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BAAR: Das Kostbare liegt unter dem Glas

Walter Willisegger sammelt Bierdeckel und weitere Gegenstände von Brauereien. Der 72-Jährige fühlt sich dabei an seine Kinderzeit erinnert – und hat Gleichgesinnte gefunden.
Raphael Biermayr
Walter Willisegger präsentiert einen seiner 60 Ordner mit Bierdeckeln – hier einige Exemplare der Brauerei Baar. (Bild: Patrick Hürlimann (Baar, 17. März 2017))

Walter Willisegger präsentiert einen seiner 60 Ordner mit Bierdeckeln – hier einige Exemplare der Brauerei Baar. (Bild: Patrick Hürlimann (Baar, 17. März 2017))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Ob früher alles besser war? Man wird sich in dieser Frage wohl nie einig werden. Unumstritten ist aber, dass Bierdeckel früher von einer ganz anderen Qualität waren als die herkömmlichen Modelle aus heutiger Zeit: dreimal so dick wie die heutigen und damit sicherlich langlebiger. Das war früher vonnöten, dienten die Kartonuntersetzer ja mitunter als eine Art Schuldbrief für die konsumierten Getränke.

Darüber hinaus gibt es eine erstaunliche Breite an besonderen Exemplaren: Bierdeckel aus Stein, Holz oder Leder, oder solche mit einem in der Mitte eingelassenen Schwamm, möglicherweise zum Jassen. Wer sich davon überzeugen will, kann Walter Willisegger fragen, ob er dessen imposante Sammlung sehen darf. Sie umfasst über 3000 Bierdeckel, einige sind so neu, dass sie Nichtsammler noch nie zu Gesicht bekommen haben, wie beispielsweise ein druckfrisches Exem­plar der Brauerei Baar.

Wie einst im Kinderzimmer

Der Stolz der Sammlung ist aber ein Deckel der längst nicht mehr existierenden Aktienbrauerei Zürich aus den 1930er- oder 1940er-Jahren. Ein Bekannter hat Willis­egger diesen Schatz vermacht. Darüber hinaus sammelt er Bierflaschen, Brauerei-Jasskarten und -Tischsets, wie die Deckel ausschliesslich aus der Schweiz. «Deckel habe ich schon am meisten», sagt der 72-Jährige, der als Bub die Wände seines Zimmers in Arth damit tapeziert habe, bevor er nach langer Pause im Jahr 1979 «einfach so» wieder Lust an diesem Hobby hatte.

Willisegger bezeichnet sich nicht als verbissen – der Jagdinstinkt des Sammlers hat mit den Jahren etwas nachgelassen. Indizien dafür sind, dass er nicht mehr samstags um 5.45 Uhr den Flohmarkt am Zürcher Bürkliplatz nach Trouvaillen absucht oder nach Wattwil fährt, um eine besondere Flasche aufzuspüren. Und er lässt das Internet links liegen. Wobei: «Ein paar Mal habe ich schon reingeschaut. Aber die Preise sind viel zu hoch», erklärt er und winkt ab. Verbissen ist er also nicht, der Baarer, aber enthusiastisch ist er allemal.

Willis­egger wird den Schreibenden nach dem Treffen an­rufen, um ihn um Verzeihung zu bitten, dass er diesem nichts zu trinken angeboten habe – «ich war derart im Erzählfeuer». Apropos trinken: Der pensionierte ehemalige V-Zug-Montage­leiter sei kein grosser Bierlieb­haber. Wobei: «Bei den Treffen der Gambrinus (dem Schweizer Verein der Sammler von Brauereiartikeln, Anm. d. Red.) gibt es schon noch das eine oder andere Bier.» Das Wobei zieht sich durch die Schilderungen. Der Enthu­siasmus hat offenkundig manche Erinnerung zurechtgebogen. So habe Willis­egger lediglich einmal 100 Franken für eine seltene Flasche ausgegeben, erzählt er am Wohn­zim­mertisch in Baar. Dann bemerkt er ein Preisschild an einer über 100 Jahre alten Flasche, auf dem «150.–» steht. Die Mundwinkel un­ter dem weissen Schnauz schnel­len hoch, die blauen Augen funkeln: Leidenschaft eben.

Diese ging so weit, dass er die – im Gegensatz zu den Deckeln teilweise für sehr viel Geld gehandelten – Flaschen als Wert­sachen versichern wollte, allerdings ohne Erfolg.

Sämtliche Sammelgegenstände finden sich in einem Zimmer, das durch hohe Regale kleingeteilt ist. «Meine Frau hat mir von Anfang an klargemacht, dass diese Sachen nichts in der restlichen Wohnung verloren haben», sagt Willisegger klaglos, während sein Blick über die sehr reichhaltige Osterverzierung im Wohnzimmer schweift. Er hört es gern, wenn man sein Refugium «Archiv» nennt und nicht etwa «Grümpelcham­mere», wie das ein Bekannter mal getan hat.

Die Sache mit den Ordnereinlagen

Der Gambrinus-Verein, von den genau 100 Mitgliedern sind sieben aus dem Kanton Zug, leidet unter Nachwuchssorgen. Einige Sammlerkollegen sind bereits gestorben. Was dereinst mit seiner Sammlung geschieht, kümmert Walter Willisegger gegenwärtig nicht. Er weiss nur, dass seine Tochter und der Schwiegersohn kein Interesse daran bekunden. Der Reiz, sie selbst zu ergänzen, ist ungebrochen. «Es hat noch Platz für weitere Ordner im Zimmer», sagt er grinsend.

Ein ernsthaftes Problem beschäftigt Willisegger hingegen schon heute: Die speziell für Bierdeckel gestalteten Ordnereinlagen, die ein ehemaliger Sammlerkollege gefertigt hatte, sind nicht mehr erhältlich, und der Vorrat ist aufgebraucht. Man darf jedoch davon ausgehen, dass ihn das nicht in seiner Leidenschaft bremsen wird.

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