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BAAR: Der Baarer Heinz Knauer hat sein Arbeitsleben an der Graviermaschine verbracht

Die meisten Männer gehen mit 65 Altersjahren in die Pension. Der Glasgraveur Heinz Knauer (83) hat sich nach derselben Anzahl Arbeitsjahre zu diesem Schritt entschlossen. Zeit für eine besondere Lebensgeschichte.
Raphael Biermayr
Heinz Knauer hat über sein ganzes Arbeitsleben gesehen Jahre an der Graviermaschine verbracht. (Bilder: Stefan Kaiser (Baar, 15. Februar 2018))

Heinz Knauer hat über sein ganzes Arbeitsleben gesehen Jahre an der Graviermaschine verbracht. (Bilder: Stefan Kaiser (Baar, 15. Februar 2018))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Ein kurzer Seufzer durchdringt die gespannte Stille, gefolgt von einem ausgiebigen Knarren: Es stammt nicht vom Rücken von Heinz Knauer: Der Stuhl, auf dem er sich niederlässt, ächzt. Dann spannt Knauer ein Werkzeug in die Maschine und korrigiert die leichte Unwucht des kleinen Rädchens an der Werkzeugspitze mit leichten Hammerschlägen. «So!», sagt Knauer schliesslich, schmiert etwas Sand auf das Rädchen und beginnt, ein Muster in ein Trinkglas zu gravieren. Seine Augen beobachten, wie die Hände unter dem Lichtkegel einer einfachen Lampe wie von selbst den Abläufen folgen, die sie längst perfektioniert haben – nach 65 Jahren.

«So!», sagte der 83-Jährige vor kurzem auch in einem grösseren Zusammenhang. Ende März wird er sein Atelier räumen und in Pension gehen. Diese Entscheidung ist dem Baarer schwergefallen. An der Maschine sitzend, spürt er sein Alter nicht. «Aber die Beine machen nicht mehr mit. Wenn ich Gläser trage, muss ich aufpassen, nicht überall gegen zu stossen», erklärt Knauer. Er lächelt ein Lächeln der Ergebenheit gegenüber dem Lauf der Dinge.

Sein Atelier befindet sich an einem Ort, an dem man es nie vermuten würde: in einem der seelenlosen Gewerbegebäude in der Baarermatte. Knauer gehörte zu den ersten Mietern, nachdem das Gebäude 1997 fertiggestellt war. Die Liebe hat ihn von Kriens nach Baar verschlagen. Vor über 20 Jahren lernte er auf einem Segeltörn seine heutige Lebenspartnerin kennen. Sie will nicht namentlich genannt werden – der Graveur und dessen Arbeit sollen im Mittelpunkt stehen.

Ein Leben an vielen Orten

Für Knauer war es nach der Begegnung mit ihr Zeit, sein an Stationen reiches Leben um eine zu erweitern. Er wuchs in Schlesien im heutigen Polen auf und erlebte als kleiner Junge mit, wie die Rote Armee einmarschierte. «Wir Kinder wussten ja nicht, was Krieg ist. Deshalb war es aus unserer Sicht keine gefährliche Situation», sagt Knauer. Er erinnert sich erstaunlich detailreich an diese Zeit. Auch an die folgende Ansiedlung der Familie in Norddeutschland und die Rückkehr des Vaters nach der Kriegsgefangenschaft in Russland. Der Vater war Graveur und weihte den Sohn in sein Wissen ein. Dieser machte die Lehre in der bekannten Glasindustrie-Stadt Zwiesel in Bayern. «Beim Eintritt gab es einen Wettbewerb. Wer am besten gravierte, bekam das erste Jahr an der Schule geschenkt.» Knauer gewann.

Um eine Arbeitsstelle musste er sich nicht sorgen. An einer Messe in Frankfurt waren Arbeiten der Schule ausgestellt, darunter auch solche des Lehrlings Heinz Knauer. Ein Vertreter der Luzerner Firma Buchecker wurde auf die Stücke aufmerksam. «Er dachte, die hätte ein Meister gemacht», erzählt der 83-Jährige grinsend. Knauer wurde unter Vertrag genommen, Mitte der 1950er-Jahre kam er im Alter von 20 in Luzern an und arbeitete während zehn Jahren für die Firma. Es waren schöne Jahre, folgt man Knauers Schilderungen. Der begeisterte Kunstturner und Leichtathlet fand rasch Anschluss – auch dank seiner aussergewöhnlichen Arbeit: Gravierte Gläser seien im Bekanntenkreis zu beliebten Geschenken geworden. Seine Arbeiten waren auch sonst gefragt, das Gleiche gilt für seine Zuverlässigkeit. In einem Metier, das keine Fehler verzeiht, hat er angeblich nur selten welche gemacht. Und einen Auftrag abgelehnt habe er nie, egal, wie schwer er umzusetzen war. «Im Gegensatz zu Arbeitskollegen, die nur Hirsche oder Blumen gravieren konnten oder wollten, machte ich alles», sagt er stolz. Nachdem sich der damalige Patron von Buchecker zur Ruhe gesetzt hatte, machte sich der Glasgraveur selbstständig, zunächst in Kriens, dann in Meggen, später in Baar. Die Auftragslage variierte, auch weil immer mehr Fachgeschäfte schlossen. «Aber ich hatte immer genug zum Leben», sagt Knauer.

Kein Nachfolger gefunden

Nun findet sich im Atelier in Baar ein reiches Erbe, das niemand antreten will. Das Erbe des vielleicht letzten Glasgraveurs der Schweiz, wie Knauer und seine Lebenspartnerin vermuten. Die Suche nach einem Nachfolger sei vergeblich gewesen. Knauer hätte gern sein Wissen weitergegeben. In einer klobigen Wohnwand in der Werkstatt stehen die letzten handgravierten Gläser, Karaffen und weitere Exponate zum Verkauf (siehe Hinweis). Der Preis sei Verhandlungssache.

Auch die Maschinen würden zum Verkauf stehen. Eine davon wurde einst in Luzern eigens für einen jungen, talentierten Mann angeschafft. Für den Mann, der über 60 Jahre später immer noch daran sitzt. Nicht mehr lange.

Hinweis Heinz Knauers Atelier an der Baarermattstrasse 10 hat diese Woche an folgenden Tagen geöffnet: Donnerstag und Freitag von 14 bis 18 Uhr, Samstag von 11 bis 17 Uhr. Besuche ausserhalb dieser Zeiten können telefonisch unter 041 760 82 00 vereinbart werden.

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