

Paul Langenegger: «Wir haben die Gemeinde Baar zu gern, als dass wir gegeneinander gearbeitet hätten.»

Paul Langenegger, bereuen Sie es, nicht schon 2002 für das Präsidium angetreten zu sein?

Langenegger: Ach hierzu gibt es eine besondere Geschichte: Jürg Dübendorfer (damals FDP-Gemeinderat, Anm. d. Red.) fragte mich seinerzeit am Kantonalschwingfest, ob ich für das Präsidium kandidieren wolle. Ich sagte ihm, wenn er antritt, werde ich verzichten. Und ich freute mich für ihn, auch im Wissen, dass ich in vier Jahren sicherlich antreten werde.

Das beantwortet nicht die Frage, ob Sie es bereuen.

Langenegger: Man soll nicht zurückschauen. Abgesehen davon, und hier wird Andi mir widersprechen, ist der beste Job in der Gemeinde Baar der des Bauchefs.
Hotz: Du hast also nur vier Jahre gelitten, ehe ich Dir den Bauchef zugeschoben habe (beide lachen).

Andreas Hotz, auch nachdem Sie Gemeindepräsident geworden waren, war Paul Langenegger deutlich häufiger in der Zeitung. Hat Sie das gestört?

Hotz: Man muss wissen: Du hast nie die Chance, auch nur annähernd eine solche Präsenz zu haben wie Paul Langenegger, der bestaussehende alt Standesweibel der Schweiz.

Und ernsthaft?

Hotz: Auch ernsthaft! Paul Langenegger ist bekannt wie ein bunter Hund und sehr aktiv. Natürlich positioniert er sich auch selbst gern, etwa mit einem Leserbriefchen hier oder einem OK-Mandat dort. Diesbezüglich bin ich sicher etwas zurückhaltender.

Aber darüber hinaus sind Sie sich ähnlich?

Hotz: Sehr sogar. Wir mögen die Menschen und haben es gern gesellig – manchmal bis über die Grenzen hinaus. Ausserdem übernehmen wir gern Verantwortung und sagen lieber erst für etwas zu, als über die Probleme nachzudenken.
Langenegger: Mir hätte nichts Besseres passieren können, als Andi als Freund zu gewinnen.

Sie beide gehen offenbar durch dick und dünn. Das dürfte nicht immer leicht für die anderen Mitglieder des Gemeinderats gewesen sein.

Langenegger: Andi bevorzugte mich nie, sondern nahm mich, im Gegenteil, häufig härter dran als die anderen. Zum Beispiel, wenn es um Abklärungen für ein Geschäft ging. Er hat es aber immer geschafft, die verschiedenen Typen im Gemeinderat unter einen Hut zu bringen.
Hotz: In allen Gremien, in denen ich den Vorsitz habe, ist es mir wichtig, dass alle ihre Meinung äussern dürfen. Auf der privaten Seite ist es sicherlich so, dass der eine oder andere sich wohl dachte, dass Paul und ich zu eng liiert wären. Da gibt es immer gewisse Präferenzen. Was die Politik anbelangt, erhielt ich gerade bei der letzten Gemeinderatssitzung das Kompliment unserer linken Vertreterin (Berty Zeiter von der ALG), dass auch ihre Meinung immer gefragt war.

Andreas Hotz zum Attentat 2001: « Die Überlebenden verbindet immer etwas ganz Besonderes, so auch Paul und mich.»

Sie überlebten beide das Attentat 2001 im Kantonsratssaal, bei dem 14 Politiker erschossen wurden. Wie hat das Ihre Beziehung beeinflusst?

Hotz (nimmt die Brille ab und greift sich an die Augen): Da müssen Sie mir zuerst etwas Zeit geben… Es war nach dem 27. September 2001 von 10.33 bis 10.35 Uhr eine hoch schwierige Situation für mich. Die Überlebenden verbindet immer etwas ganz Besonderes, so auch Paul und mich. Ich erfuhr, dass das Leben sehr schnell vorbei sein kann und bin heute so froh, dass ich noch da sein darf. Es klingt hart, aber so gesehen war es für mich eigentlich ein positives Erlebnis.

Kommen Sie heute noch auf diesen Tag zu sprechen?

Langenegger: Manchmal wird man von Aussenstehenden noch darauf angesprochen, aber damit hat es sich dann auch. Ich musste damals zu Hinterbliebenen, so etwas vergisst man natürlich nie. Aber dieser Tag ist mittlerweile eigentlich aus meinem Sinn.
Hotz: Trotz des Schreckens damals muss man damit aufhören, immer zu sagen, dass man besonders im Kanton Zug nur friedlich miteinander umgehen sollte. Die Normalität ist, dass gerade in der Politik Emotionen dazugehören und auch mal gestritten wird.

Bei welchen Geschäften waren Sie beide nicht einer Meinung?

Hotz: Bei vielen – es konnte ziemlich krachen.
Langenegger: Bei der Schulraumplanung und anderen gemeindlichen Bauprojekten vertraten wir unterschiedliche Auffassungen. Wir waren nicht immer ein Herz und eine Seele.
Hotz: Paul ist ein absoluter Pragmatiker, ich als Jurist musste auch mal abklären, ob Vorhaben überhaupt umsetzbar sind. Ein Punkt, in dem wir uns unterschieden, ist die Familienpolitik. Paul hat ein sehr klares Bild, wie eine Familie noch immer organisiert sein sollte – Stichwort familienergänzende Betreuung. Am Schluss musste man sich einigen, nicht wenige Abstimmungen im Gemeinderat gingen vier zu drei aus. Doch auch mit den anderen Ratsmitgliedern gingen wir nach jeder Sitzung essen, das war mir wichtig.

Worauf aus Ihrer Gemeinderatskarriere sind Sie stolz?

Langenegger: Die Schulraumplanung harzte zu Beginn, mittlerweile ist sie auf dem neuesten Stand. Im Wiesental führten wir den Projektwettbewerb durch, im Sternmatt I sind wir gegenwärtig dabei, und die Dreifachturnhalle beim Sternmatt II ist aufgegleist. Die Renovation des Schwesternhauses sowie die Neugestaltung des Dorfplatzes Inwil, die seit 20, 30 Jahren ein Thema war, freuen mich ebenfalls sehr.
Hotz: Die Abteilung Präsidiales ist ein Gemischtwarenladen, der auch die Kinder- und Jugendarbeit sowie die Kultur beinhaltet. Für mich war das völliges Neuland. Besonders freut mich der Ausbau der Kind- und Jugendarbeit mitsamt der Eröffnung des Jugendcafés, das am Anfang umstritten war. Das andere ist das erwähnte Schwesternhaus, wo wir neben Schulräumen auch Kulturräume haben. Und schliesslich macht mich stolz, dass wir 2013 die Aktion «Skulpturen für Baar» verwirklichen konnten, die von bürgerlicher Seite abgelehnt worden war. Dank dieser Aktion wurde in Baar bildende und alternative Kunst diskutiert, was mich aufstellte.

Die Arbeit hat also Ihren Horizont erweitert?

Hotz: Definitiv. Man gewinnt ganz neue Aspekte. Ich bedaure manchmal meine Anwaltskollegen, die 30 Jahre lang nur ihr Spezialgebiet betreuen.

Wie ist das bei Ihnen, Paul Langenegger?

Langenegger: Die Zusammenarbeit mit Bau-Fachleuten hat mich eine Menge gelehrt. Und ich darf sagen, dass wir in der Bauabteilung einiges erreicht haben – die Gemeinde Baar hat über die Kantonsgrenzen hinaus einen guten Ruf.
Hotz: Wenn ich für dich sprechen darf: Die Zusammenarbeit mit renommierten Architekten und anderen Fachleuten hat natürlich einmalige Einblicke gegeben. Zum Beispiel bei der ganzen Planung des Unterfelds.
Langenegger: Wenn wir gerade bei diesem Thema sind: Die Ablehnung des Unterfelds war für uns beide eine schwere Enttäuschung. Die Gemeinde hat die Lehren gezogen und wird Anfang Jahr das neue Projekt präsentieren. So etwas wie beim ersten Versuch wird ihr nicht mehr passieren.

Paul Langenegger zur Ablehnung der Überbauung Unterfeld: «So etwas wie beim ersten Versuch wird der Gemeinde nicht mehr passieren.»

Stichwort Niederlagen: Was zählen Sie noch dazu?

Hotz: Nichts, wirklich. Beim Unterfeld wurden wir auf dem falschen Fuss erwischt, aber wir steckten den Kopf nicht in den Sand. Die grösste Herausforderung war sowieso immer das Menschliche. Wir hatten mit Hans Steinmann einen Gemeinderatskollegen, der trotz Knochenkrebs immer weitergearbeitet hat. Oder mit Trudi Fuchs jemanden an Hirntumor verloren. Das waren die schwierigen Momente. Und dann gab es den Fall Betschart, von dem hier sicher noch die Rede sein wird.

Dann nehmen wir den Ball gleich auf. Der SVP-Gemeinderat Karl Betschart wurde 2012 in seiner beruflichen Position als Treuhänder wegen Veruntreuung angeklagt und einigte sich aussergerichtlich. Der Rat gab damals kaum Statements ab. Würden Sie das heute anders handhaben?

Hotz: Nein, ich würde genau gleich handeln. Im Verfahren wurde klar festgestellt, dass er nichts Unrechtes gemacht hatte. Mag sein, dass es moralisch heikel war. Aber es liegt nicht an uns, Moralapostel zu spielen. Dass er mit seinem freiwilligen Rücktritt auch uns schützen wollte, erleichterte den Gemeinderat natürlich schon.

Er ist also tatsächlich freiwillig zurückgetreten?

Hotz: Ja. Es gab weder von mir noch von einem Gemeinderatskollegen eine klare Aufforderung an ihn, zurückzutreten.
Langenegger: Der Druck auf ihn wurde einfach zu gross, nicht nur aus der Bevölkerung, sondern auch aus seiner Partei.

Der Gemeinderat hat den Ruf einer Alte-Herren-Garde, die gern mal ein Gläschen trinkt. Wie ist dieser Ruf entstanden und stört er sie?

Hotz: Wir alle leben gern, vor allem wir beide, die hier am Tisch sitzen. Wir beherzigen die vier M: Man muss Menschen mögen. Und wir sind, wie gesagt, gern Teil einer geselligen Runde. Wenn man das nicht macht, ist man nicht authentisch.
Langenegger: Nicht nur wir haben die Leute gern – die Leute haben auch uns gern. Was wir in der letzten Zeit erlebten bei den vielen Verabschiedungen, ist einfach schön.

Andreas Hotz: «Wir beide sind gern Teil einer geselligen Runde. Wenn man das nicht macht, ist man nicht authentisch.»

Sie betonen stets das Dörfliche der Stadt Baar. Ist das noch zeitgemäss?

Hotz: Mehr denn je! Die Authentizität ist enorm wichtig. Bei der alljährlichen Neuzuzügerbegrüssung äussern sich die Leute, viele davon sind Expats, jeweils begeistert über unseren Umgang mit ihnen. Es war mir immer wichtig, dass wir und die Verwaltung bürgernah sind.
Langenegger: Ein Anwalt sagte mir am Telefon, dass sein Klient, ein Bauherr, mit der Umgebungsgestaltung in Baar nicht einverstanden sei. Ich sagte ihm, ich nehme mit dem Bauherrn einen Augenschein. Der war Deutscher und konnte fast nicht glauben, dass der Bauchef persönlich vorbeikommt. Solche Dinge werden sehr geschätzt.

Auf uninformierte Zuzüger kann Baar als Teil der Stadt Zug wirken.

Hotz: Natürlich, die räumliche Trennung ist nicht mehr gegeben. Die wenigsten wissen noch, dass es auch eine Sprachgrenze gibt – wir Baarer waren immer bergwärts orientiert. Jedenfalls bin ich schon überzeugt davon, dass man auch in der Zusammenarbeit mit den Behörden merkt, dass man in einer anderen Gemeinde als Zug ist.
Langenegger: Der Gemeinderat machte der Verwaltung immer klar, dass wir ein Dienstleistungsbetrieb sind. Das wurde so umgesetzt.

Ein Parlament anstelle der Gemeindeversammlung wird immer mal wieder thematisiert. Sie äusserten sich stets ablehnend dazu. Warum eigentlich?

Langenegger: Die Gemeindeversammlung funktioniert nach wie vor, schliesslich kann jeder daran teilnehmen. Meiner Meinung nach sind die 200 bis 400 Personen an einer GV repräsentativer als ein Parlament. Ausserdem muss man, mit Verlaub, nur mal nach Zug schauen, wie es dort im Parlament zu- und hergeht.
Hotz: Ich bin zutiefst überzeugt von der Institution Gemeindeversammlung. Die durchschnittlich 300 Anwesenden sind wenigstens vorbereitet, im Gegensatz zu manchen Parlamentariern. Ich war zwölf Jahre im Kantonsrat und weiss, wovon ich spreche.

Täuscht der Eindruck, oder gewinnt der Gemeinderat bei Gemeindeversammlungen sowieso immer?

Langenegger: Nein, nein. Ein gutes Beispiel ist die jüngste Diskussion um die Steuersenkung…

…in der sich der Gemeinderat an der Gemeindeversammlung gegen zwei Kommissionen durchsetzte.

Langenegger: Mir geht es darum, aufzuzeigen, dass es wichtig ist, starke Argumente zu haben und die Geschäfte gut vorzubereiten. Darin waren wir wirklich erfolgreich.
Hotz: Dass der Gemeinderat vom Souverän meistens unterstützt wurde, hing mit der vorangegangenen Arbeit zusammen. Die Leute merkten, dass die vorgestellten Geschäfte das Ergebnis eines langen Prozesses, auch unter Mitwirkung der Kommissionen, sind.
Langenegger: Die Kommissionsarbeit bei uns ist stark. Klar haben die Kommissionen nur beratende Funktion, doch die Meinungen wurden vom Gemeinderat sehr ernst genommen.

Steuern sind auch in Baar immer ein Thema. Gab es eigentlich jemals einen strategischen Entscheid, die steuergünstigste Gemeinde im Kanton zu werden?

Hotz: Nein, es war nie das Ziel, in den «Weltwoche»-Ratings die Nummer eins bei den Steuern zu sein. Natürlich wollen wir attraktiv sein für die juristischen und natürlichen Kunden. Aber wir müssen mit allen Gemeinden solidarisch bleiben.

Demgegenüber steht der Steuerwettbewerb. Welches ist der wichtigste Steuerzahler, den Sie einer anderen Gemeinde abjagen konnten?

Hotz: Abgeworben haben wir nie. Es ist sowieso ein Wechselspiel, wie gerade die jüngsten Beispiele von Biogen und Thomson Reuters zeigen, die nach Baar beziehungsweise nach Zug umziehen. Im Kanton Zug gibt es nur Mitbewerber, keine Konkurrenten. Die Gemeinden müssen am gleichen Strick ziehen.

Also sind Sie, Andreas Hotz, niemals mit einem CEO essen gegangen, um ihm beispielsweise anzubieten, eine freie Baufläche mitgestalten zu können?

Hotz: Ich gebe zu: Ein einziges Mal versuchte ich aktiv, eine Firma zum Umzug zu bewegen. Das war die Siemens, die wir im Zusammenhang mit dem Unterfeld gern nach Baar geholt hätten. Ich hätte schelmisch gelächelt, wenn wir der grossen Stadtgemeinde Zug, dem Crypto Valley, diesen Weltkonzern hätten abspenstig machen können... Aber letztlich lief die Zeit davon und dieses Vorhaben liess sich nicht realisieren.

Andreas Hotz: «Wir hätten die Siemens gern nach Baar geholt. Ich hätte schelmisch gelächelt, wenn wir der grossen Stadtgemeinde Zug diesen Weltkonzern hätten abspenstig machen können.»

Ist die gute finanzielle Entwicklung Glück oder Können?

Hotz: Sie ist das Ergebnis einer Strategie der 1950er- und 60er-Jahre, von der der Kanton Zürich die Finger liess und die schliesslich in Zug zum Erfolg geführt hat. Für die Gemeinden bringt diese Entwicklung aber auch Herausforderungen mit sich, Stichwort Verdichtung und Schulraum zum Beispiel. Die Baarer Bevölkerung wächst im Schnitt um 1,5 bis 2 Prozent jährlich, das lässt sich gerade noch bewältigen.
Langenegger: Es ist unser Glück, dass wir relativ grosse freie Flächen für Gewerbebauten hatten und haben, was natürlich attraktiv ist. Aber eben, es gibt auch eine Kehrseite, zum Beispiel in Sachen ÖV. Hier wünschte ich mir etwas mehr Visionen seitens der Regierung. Vielleicht kommen die ja jetzt in der neuen Zusammensetzung.
Hotz: Ich bin nicht mit jeder Entwicklung happy. Aber vor nur gerade zwei Generationen mussten die Leute auswandern, weil es keine Arbeitsplätze gab. Heute haben wir in Baar 23000 Arbeitsplätze und die besten Ausbildungsmöglichkeiten vor Ort – das ist ein absoluter Traum. Darüber hinaus konnten wir unsere Naherholungsgebiete intakt halten. Denn wir liessen keine Zersiedelung zu wie etwa Unter- und Oberägeri.

Politiker, die Mandate in der Privatwirtschaft haben, sehen sich oft Filz-Vorwürfen ausgesetzt. Ist dieses Thema bis zu Ihnen vorgedrungen?

Langenegger: Bei einem Bier gab es sicher mal Sprüche, aber die waren nie ernst gemeint. 2016 gab es aber im Zusammenhang mit dem Pflegezentrum solche Vorwürfe seitens der SVP, weil ich entschieden hatte, dass der oberste Stock vermietet wurde und das entsprechende Umnutzungsgesuch zunächst vergessen hatte. Das ist ein Fehler, dazu stehe ich.
Hotz: Päuli der Unfehlbare hat einen Fehler gemacht – das gibt es ja gar nicht!

Wie war das bei Ihnen, Andreas Hotz?

Hotz: Zunächst halte ich fest, dass wir die Ausstandsregeln im Gemeinderat immer angewandt haben, teilweise vielleicht sogar übertrieben streng. Dass getuschelt wurde, weil ich irgendwo ein Mandat hatte, kann ich ein Stück weit verstehen. Es gab auch mal Kritik der SVP wegen des einzigen Mandats, das ich von der Gemeinde erhielt. Aber ansonsten äusserte sich mir gegenüber niemals jemand dahingehend. Zudem war es mein bewusster Entscheid, nicht Berufspolitiker zu sein. Aber die Compliance heutzutage ist sowieso ein Thema für sich…

Was meinen Sie damit?

Hotz: All diese Auflagen sind unglaublich, auch bei Firmen oder der Regierung: Hier ist nur ein Bier erlaubt, da darf man keine Geschenke annehmen, und so weiter – da muss ich laut herauslachen. Und natürlich verteilt man bei der grossen Bürgernähe auch die Sympathien unterschiedlich. Ich würde nie behaupten, jeden genau gleich zu behandeln. Das fängt ja schon in der Familie bei meinen zwei Kindern an, wo ich mir immer die Frage stelle, ob ich in dieser oder jener Situation gerecht gewesen bin.

In Ihre Zeit als Politiker fiel auch die einschneidende Veränderung der Marktgasse. Vermissen Sie als Nostalgiker den alten Strassenzug mit der Falken-Bar et cetera?

Hotz: Von emotionaler Seite her vermisse ich die Falken-Bar, die Waldmann-Bar, das «Bahnhöfli»…
Langenegger: …das «Tropicana»…
Hotz: …natürlich das «Tropicana» und das «Rigi», absolut. Aber man muss sehen, dass die Häuser in der Marktgasse einfach verfallen wären, weil die Eigentümer ohne eine zusätzliche Ausnützung keinen Franken mehr investiert hätten. Aber alles ändert sich, deshalb ist diese Entwicklung nicht negativ.

Auf der gegenüberliegenden Seite der zahlreichen Neubauten stehen in der Marktgasse noch Zeitzeugen des alten Baar. Sind Sie froh, dass es diese gibt?

Hotz: Ich bin sehr froh, dass nicht alle auf einen Schlag neu bauten. Wenn alle möglichen Projekte in der Gemeinde umgesetzt würden, hätten wir Wachstumsraten wie die Rotkreuzer – und die werden deshalb Probleme haben, zum Beispiel mit der Integration.
Langenegger: Es ist schön, dass es den EDV-Laden und das «Bürgli» und weitere Läden in der Marktgasse noch gibt. Das beschriebene Beizensterben ist zudem längst vorüber, heute sieht es diesbezüglich wieder gut aus.

Paul Langenegger: «Das beschriebene Beizensterben ist zudem längst vorüber, heute sieht es diesbezüglich wieder gut aus.»

Gibt es denn genügend Treffpunkte?

Langenegger: Natürlich, schauen Sie sich doch nur mal in der «Braui» hier um – das steht für die Lebendigkeit. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, gesellig zu sein.

Die Trinkfreudigkeit von Ihnen beiden diente mehrmals als Fasnachtssujet. Wie lassen sich übertriebener Alkoholkonsum und ein Gemeinderatsmandat vereinbaren?

Hotz: Ich stehe dazu, dass ich manchmal die Grenzen überschreite, das war auch schon ein Thema in der Familie. Aber das gehört für mich zum Leben und ich will in den 30 Jahren, die mir noch bleiben, noch manches Fest feiern – gern auch mit Paul (dieser nickt zustimmend).

Paul Langenegger, Sie haben das Gemeindepräsidium knapp verpasst und sind nach einer legendenumwobenen Nacht, zu der Sie sich auch hier nicht äussern wollen, aus dem OK des Eidgenössischen Schwingfests 2019 in Zug ausgeschieden. Sind Sie, bei allem Erfolg, ein Gescheiterter?

Langenegger: Das mit dem Gemeindepräsidium haben wir ja schon besprochen. Und aus dem OK bin ich aus gesundheitlichen Gründen ausgetreten. Ich lag 2016 drei Tage auf der Intensivstation, wo mir bewusst wurde, dass ich mein Leben ändern musste, in Bezug auf Alkohol, aber vor allem in Bezug auf die Arbeit. Abgesehen davon weiss man ja, dass ich der Hauptverantwortliche dafür bin, dass das Esaf überhaupt in Zug stattfindet.
Hotz: Paul ist der genetische Erzeuger des Esaf. Allerdings war ich es, der ihn ermutigt hatte, nicht aufzugeben, nachdem zunächst eine Absage erfolgt war.

Also sind Sie, Andreas Hotz, eigentlich der geistige Vater des Esaf.

Langenegger: Nein, nein, auf keinen Fall! (beide lachen)

Der künftige Gemeindepräsident Walter Lipp wurde als Marionette der sogenannten alten Garde im Gemeinderat bezeichnet. Wie denken Sie darüber?

Langenegger: Als Andi mir an einem Morgen am Telefon sagte, dass er zurücktreten wird, war ich enttäuscht, verstand ihn aber. Dann machte ich mir Gedanken, wer aus dem Gemeinderat sein Nachfolger werden könnte und musste feststellen: Keiner hatte die Fähigkeit zu führen.

Ist es nicht vielmehr so, dass Ihnen einzelne Personen, wie beispielsweise Sylvia Binzegger, persönlich nicht passen?

Langenegger: Nein, dagegen wehre ich mich. Die CVP-Versammlung brachte klar zum Ausdruck, dass sie sie nicht will. Ich wollte einfach das Beste für die Gemeinde Baar und war es auch, der Walti Lipp fragte, ob er sich eine Kandidatur vorstellen kann.
Hotz: Ich hatte schon vor vier Jahren gesagt, dass ich 2018 nicht mehr antreten werde, von daher hat auch dich das nicht überraschen dürfen, Paul. Zu Walti Lipp: Er besprach sich nie mit mir, es war sein freier Entscheid. Ich wünsche ihm und dem neuen Team alles Gute, Baar ist mit den sieben Gemeinderäten, darunter drei Frauen, und der neuen Gemeindeschreiberin gut aufgestellt.

Das heisst, Sie beide gehen mit einem guten Gefühl?

Hotz: Ja, das kann man sagen (Langenegger stimmt zu).

Andreas Hotz, was ist eigentlich teurer: Gemeindepräsident zu werden oder Räbevater zu sein?

Hotz: Die Budgets waren genau gleich gross. Allerdings erhielt ich als Gemeindepräsidentschafts-Kandidat Spenden, deshalb war der Räbevater netto wohl teurer für mich.

Waren es sechsstellige Beträge?

Hotz: Nein, bei weitem nicht.

Wie organisierten Sie Ihr Berufsleben, nachdem Sie Gemeindepräsident geworden waren?

Hotz: Ich arbeitete noch zu 40 Prozent als Anwalt, zog mich aber aus dem forensischen Teil zurück. Das störte mich nicht, denn die Gerichtsarbeit war sowieso nicht meine Lieblingsdisziplin. Darüber hinaus habe ich ja einige spannende VR-Mandate. Zuletzt war es allerdings schon schwierig, das alles unter einen Hut zu bringen. Gemeindepräsident ist man ja sieben Tage die Woche während 24 Stunden. Ich freue mich darauf, dass die Agenda jetzt etwas freier wird.

Werden Sie beide sich weiterhin politisch betätigen?

Langenegger: Ich werde sicherlich weiterhin Leserbriefe schreiben, wenn es nötig ist. Wahrscheinlich werde ich an der ersten Gemeindeversammlung des neuen Rats anwesend sein, aber ganz hinten im Saal und ohne Wortmeldung – eine solche wird es von Paul Langenegger an einer GV nie mehr geben.
Hotz: Mein Motto war immer «servire et disparaître». Natürlich kann man bei Bedarf auf meine Erfahrung zurückgreifen, aber ich werde mich nicht aufdrängen.

Paul Langenegger: «Eine Wortmeldung wird es von Paul Langenegger an einer Gemeindeversammlung nie mehr geben.»

Andreas Hotz, ist eine Fortführung der politischen Karriere ein Thema für Sie?

Hotz: Ich habe immer gesagt, dass ich mir alle Optionen offenhalte. Es hat sicher seinen Reiz, einmal in Bern reinzuschauen. Aber ich würde mich erst damit befassen, nachdem ein Zuger Vertreter seinen Rücktritt bekannt gegeben hätte.

Paul Langenegger (CVP, 66) trat 1995 das Amt als Baarer Gemeinderat an. Von 1983 bis 2011 war er Standesweibel des Kantons Zug. Andreas Hotz (FDP, 59) amtete seit 2003 als Gemeinderat und seit 2007 als Gemeindepräsident. Zudem sass er von 1995 bis 2006 im Kantonsrat.

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