BAAR: «Den Chef fragt man nie etwas – nie»

Christoph Blocher spricht am Unternehmerfrühstück über sein Erfolgsrezept. Es dreht sich insbesondere um seine Person.

Silvan Meier
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Christoph Blocher am Unternehmerfrühstück in Baar. (Bild: Christian H. Hildebrand / Neue ZZ)

Christoph Blocher am Unternehmerfrühstück in Baar. (Bild: Christian H. Hildebrand / Neue ZZ)

Man kann über Christoph Blocher geteilter Meinung sein. Aber etwas muss man dem SVP-Übervater lassen. Er mobilisiert noch immer die Massen, auch nach seinem Rücktritt als Nationalrat Ende Mai. Erstmals musste das Baarer Unternehmerfrühstück nämlich in den Gemeindesaal verlegt werden. Die 145 Gewerbler hätten im Restaurant Sport-Inn nämlich keinen Platz gehabt. Knapp eine Stunde lang folgten sie den Ausführungen des Zürchers zum Thema «Unter welchen Voraussetzungen sind Unternehmen erfolgreich?». Blocher schöpfte dabei aus dem Fundus seiner eigenen Unternehmerkarriere, die nicht unumstritten ist.

So gibt seine Übernahme der Ems-Chemie bis heute Anlass zu Spekulationen. Die Firma sei in schlechtem Zustand gewesen, erklärt Blocher. «Nur so konnte ich mir den Kauf leisten», sagt der heute 73-Jährige. Reserven habe er keine gehabt. Doch das sei der Grundstein für seinen Durchbruch gewesen: «Ich war zum Erfolg verdammt.» Genau das mache den Unternehmer aus. Er lebe nicht von, sondern für sein Unternehmen. Gehe die Firma unter, dann der Unternehmer mit ihr. Und wie Blocher sagt, sei die Ems-Chemie nahe dran gewesen. «Wir haben nur überlebt, weil die Rechnungslegung Anfang der 80er-Jahre noch nicht so transparent war wie heute.» Nur deshalb habe er Bankkredite erhalten.

Kurz vor dem Aus

Die Ems-Chemie stellte zur Zeit der Übernahme durch Blocher Synthesefasern für die Textilindustrie her. Was in den 1950er- und 1960er-Jahren hervorragend funktionierte, rentierte zwei Jahrzehnte später nicht mehr. «Die Textilindustrie wanderte nach Asien ab», so Blocher. «Und die machen dort ein Hemd für 80 Rappen.» Er habe deshalb die Konkurrenz aus Europa, die letztlich im gleichen Boot sass wie er selbst, in sein Schloss Rhäzüns eingeladen. Die Konkurrenten hätten untereinander ausgetauscht, wie sie sich gegen die Billiganbieter aus Fernost behaupten wollen. Was er damals gehört habe, erstaune ihn heute noch. Alle hätten auf ihre Qualität gesetzt. «Dabei habe ich gewusst, dass ihre Fasern schlechter sind als unsere», so Blocher. «Für mich war klar: Wenn wir bei unserem Geschäft bleiben, ‹verjagt› es uns sicher, und wenn wir uns neu ausrichten, dann ‹verjagt› es uns nur vielleicht.»

«Wichtigste Ressource ist Zeit»

Diese Überlegungen hätten sich die anderen nicht gemacht, weil sie im Geld geschwommen seien. «Aber wenn du die Wahl hast zwischen ‹sicher fertig› und ‹vielleicht fertig›, nimmst du das ‹vielleicht›.» Überlebt habe von den damals anwesenden Firmen übrigens nur die Ems-Chemie, so Blocher stolz. Der Grund liegt für den Unternehmer auf der Hand: «Weil wir kein Geld hatten, mussten wir handeln.» Daraus leitet er eine seiner Regeln ab: «Unternehmen überschätzen sich immer, wenn es gut läuft.» Er habe in guten Jahren geschaut, wo seine Firma Schwächen habe, und in schlechten habe er sich auf die Stärken fokussiert.

Blocher arbeitet auch mit Beispielen aus der Politik. In seiner Zeit als Bundesrat habe er von seinen Verwaltungsmitarbeitern bei neuen Aufgaben als Erstes die Forderung nach Geld und Leuten gehört. Auch wenn er Unternehmer frage, was denn die wichtigste Ressource im Betrieb sei, höre er oft diese Antwort: Geld und Leute. Komplett falsch aus Blochers Sicht: «Die wichtigste Ressource ist Zeit.» Und zwar seine. Deshalb führe er seine Agenda selber, und deshalb lautet ein weiterer Grundsatz seines Führungsstils: «Den Chef fragt man nie etwas – nie.» Das habe nichts mit Überheblichkeit zu tun. Der Chef müsse sich mit der Analyse von grundsätzlichen Problemen beschäftigen, jede Ablenkung schade. Von seinen Mitarbeitern verlangt er, dass sie ihm Anträge stellen, allenfalls mit verschiedenen Varianten.

Befehlsausgabe morgens um 6

Trotz der klaren Hierarchien: Mitspracherecht hätten seine Angestellten durchaus. Dann zum Beispiel, wenn es um Kostensenkungen gehe. «Chefs wissen nicht, wo sparen.» Die Leute an der Basis hingegen wüssten, wo die Leerläufe sind. Und diese müssten sie dem Chef rapportieren. Blocher macht das so, wie man es von ihm erwartet – auf «dramatische» Art, wie er es nennt. «Ich habe jeweils am Montagmorgen um sechs Uhr zur Befehlsausgabe eingeladen.» Modern kann man Blochers Führungsstil nicht nennen. Es ist auch nicht anzunehmen, dass die Baarer Gewerbler nun neue Saiten aufziehen. Eine Botschaft ist aber bei ihnen angekommen: Den Chef fragt man nie etwas. In der Fragerunde jedenfalls herrschte Schweigen.